Taizé-Treffen

Miteinander reden, gemeinsam beten

Mittagszeit an der Karl-Liebknecht-Straße in Mitte. Es herrscht Geschäftigkeit: Die einen schlingen schnell ein Brötchen runter, die anderen wechseln mit Tüten rechts und links in den nächsten Laden, Touristen sind auf dem Weg zum Fernsehturm.

Und dann sind da noch einige Dutzend Menschen, die die Stufen zur Marienkirche hinabsteigen. Sie kommen, um am Mittagsgebet von Taizé teilzunehmen. Es sind Menschen, die Taizé kennen, die die Lieder von Taizé mögen, und es sind Menschen, die neugierig sind, oder die kurz einmal Ruhe suchen. Anders als sonst zu Gottesdiensten finden viele junge Menschen den Weg in die Kirche. Aber dafür steht Taizé auch: Die ökumenische Bruderschaft ist vor allem bekannt für Jugendtreffen, die das ganze Jahr über in Taizé und immer zum Jahreswechsel in einer anderen europäischen Stadt stattfinden. Junge Christen aus aller Welt begegnen sich hier, überwinden Sprachbarrieren, finden sich in gemeinsamen Gesprächen und Gebeten zusammen.

"In Taizé finde ich Ruhe"

Auf Einladung der evangelischen und der katholischen Kirche sowie des Berliner Senats findet das Taizé-Treffen nun erstmals in Berlin statt. Vom 28. Dezember bis 1. Januar werden 30 000 Jugendliche und junge Erwachsene aus ganz Europa und darüber hinaus erwartet. Da gibt es viel zu tun: Schlafplätze werden gesucht, Kirchengemeinden müssen zur Beteiligung am Programm ins Boot geholt werden, Gebete organisiert, Workshops vorbereitet werden. Im September ist ein Team von fünf Brüdern aus Taizé angereist, um all dies zu planen und umzusetzen. Unterstützt werden sie von Freiwilligen, darunter vielen Jugendlichen aus Berlin.

Auch Tina Jany, Lisa Blank und Christopher Hertwig gehören zum Vorbereitungsteam. Für die drei jungen Berliner war es keine Frage, ob sie sich für das Treffen engagieren wollen, schließlich waren sie selbst schon in Taizé und sind begeistert von der Idee. "In Taizé finde ich Ruhe, komme aus dem Studienalltag heraus", sagt Lisa Blank aus Tempelhof. Die 22-jährige Protestantin studiert Grundschulpädagogik, war bereits viermal in Taizé und hat an zwei europäischen Jugendtreffen teilgenommen. Obwohl sie mit ihrem Studium eigentlich genug zu tun hat, arbeitet sie bis zu zehn Stunden in der Woche für das Taizé-Treffen. Jeden Sonnabend fährt sie ins Vorbereitungszentrum nach Lichtenberg. Dort telefoniert sie, übersetzt Texte, bereitet Infomaterial vor. Außerdem wirbt sie in vier Gemeinden für das Treffen. Manchmal sei das schon anstrengend, zumal sie mitunter auch auf Ablehnung stößt, aber "man wird auch mutiger und traut sich mehr zu". Außerdem würde sie es wohl nur einmal erleben, dass Taizé in ihre Stadt kommt, "da möchte ich auf jeden Fall dabei sein."

So geht es auch der 19-jährigen Tina Jany. Sie bereitet sich gerade auf ihr Abitur vor, dennoch nimmt sie sich die Zeit, das Taizé-Treffen mit vorzubereiten. Schon als kleines Mädchen ist die Katholikin aus Prenzlauer Berg mit ihren Eltern nach Taizé gefahren. Aber ihr "richtiges" Taizé-Erlebnis, ihre persönliche Auseinandersetzung mit dem Glauben und Gott hatte sie erst, als sie mit 16 Jahren zum ersten Mal allein dorthin fuhr. Fasziniert war sie davon, wie schnell dort Kontakte geknüpft werden: "Es gibt keine Höflichkeitsbarrieren, keine Oberflächlichkeit, man redet viel tiefer miteinander als sonst", sagt sie, "und jedes Mal, wenn ich in Taizé war, habe ich neue Antworten gefunden".

