Konsum

Ich shoppe, also bin ich

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Es muss anzunehmen sein, dass das Leben für Männer früher einfacher war. Nimmt man zum Beispiel das Einkaufsverhalten, so hatte der Mann nicht mehr zu tun, als die Tüten zu tragen und gelegentlich zu seufzen. Seine Meinung war nicht gefragt. Er war ein wandelnder Geldbeutel mit Muskeln, der keine Meinung zu haben hatte und sich tatsächlich nicht besonders für die Wunder der Mode interessierte, tatsächlich sogar gar nicht

. Früher waren alle Männer irgendwie gräulich gekleidet, was wohl daran lag, dass die Frauen ihnen einfach was Praktisches zum Anziehen rauslegten. Irgendetwas, auf dem man den Schmutz nicht so sah. Dass Männer gerne kleckern, ist ja bekannt.

Es ist weiterhin anzunehmen, dass das Leben in Sachen Einkauf für Männer nicht mehr als ein angenehmes Summen bereit hielt, ein kleines, irgendwie anregendes Störgeräusch auf dem Weg zur Sportschau. Was das Einkaufen betraf, so war es eine Welt der Frauen: Weibliche Verkäufer, weibliche Modelle, weibliche Freude an der bunten Vielfalt, während es für den Mann immer den gleichen oder einen ähnlichen Anzug gab, und zwar in Braun, Grau, Schwarz und Blau. Nicht mal die Siebziger konnten etwas daran ändern. Die Männer sahen irgendwie gleich aus, Jeans und Hemden. In den Achtzigern: Reden wir nicht drüber. Niemand will einen Mann in wadenlangen Karottenhosen sehen, nicht mal, wenn er Bruce oder Bongo heißt. In den Neunzigern: Dito. Das Dilemma begann schleichend. Vielleicht ist Jean-Paul Gaultier schuld mit seinen Matrosenhemdchen und den aufregenden Hosen. Oder Madonna, die mit der Zeit so hart und knochig aussah wie ein Mann, dass es inzwischen im Grunde Wurscht ist, welches Geschlechtsteil man trägt. Sagen wir so: Mit Penis lebt es sich shoppingtechnisch billiger.

Dennoch haben die Männer seit einigen Jahren so etwas wie ein Shoppinggewissen entwickelt. Man erkennt das daran, mit welcher Selbstsicherheit sie gefüllte Papiertragetaschen vor sich her tragen. Wenn zwei Männer heute aufeinander treffen, hat das nichts mehr von dem demütigen "Na, hat deine Alte dich auch gezwungen mitzukommen und ihre blöden Tüten zu schleppen"-Blick, den man sich früher zuwarf. Heute sagen Männerblicke: "Na, passt wohl nicht mehr in die neue Slim Cut Jeans von Marc Jacobs, wie? Und Redwings trägst Du auch nicht. Kein Wunder, dein Bizeps ist viel zu klein." Es bleibt zu diskutieren, ob diese Entwicklung wünschenswert ist, ja, ob sie die Zivilisation in irgendeiner Weise vorantreibt.

Nicht mehr umweltfreundlich

Konsum ist ganz allgemein nicht mehr das, was es mal war. Das Gewissen shoppt ja mit, was gut ist. So weiß man inzwischen, dass die Produktion einer Jeans etwa 11 000 Liter kostbares Wasser verbraucht - eine Jeans, in die man möglicherweise nach dem Weihnachtsfest gar nicht mehr hineinpasst! Daraus lernt man, dass man lieber eine sehr gute Jeans für teures Geld kaufen sollte (und einen guten Schneider gleich in der Nähe wissen muss), als drei billige Produkte, die nach dem ersten Schlammcatchen kaputt gehen, oder was Männer sonst so in ihrer Freizeit tun. Ach, Männer! Früher waren sie ein so umweltfreundliches Geschlecht! Brauchte ein Mann eine neue Hose, sagte er: "Ich brauche eine Hose. Was meinst Du mit 'Was für eine'? Genau so eine wie immer!" Hatte der Mann keine präzise Meinung dazu, führte man ihn in ein x-beliebiges Geschäft, wo er irgendeine Hose aus dem Regal nahm, hineinschlüpfte und "Passt. Die nehme ich" sagte. Braucht ein Mann heute eine Hose, wählt er aus. Er lässt sich Hosen bringen, schnüffelt an ihnen, begutachtet sie, wiegt die Schwere des Stoffes in den Händen. Dann sagt er: "34? Das ist mir doch viel zu groß. Und ganz ehrlich? Dieser weite Schnitt macht einen ziemlich flachen Arsch."

