Konzert

Ihr Kinderlein kommet

Wenn "In der Weihnachtsbäckerei" heute nicht gesungen würde, sagt Ilse Franz voller Überzeugung, "ja, dann würde uns wirklich etwas fehlen." Wie bei vielen anderen in der Seniorengruppe rangiert das Lied bei den persönlichen Weihnachtsliedercharts der 79-Jährigen auf Platz Eins. Einmal im Jahr kommen die Kinder des Dorfkindergartens Marzahn in das Haus der evangelischen Kirchengemeinde Marzahn-Nord, um dort für die Seniorengruppe zu singen.

"Die Kleinsten sind erst drei Jahre alt", sagt Ilse Franz. "Sie singen und sagen auch Gedichte auf. Das ist immer sehr niedlich. Wir sind jedes Jahr gerührt davon."

Für die Zuhörer ist es ein fester Bestandteil ihrer Adventszeit geworden. "Eigentlich ist es sogar der Höhepunkt", sagt Edeltraud Krämer, 76. Seit 1989 wohnt sie in Marzahn, seit 1998 gehört sie zur Seniorengruppe der Gemeinde. Sie freut sich schon Wochen vorher auf den Tag. "Es gibt zwar auch ein paar moderne Weihnachtslieder, die wir nicht mitsingen können, die sind auch nicht schlecht. Aber die bekannten sind doch immer die schönsten", sagt sie. "Und bei der Weihnachtsbäckerei kann ich jede Strophe mitsingen."

Lieder zwischen Plattenbauten

Heute strömen die 21 Mitglieder der Seniorengruppe wieder aus ihren Hochhaus-Wohnungen der nahen Umgebung in das Gemeindehaus. Fast alle sind Frauen. "Kein Wunder", sagt Ilse Franz. "75 Prozent von uns sind verwitwet. Und die wenigen Männer, die noch da sind, haben keine Lust oder können nicht mit." Die Männer verpassen etwas, da sind sich Ilse Franz und Edeltraud Krämer einig. Das nüchterne Gebäude mit dem sachlich eingerichtet Hauptsaal hat auf den ersten Blick zwar eher den Charme einer Turnhalle. Und an das Grundstück grenzen große Plattenbauten. Doch wenn die Kinder zum Adventsingen kommen, scheint ein feierlicher Glanz über allem zu liegen. Schon im Eingangsbereich finden sich vereinzelt Lichterketten, das Licht im Gemeindesaal ist gedimmt. Die vielen Tische sind jeweils für sechs Personen gedeckt und mit Kerzen, Tannenzweigen und Apfelsinen dekoriert. Auf den Tellern liegen Spekulatius und Lebkuchen. Auch die Gesangsbücher fehlen nicht. In einigem Abstand steht der Altar, beleuchtet von einem kleinen gelb-roten Herrnhuter Stern und einem Riesenadventskranz. An der Wand links neben dem Eingang ist schon ein großes Kuchenbuffet aufgebaut. Es duftet nach Nuss-Schnecken, frischem Stollen und Mohnkuchen.

In einem Raum hinter dem Hauptsaal ziehen sich schon die kleinen Sänger um. Es geht ein bisschen hektisch zu, die Kinder sind aufgeregt. Zwei Gruppen sind heute mitgekommen: die "Sonnenkinder", in grünen Gewändern und die "Sternenkinder", in blauen Gewändern. Normalerweise machen die Kinder bis halb drei ihren Nachmittagsschlaf, heute durften sie schon um zwei aufstehen. Erzieherin Gundel Rech, 57, unterbricht eine Rangelei zwischen einem kleinen Mädchen und größeren Jungen. "Er hat mich gestänkert!", ruft die Kleine empört. Doch für längere Ausführungen bleibt keine Zeit. Ganz schnell soll noch einmal "In der Weihnachtsbäckerei" geübt werden. Sie wollten es in diesem Jahr eigentlich gar nicht singen, doch dann hatten die Erzieherinnen gehört, dass es immer ein Highlight für die Senioren ist. "Also singen wir es noch schnell mal durch, damit die Kinder sich drauf einstellen können", sagt Gundel Rech. Melanie, 5, und Jonas, 6, jubeln. "Das ist unser Lieblingslied!" Lennox, 5, wird mit Weihnachtsmannmütze ausgestattet. Fiona, 5, bekommt auch einige Requisiten. "Ich bin heute das Glöckchen", sagt sie. "Ich muss an der richtigen Stelle bimmeln."

Bevor die Kindergartenkinder in den Saal kommen, wird dort erst einmal gemütlich Kaffee getrunken. Es gibt viel zu erzählen. Denn traditionell bekommen die rund 20 Marzahner Senioren an diesem Tag Besuch von knapp 30 Staakener Senioren der evangelischen Kirchengemeinde Heerstraße Nord. Genau vom anderen Ende Berlins. "Da kann man mal sehen, wie weltreisend wir Spandauer sind", sagt Heidi Helbig, 71. "Als ich mal mit meinem Mann in Hongkong war, stand uns in einem Kaufhaus plötzlich sein Arbeitskollege aus Spandau gegenüber. So ist das mit uns Spandauern. Wir sind überall." Im Gegenzug fahren die Marzahner an Ostern nach Staaken. "Diesen Austausch haben wir schon vor der Wende gemacht", sagt Renate Titze, 82. Die gebürtige Schlesierin kommt eigentlich aus Prenzlauer Berg und wohnt seit 1997 in Marzahn. Sie engagiert sich viel für die Seniorengruppe, schreibt Geburtstagskarten, muntert Kranke auf und hilft natürlich regelmäßig beim Tischdecken für das Kaffeetrinken.

Lächeln auf dem Gesicht

Und dann kommen sie, die kleinen Sängerinnen und Sänger: Ein bisschen aufgeregt, in Glitzergewändern und mit Windlichtern in den Händen gehen die Kinder zwischen den Stuhlreihen der Senioren nach vorne zum Altar und stellen sich auf. Die beiden Erzieherinnen legen die Gitarre bereit. Los geht es mit "Guten Abend, schönen Abend". Dann sprechen die Kinder mit Pieps-Stimmen kurze Weihnachtsgedichte in ein großes schwarzes Mikrofon. Anschließend singen sie "Ihr Kinderlein kommet". Ein Lied, das allen 50 Senioren ein Lächeln auf das Gesicht zaubert. Sie schauen sich an und stimmen dann alle ein. Edeltraud Krämer lacht herzlich über einen kleinen Jungen in viel zu großen Jeans. "Das seht ja so niedlich aus!"

Nach ungefähr einer halben Stunde ist das Repertoire der Kindergartenkinder erschöpft. Alle Sänger bekommen riesige Schokoladen-Nikoläuse als Dankeschön und verschwinden nach und nach wieder aus dem Saal. Die älteren Damen schauen den Kindern nach. Ein Gemeindemitarbeiter versucht die Aufmerksamkeit der älteren Menschen auf sich zu ziehen. Er stimmt ein Lied an. Aber es ist anders als die Lieder, die gerade eben noch durch den Saal schallten. Es klingt feierlich, aber auch ein bisschen traurig. Draußen biegt bereits der große Reisebus in die Straße ein, der die Staakener zurück nach Hause bringen soll. Gisela Hartfiel (74) zieht sich den Mantel an. "Wir müssen jetzt los", sagt sie, "aber wir freuen uns schon aufs nächste Jahr."