Frühchen

"Geräusche und Geruch der Intensivstation vergesse ich nie"

Meike R. ist im fünften Monat schwanger, da platzt ihre Fruchtblase. Ein Schock für die 36-jährige Lehrerin, denn mit einem Mal ist das Leben ihres Kindes in Gefahr.

Noch in der Nacht wird sie im Liegen ins Perinatalzentrum der Henriettenstiftung in Hannover gefahren. Die Einrichtung, die mit einem Kinderkrankenhaus zusammenarbeitet, ist auf Frühgeburten und komplizierte Schwangerschaften spezialisiert.

Frühgeborene haben gute Chancen auf ein späteres gesundes Leben, wenn sie von Anfang an gut versorgt werden, sagt der Leiter des Zentrums, Professor Ralf Schild. Seit der Gründung vor 14 Jahren habe sich in der frühzeitigen Diagnose viel getan. "Wir können heute viel besser über den Zustand des Kindes urteilen und darüber, wann entbunden werden muss."

Geburtsgewicht 1000 Gramm

In Deutschland kommt jedes elfte Kind mit einem extrem niedrigen Gewicht von weniger als 1500 Gramm auf die Welt. Extreme Frühgeburten beträfen jedoch nur etwa ein Prozent aller Geburten in Deutschland, also wenige Tausend Fälle im Jahr, sagt der Generalsekretär des Verbandes der Universitätsklinika Deutschlands, Rüdiger Strehl. Laut Berufsverband der Frauenärzte kommen allerdings insgesamt mehr als 50 000 Kinder als Frühchen auf die Welt, also vor Ende der 36. Schwangerschaftswoche.

Meike R. wird in dieser Nacht auf ein Krankenzimmer gebracht. Schon ihre erste Tochter Madita kam hier elf Wochen zu früh auf die Welt. Sie ist sicher: "Das Kind will leben." Es liegt in einem Rest an Fruchtwasser. Neun Wochen wird Meike R. nicht aufstehen dürfen, sondern "das Kind ausbrüten", wie sie sagt. Sie hängt sich an feste Rituale, um jeden Tag zu überstehen.

Die Ärzte, die die Schwangere betreuen, retten täglich Leben, die oft weniger als 1000 Gramm wiegen. Im Durchschnitt kommen Kinder mit mehr als 3000 Gramm auf die Welt. Professor Schild zufolge geht etwa jede zehnte Schwangerschaft mit Problemen einher. Sprach- oder Lernschwierigkeiten seien mögliche Folgen früher Geburten. "Je früher ein Kind zur Welt kommt, desto höher ist das Risiko." Eine Entbindung vor dem achten Monat sei immer riskant.

Rund 400 Frauen bringen jährlich im Hannoverschen Perinatalzentrum ihre Kinder zur Welt. Nur vereinzelt werde in einer frühen Diagnose erkannt, dass das Kind nicht lebensfähig sei. Gemeinsam mit Kinderärzten und einem Ethikrat werde dann über einen möglichen Abbruch beraten.

Als Meike R. den siebten Monat erreicht hat, haben sich die Organe ihres Kindes so weit entwickelt, dass es überleben könnte, wenn es jetzt geboren würde. Im achten Monat wird es mit einem Kaiserschnitt auf die Welt geholt - eine Tochter. Schnell wird sie aus dem Kreißsaal getragen und an Geräte angeschlossen. Sie lebt. Die Mutter nennt die Kleine "Smilla" und denkt dabei an das englische Wort für "lächeln" ("smile").

Drei Jahre nach Smillas Geburt sitzt die zweifache Mutter auf ihrer Couch im Wohnzimmer. "Zuhause muss es gemütlich und fröhlich sein", sagt sie. Hinter ihr an der Wand hat sie ein Netz gespannt, das an ein Fußballtor erinnert. Daran hängen Kinderfotos. Manche zeigen Smilla und ihre ältere Schwester Madita, beide, als sie noch an Schläuche und Geräte angeschlossen waren. Die Mutter ist nachdenklich: "Die Geräusche und den Geruch der Intensivstation vergesse ich nie."