Ratgeber

Warum ist unsere Tochter manchmal so schüchtern?

Unsere Tochter Leslie ist jetzt 5 Jahre alt und manchmal so zurückhaltend, dass ich mir Sorgen mache. Das Erstaunliche ist, dass sie sich so unterschiedlich verhalten kann: Manchmal schweigt sie über Stunden, wenn wir Besuch bekommen (auch anderen Kindern gegenüber). Aber manchmal ist sie wiederum ganz lebhaft und kontaktfreudig.

Sie geht schon seit einiger Zeit in die Kita und fühlt sich dort ausgesprochen wohl und hat gute Kontakte zu fast allen Kindern aus ihrer Gruppe. Auch mein Mann und ich sind sehr kontaktfreudig und lebhaft. Wie ist dieses so unterschiedliche Verhalten von Leslie zu erklären?

Es ist fast der Normalfall, dass Kinder nicht in allem ihren Eltern ähneln oder gleichen. Vermutlich ist Leslie von ihrer Persönlichkeit her etwas vorsichtiger im Umgang mit anderen Menschen als Ihr Mann und Sie selbst. Ihrer Schilderung des Verhaltens Ihrer Tochter entnehme ich, dass Leslie wahrscheinlich nach ihren eigenen Kriterien auswählt, zu wem sie intensiveren und zu wem sie weniger Kontakt haben möchte. Dies spricht für ein gutes Selbstbewusstsein Ihrer Tochter: Sie passt sich nicht so schnell gesellschaftlichen Normen an und ist offensichtlich nicht auf die Anerkennung von allen oder gar einem Publikum angewiesen. Wenn es Ihnen gelingt, ohne Erwartungs- und Problemdruck mit Leslie darüber zu sprechen, ob sie selbst mit ihrer Art des Umgangs mit anderen Menschen zufrieden ist, wird sie sich Ihnen möglicherweise öffnen und Ihnen schildern, warum sie manchmal einfach keinen Kontakt zu bestimmten Menschen haben möchte. Oder ob es zum Beispiel Situationen gibt, in denen sie einfach schüchtern ist. Vielleicht sagt sie Ihnen auch, dass sie manchmal gerne etwas mutiger wäre, sich aber nicht (noch nicht) traut. Insgesamt nimmt Leslie offensichtlich eine sehr positive Entwicklung - deshalb sollte sie auch selbst entscheiden können, ob, und wenn ja: welche Unterstützung sie von Ihnen möchte oder ob sie lieber so bleiben möchte, wie sie ist und sie sich wahrscheinlich sehr wohl fühlt.

Noch ein zusätzlicher Hinweis: Generell ist es für eher zurückhaltende Kinder sehr hilfreich, wenn ihre Eltern - für das eigene Kind gut erkennbar - hilfsbedürftigen Menschen gegenüber offen sind und diese in irgendeiner Form unterstützen. Wenn Kinder ein solches Verhalten bei ihren Eltern wahrnehmen, verlieren sie schneller ihre Scheu vor dem Kontakt mit anderen Menschen und erkennen auch die positive Wirkung von hilfreichem Verhalten.

Dr. Heidemarie Arnhold ist Pädagogin und Vorsitzende des Arbeitskreises neue Erziehung (Ane)

Die vorangegangenen Antworten unserer Experten finden Sie unter morgenpost.de/familie/expertenfrage . Morgen berät Sie Dr. Max Braeuer in Rechtsfragen. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an familie@morgenpost.de