Showtalente

"Wir sind 'die Coolsten!'"

Gleich ist es so weit. Stephen Musgrave zittert schon die rechte Hand. Die "Arena" in Treptow, es ist sein erster Auftritt als Schlagzeuger, mit seiner Band - und überhaupt. Seine Mutter ist extra aus England angereist, um ihn zu sehen.

Der Saal ist voll, die Besucher johlen. Keyboarder Frank Lademann legt ihm die Hand auf die Schulter. "Du brauchst keine Angst zu haben", sagt er. "Wir sind doch 'Die Coolsten'!"

'Die Coolsten': So nennt sich eine neue Band, deren Mitglieder die Lebenshilfe gecastet hat, ein Verein, der sich für Menschen mit geistiger Behinderung und deren Angehörigen einsetzt. Jeden Mittwoch trifft man sie bei der Probe im Orwo-Haus in Marzahn, erste Etage, drei ballondicke Smileys an der Wand. Der normale Alltag einer Band. Fünf Männer, zwei Frauen. Das Bedürfnis, es mal richtig krachen zu lassen. Und doch unterscheiden sich die Coolsten von den anderen Bands in der Musikfabrik in Marzahn. Das ahnt man schon, wenn Stephen davon erzählt, wie alles begann.

Als er sich im März mit 33 anderen Hobby-Musikern bei einer Castingshow der Lebenshilfe vor der Jury um Profi-Musiker Andrew Unruh von den "Einstürzenden Neubauten" ans Schlagzeug setzte, um irgendwas von Phil Collins zu trommeln. Stephen Musgrave ist ein vitaler Bursche mit einer gesunden Gesichtsfarbe, eingehüllt in eine Wolke herben After Shaves. Doch wenn er von der Zitterpartei am Ende des Talentwettbewerbs erzählt, bekommt er schon wieder eine Gänsehaut. Er war einer von drei Schlagzeugern. Er sagt: "Ich hätte nie gedacht, dass die gerade mich nehmen."

Das Publikum forderte eine Zugabe

Eine Talentshow für geistig Behinderte? Dass das ein Wagnis war, war allen Beteiligten klar. Schließlich sollte es dieser neuen Band nicht so ergehen, wie es einer Band ergangen war, die einmal beim Sommerfest der Lebenshilfe aufgetreten war. Heilerziehungspfleger Robin Hartkopf, 35, der bei den Coolsten die E-Gitarre spielt, erinnert sich mit einer Mischung aus Fremdscham und Schrecken an den Auftritt. Musiker, die kaum einen Ton trafen. Ein Publikum, das, unangenehm berührt, klatschte. "Aus Mitleid." Peinliche Momente habe es auch bei der Castingshow der Lebenshilfe gegeben, erinnert sich Robin Hartkopf. "Drollige Momente", korrigiert ihn seine Kollegin Jean Bruchmann, 25, die den Bass zupft.

Stephen und seine Mitstreiter meinten sie nicht damit. Die "Coolsten", wie sie sich selber genannt haben, hielten, was ihr Name verspricht. Sie rockten die "Arena". Und nur dafür gab es Applaus. Lautstark forderten Freunde, Eltern und Betreuer eine Zugabe. Doch da mussten die Musiker passen. Nach einer Coverversion des Folksongs "House of the rising sun" und einer selbstkomponierten Reggae-Nummer war Schluss. Mehr Songs haben sie noch nicht parat. Knapp ein halbes Jahr lang hatten sie dafür gebraucht.

An die ersten Proben erinnert man ihn besser nicht. "Es war eine Katastrophe", sagt Robin Hartkopf, kreativer Kopf der Gruppe. Eine unbändige Spielfreude. Eine gering ausgeprägte Bereitschaft zur Teamarbeit. Diese Mischung habe ihn gelehrt, was es bedeutet, geduldig zu sein. "Dass ich jedes Lied anzähle, daran mussten sich die Musiker erst gewöhnen." So ist es manchmal heute noch. Wie zum Beweis überhört Sängerin Andrea Raschke sein Kommando ,one, two, three, four' und rappt den Refrain der Reggae-Nummer schon mal vor: "Das sind wir und geben Gas - Machst Du mit, hast Du viel Spaß." Irgendwann hatte sich die Band eingegroovt. Stephen & Co. mögen es schnell und rhythmisch, das ist der kleinste gemeinsame Nenner. Andrea, 21, sagt: "Schlaflieder können wir zu Hause hören."