Die Innenstadt hat sich auf den shoppenden Mann eingestellt. H&M hat eigene Ladengeschäfte für Herren eingerichtet, wo die Männer relativ frei von weiblichen Zwischenrufen lange Strickjacken, enge knallbunte Hosen und knuffige Daunenwesten anprobieren können. Und zur Belohnung sagt ihnen dann der Verkäufer: "Was meinst Du mit schrill? In Mailand trägt man das jetzt so." Im Stadtbild mehren sich Männerhandtaschen. Und Herren, die mit steifem Schritt über das Trottoir stelzen und rufen: "Jetzt renn doch nicht so! Ich muss die Schuhe erst mal einlaufen. Du hast doch gehört, was der Verkäufer gesagt hat."

Man muss das verstehen. Die Frauen sind in die Männerdomänen eingedrungen. Sie besitzen eigene Akkuschrauber, haben Jobs und kommen mit dem T-Home-System der Telekom klar, ohne mehr als drei Mal die Service-Hotline anrufen zu müssen. Sie fliegen Jets und reparieren gebrochene Knochen - ehedem alles Männerdomänen. Was bleibt den Männern als Gegenschlag? Sie berauben die Frauen ihres kostspieligsten Dominanzbereiches: dem Shopping.

So schlau gedacht. "Wir drehen den Spieß einfach um", muss sich irgendein Marketingheini überlegt haben. "Jetzt nehmen wir den Frauen das sauer verdiente Geld wieder ab, genau so wie sie es jahrelang mit uns gemacht haben. Wir eröffnen bunte Shoppingwelten für Männer und verklickern ihnen, dass sie alle mindestens drei Cashmere-Pullover brauchen. um glücklich zu sein." Und der Mann an sich konsumiert großzügig. Er braucht ja auch viel Material, darum ist ein Schal für 100 Euro kein Problem. "Ist echte Wolle" wird dann gemurmelt, und das Grässlichste ist, dass man nicht mal was dagegen sagen kann, weil man früher selber genau solche Dinger um den eigenen Hals geschlungen hat, nur nicht in Uni, sondern mit hübschem Muster. "Ich brauche Redwings", hört man plötzlich. "Warum?" - "Weil man als Mann jetzt solche trägt. Das ist... männlich." Männer befinden sich shoppingmäßig noch auf Neuland, zu wenig lang ist es her, dass die Ehefrau dafür zuständig war, auf dem Bett Unterhose, Hemd und passende Socken auszulegen. Tatsächlich ist das männliche Verständnis für Farben, Form und Material noch so frisch, ein so zartes Pflänzlein, dass es für den Mann der Mode-Masse eine tägliche Tour de Force sein muss, sich überhaupt anzukleiden. Zumindest eben für jenen Teil, der so etwas wie ein Fashion-Bewusstsein herangezüchtet hat und nicht zu der Gruppe gehört, bei deren Anblick jede geschmackvolle Frau dieses Landes denkt: "Sieh an, bei dem wäre es besser, jemand legte ihm die Klamotten morgens raus."

Ganz ohne Frage ist der modische, shoppende Mann ein neuer, ständig erstarkender Stützpfeiler unserer Konsumgesellschaft. Vor allem, wenn er Vater wird. Immer häufiger sieht man Väter und Kinder in putzigen Partnerlooks herumlaufen. Und man kann sich mühelos ausmalen, wie die Dialoge zu Hause abgelaufen sind, die zu diesem modischen Verbrechen geführt haben.

Mutter: "Der Konstantin braucht neue Hosen. Gehst Du morgen mal mit ihm in diesen neuen Laden an der Ecke und besorgt ein paar?"

Im Laden, nächster Tag, Verkäufer: "Na, die sehen ja total süß aus an ihm. Dieses Blau-Orange passt total super zu seinen Augen. Aber weißt Du, was mir gerade einfällt? Wir haben ja auch die passende Männerkollektion dazu. Für Kinder ist Identifikation schließlich total wichtig!"

Im Laden, drei Minuten später, Verkäufer in die Kabine rufend: "Was meinst Du mit schrill? In Mailand trägt man das jetzt so."

Holzfällerhemd oder dunkler Anzug

Das Ulkige daran ist ja, dass die meisten Männer in einer höchst simplen Verkleidungsformel besonders gut aussehen. Besagte Formel besteht aus zwei Teilen, die der Einfachheit halber Clint und George genannt werden sollen. Den Clint-Typen stehen gut sitzende Jeans, für deren Kauf unbedingt die Anwesenheit einer Frau erforderlich ist. Und ein hübsches Leibchen aus dem Verwandtschaftsumfeld des Holzfällerhemdes. Dem Typus George steht ein einfacher, dunkler, auf Figur geschnittener Anzug, für dessen Kauf unbedingt die Anwesenheit einer Frau erforderlich ist. Es ist doch wirklich nicht so schwer. Sondern ziemlich einfach: Männer haben diese praktischen Muskeln, damit sie Frauen die Einkaufstüten tragen können. Und nicht ihre eigenen.