Mamas & Papas

Ungeliebte Weihnachtsfeierei

Wir sind eine demokratische Familie. Mehrheitsentscheidungen werden klaglos hingenommen, sofern die Chefin auch dafür ist. Wenn man Kindern die gesellschaftlichen Grundregeln nicht früh genug vorlebt, ist plötzlich Stuttgart 21 im Schöneberger Altbau.

Bisweilen kommt allerdings konkurrierend das Gleichberechtigungsthema auf. Beim Fernsehen zum Beispiel: Wenn die drei männlichen Familienmitglieder "Fluch der Karibik" schauen wollen, das Matriarchat aber einen Naturfilm aus dem hintersten Finnland, gelten neue Regeln: Eine Frauenstimme mit Bildungsanspruch zählt immer mehr.

Neulich wurde in der Grundschule Demokratie geübt. Die brennende Frage: Weihnachtsfeier in der Klasse oder nicht? Die Antwort war klar: natürlich nicht. Die erste Weihnachtsfeier in irgendeinem vergnügungsorientierten Reklame-Unternehmen fand bereits statt, noch bevor der Halloween-Kater verflogen war. Bis zum heiligen Abend dürften die zwei Dutzend voll sein.

Weihnachtsfeiern sind die Pest: Menschen, die sich das ganze Jahr über anschweigen und meistens zu Recht, setzen sich alberne rote Mützen auf und starren schweigend in den Glühwein, den man in rauen Mengen trinkt, obwohl er hämmernden Kopfschmerz verursacht. Aber irgendwie muss man die bleierne Zeit ja rumkriegen. Weil in Grundschulen ausschließlich aufgewärmter Johannisbeersaft gereicht wird, fällt der einzige attraktive Programmpunkt weg. Stattdessen stopfen sich die Kinder mit Süßkram voll, um sich dann im Zuckerrausch zu massakrieren. Bethlehem-Feeling kommt nichtmal auf, wenn die selten textsicheren Racker ihre Lieder absingen, angeleitet von einer rotgefleckten Pädagogin, die so laut souffliert, dass man die Kinder kaum hört. Alle Eltern filmen. Wir auch, aus Höflichkeit. Die Filme gucken wir uns nie an.

Schlimmer sind nur Weihnachtsfeiern mit Erwachsenenbespaßung, Wichteln zum Beispiel, eine Unterart der Sperrmüllentsorgung. Jeder darf irgendein Steh-im-Weg von zuhause mitbringen; der ganze Schrott wird in einem unverständlichen Würfel- und Tauschverfahren reihum verlost. Das Ergebnis ist immer das gleiche: Die guten Sachen kriegen die anderen.

Wie ließ sich nun die Weihnachtsfeier in der Schule verhindern? Ich könnte mich als Mahnwache vor dem Schultor aufstellen, mit einem Plakat: "Von deutschem Boden soll nie wieder eine Weihnachtsfeier ausgehen." Am Abend vor der Abstimmung werde ich mich am Schulzaun festketten, nur mit roter Mütze und einer strategisch klug platzierten Lichterkette bekleidet, um ein Team der Abendschau anzulocken.

Gestern Nachmittag wurde übrigens das Ergebnis der klasseninternen Abstimmung bekannt gegeben: Die schweigende Mehrheit hat sich in einer unerwartet deutlichen Mehrheit gegen den Sing- und Keks-Terror ausgesprochen. Es besteht Hoffnung für den Feierstandort Deutschland.

Kommende Woche schreibt hier wieder Susanne Leinemann. Das Buch "Mamas & Papas: Wie wir täglich fröhlich scheitern", Diana Verlag, 12,99 Euro, gibt es im Handel.