Plötzlich Frontfrau. In dieser Rolle fand sie sich in letzter Sekunde wieder. Kurz vor dem Auftritt hatte Sängerin Mariam das Handtuch geworfen. Andrea nahm es gelassen. Formell teilt sie sich den Job am Mikro jetzt mit Frank Anders, aber praktisch, sagen ihre Bandkollegen schmunzelnd, praktisch höre alles auf ihr Kommando. Andrea versteht das als Kompliment. Sie hat als Schülerin schon im Chor gesungen. Wenn sie heute von der Arbeit als Messerschleiferin in einer Behindertenwerkstatt nach Hause kommt, fällt ihr Blick auf Bushido. Sein Poster hängt in ihrem Zimmer in der betreuten Wohngemeinschaft.

An Selbstbewusstsein mangelt es ihr nicht. "Ich sage Frank, was er anders machen muss", so beschreibt sie die Arbeitsteilung am Mikro. "Wenn er sagt 'will ick nicht', sage ich: Probieret wenigstens."

Bei der Premiere wollte Frank nicht so, wie Andrea wollte. Eigenmächtig forderte er das Publikum auf: "Ich will eure Hände alle in der Luft sehen." Aber was soll's? Die Hände flogen in die Luft. Und nur das zählte. Stephens Mutter erlebte, wie ihr Sohn am Schlagzeug über sich hinauswuchs. Fast schien es, als wollte er gar nicht mehr aufhören, seine Sticks durch die Luft zu wirbeln. Stephen grinst. Selten hatten ihn die anderen so glücklich und gelöst erlebt. Er lächelt. Stephen und die Musik, das ist so eine Geschichte für sich.

Traum vom großen Auftritt mit Stars

Er sagt, schon als Kind habe er gerne getrommelt. Damals besuchte er noch die Hauptschule. Er war elf oder zwölf, als ihm Ärzte zum ersten Mal in den Kopf leuchteten. "Mein Kurzzeitgedächtnis war schon damals schlecht", erinnert er sich. "Ich konnte mir nichts lange merken." Bei dem Check fand man die Ursache dafür heraus: Seine Hirnströme fließen langsamer als bei anderen Menschen - offenbar die Folge einer Krankheit, unter der seine Mutter während der Schwangerschaft gelitten hatte, sagt er.

Heute arbeitet Stephen als Koch in der Kantine einer Behindertenwerkstatt. Er wohnt in seiner eigenen Bude, zusammen mit einer Katze und einem Hund. "Betreutes Einzelwohnen" heißt das im Fachjargon der Lebenshilfe. An drei Stunden pro Woche kommt ein Sozialarbeiter bei ihm vorbei, um ihm bei der Verwaltung seiner Finanzen zu helfen. "Ich würde mein Geld sonst auf einmal ausgeben", sagt er treuherzig.

Die Proben mit der Band sind für ihn mehr als nur ein Hobby, ein Ventil, eine Spielwiese. Dass Musizieren neben der Motorik auch die Denk- und Konzentrationsfähigkeit fördert, ist wissenschaftlich nachgewiesen. Stephen sagt, anfangs habe ihm das Schlagzeugspielen noch Kopfschmerzen bereitet, so schwer sei es ihm gefallen, sich auf die vielen Dinge gleichzeitig zu konzentrieren. Doch das sei vorbei. Von den Proben profitiere er inzwischen auch im Job, glaubt er. "Es trainiert mein Gedächtnis."

Glaubt man Keyboarder Frank, dann könnte er sich ein Leben ohne Musik gar nicht mehr vorstellen. Wenn man sieht, mit welcher Leichtigkeit seine Finger über die Tasten fliegen, versteht man auch, warum. Robin Hartkopf sagt, Franks Talent habe ihn verblüfft. "Beim Casting haben wir alle gedacht, der will uns verschaukeln." Frank grinst verschmitzt hinter seiner Brille. Im Gegensatz zu vielen anderen hat er sein Handwerk bei einem Musiklehrer gelernt. Er sagt, inzwischen habe er schon auf Betriebsfesten gespielt.

Robin Hartkopf träumt von einem Projekt nach dem Vorbild der Hamburger Band "Station 17". Deren geistig behinderten Mitglieder haben schon Songs mit bekannten Kollegen wie den HipHoppern "Fettes Brot" aufgenommen. Frank hat sein nächstes Ziel schon ins Visier genommen: das Schloss Bellevue. "Ich würde gerne mal beim Sommerfest des Bundespräsidenten spielen", sagt er. Das ist kein Witz, Frank meint, was er sagt. Er ist der Coolste der Coolsten.