Für Bruder Han-Yol, der in Berlin das Vorbereitungsteam leitet, liegt hier der Kern von Taizé. " Gerade ältere Jugendliche stellen sich viele Fragen, setzen sich mit Glauben und Gott auseinander", hat er beobachtet. Deshalb bedauert er es, dass es für sie in vielen Gemeinden so wenige Angebote gibt." Oft haben Jugendliche zwar bis zu ihrer Firmung bzw. Konfirmation Bezug zu einer Gemeinde, aber danach würden sich viele nicht mehr angesprochen fühlen. Selbst in den Jugendkellern und Jugendgruppen liegt das Höchstalter meist bei 14, 15 Jahren. "Die jungen Leute suchen erst wieder den Kontakt zur Gemeinde, wenn sie selbst Kinder haben", hat Bruder Han-Yol beobachtet. Ein Zustand, den Christopher Hertwig gern ändern würde. Der 24-Jährige aus Spandau studiert evangelische Theologie und ist überzeugt, dass Jugendliche viel stärker in die Gemeindearbeit einbezogen werden und Verantwortung übernehmen könnten. Wenn er nach seinem Studium eine Pfarrerstelle in Berlin findet, will er sich auch dafür einsetzen und den Geist von Taizé dabei weitergeben. Schließlich hat Taizé wesentlich seinen Glauben gestärkt. Christopher Hertwig ist zwar getauft, wurde in seiner Familie aber nicht religiös erzogen, "bei uns wurde nicht gebetet und in die Kirche gingen wir auch nicht". Aber seine Eltern waren offen, als sich der Sohn entschloss, zum Konfirmandenunterricht zu gehen. Schon mit zwölf Jahren hatte ihn die Gott ablehnende Haltung älterer Mitschüler herausgefordert.

"Das hat letztlich mein Interesse geweckt", sagt er - und ihn schließlich dazu bewogen, Theologie zu studieren. Seine Eltern waren ein wenig verwundert, aber haben ihm vor fünf Jahren gesagt: "Okay, versuch mal". Und aus diesem Versuch ist inzwischen fast ein Beruf geworden.

Üben für den Beruf

Jetzt während der Vorbereitungen für das Taizé-Treffen kann Christopher Hertwig schon mal üben für diesen Beruf. Er hält jeden Sonntag eine Taizé-Andacht in einer Jugendgruppe, und er ist dafür verantwortlich, in seiner Gemeinde Schlafplätze zu organisieren. "Viele haben Angst, dass das Treffen zu viel Arbeit macht", hat er festgestellt "aber eigentlich soll das Treffen ja ganz unkompliziert und einfach ablaufen", erklärt er. Darum steht die Beschaffung von Quartieren unter dem Motto "2 m² im Warmen = ein junger Gast", Schlafsack und Iso-Matte würden die Jugendlichen mitbringen, erklärt Bruder Han-Yol, sie bräuchten nur ein wenig Platz, um beides auszurollen. Ziel ist es, möglichst viele Jugendliche in Gastfamilien unterzubringen, weil diese Begegnungen und die Gespräche am Frühstückstisch zur Idee von Taizé dazugehören.

Der Austausch, die Überwindung von Barrieren ist auch ein persönliches Anliegen von Bruder Han-Yol, der aus Südkorea stammt und von der Teilung seines Landes geprägt ist. 1988 kam der Katholik nach Taizé: "Eigentlich wolle ich nur drei Monate bleiben", erzählt er, "daraus sind inzwischen 23 Jahre geworden." 23 Jahre, in denen er mit seinen evangelischen und katholischen Mitbrüdern die Ökumene gelebt hat. 23 Jahre, in denen er den Gedanken, Grenzen zu überwinden, in die Welt getragen hat. Nun hofft er, dass er bei den Jugendlichen in Berlin ankommt.