Ratgeber

Warum bekommen wir von der Therapeutin keine klare Diagnose?

Wir waren mit unserem zweijährigen Sohn Max beim Kindertherapeuten. Sowohl zu Hause als auch im Kindergarten fällt seine merkwürdige Art auf, Kontakt aufzunehmen: Er steht lange vor einem und schaut intensiv und mit durchdringendem Blick. Wenn er angesprochen wird, wendet er sich unvermittelt ab. Die anderen Kinder verstehen seine Reaktionen nicht. Die Therapeutin meint, dass das auf keinen Fall autistisch sei, aber sie konnte uns nicht genau sagen, was Max hat. Sabine T., per E-Mail

Auffälliges Kontaktverhalten ist eine häufige Ursache für Vorstellungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dabei handelt es sich allerdings nicht um ein spezifisches Symptom, was man in etwa mit dem Fieber bei körperlichen Erkrankungen vergleichen kann. Fieber ist ja keine Krankheit im engeren Sinne. So geht es auch bei den Kontaktstörungen darum, die Ursache zu ergründen! Man kann diese Verhaltensauffälligkeit mit einer grundlegenden Störung im Betriebssystem der Seele vergleichen. Neben den wirklich krankhaften, aber zum Glück seltenen Ursachen wie Autismus findet sich häufig schon früh ein "Missverständnis" im Kommunikationsaustausch zwischen Eltern und Kind. Dabei ist von Bedeutung, wie die Eltern in ihren jeweiligen Familien miteinander umgegangen sind. Deshalb erhebt jeder Kinderpsychiater oder -therapeut eine ausführliche Familien-Vorgeschichte, in der nach Erkrankungen oder auffälligem Kontaktverhalten bei Angehörigen gefragt wird. Früher war es auch in der Körpermedizin oft schwierig, genaue Angaben zu erhalten, weil es den Menschen peinlich war, vor dem Arzt über körperliche Schwächen zu reden. Bei den psychischen Erkrankungen ist dies leider oft noch so. Die Scham der Menschen, über Auffälligkeiten in ihren Familien zu reden, ist immer noch groß und auch das Verständnis in der Bevölkerung, psychische Problemen als Alltagsproblematik zu sehen, ist nicht gut entwickelt. Es beschränkt sich meist auf schwere Störungen (etwa ein Verfolgungswahn), die auch jeder Laie erkennen würde. Die Anzeichen seelischer Störungen werden leider oft diskriminiert. Deshalb ist es (anders als beim Fieber!) zwar wichtig, eine konkrete Diagnose zu stellen, wenn es eine gibt, aber für Max ist letztlich nur von Bedeutung, dass seine Probleme rasch angegangen werden.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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