Unnützes Spielzeug

Spielplatz Küche

Chris ist ein Küchenkind. Der Einjährige hat gerade die Vorzüge des Gehens für sich entdeckt. Oft schiebt er einen Stuhl aus dem Essbereich vor sich her. So erreicht Chris flinker sein Spielparadies, die Küche nebenan.

Während auf dem weichen Wohnzimmerteppich die bunte Lauflernhilfe zwischen allerlei unbenutzten Spielwaren anstaubt, hockt Chris selig unter dem Küchentisch auf dem Steinboden von Mutter Yvonnes Arbeitsplatz und experimentiert mit "richtigen Sachen". Erst poliert er mit dem Wischmopp die Fliesen nach. Dann öffnet er glucksend den Eckdrehschrank. Da sind Töpfe, Plastikschalen, Schaumlöffel. Aus Mutters Küchengerät wird Küchenspielzeug. Mutter Yvonne schaut zu, wie der Nachwuchs mit dem Holzlöffel durch die lila Schale rührt und dann "ableckt": "Chris' älterer Bruder Dennis war auch schon Küchenchef."

Solveig Lienert-Rogge ist Ergotherapeutin und auf die Kinder und ihre Entwicklung spezialisiert. Sie erklärt, warum alle Kids so gerne mit Dingen spielen, die Designer für den Hausgebrauch der Eltern und nicht fürs Krabbelalter entworfen haben: "Kinder lernen am Modell. Und die Eltern sind das Lieblingsmodell. Was sie benutzen, wollen die Kinder auch haben." Spielzeug, so die Entwicklungsexpertin, brauchen Sprösslinge in den ersten Jahren eigentlich gar nicht: "Was Kinder brauchen, sind verschiedene Materialien zum Ausprobieren, neugierig sein und lernen." Und da sind "richtige Sachen" aus der echten Küche allemal spannender, als der XXS-Nachbau aus dem Spielwarenladen. Lienert-Rogge, die in der Behandlung von Kindern auch auf Kochen als Therapie setzt, zählt an den Fingern ab, was es in Küchen für Kinder zu entdecken gibt: "Verschiedene Hölzer und Metalle, Back- und anderes Papier, raue und glatte Kunststoffe und eine Fülle von Lebensmitteln. All diese Dinge haben einen eigenen Aufforderungscharakter. 'Fühl mich!', sagt der Schaumlöffel, 'Knack mich!', sagt die trockene Nudel." Solange die elterlichen Nerven durchhalten, kommen Wasser, Teig und ähnliche Feuchtangebote hinzu.

Holzlöffel als Trommelstab

Chris nutzt den Holzlöffel mittlerweile als Trommelstab. Fröhlich hämmert er auf die Dinge ein, die vor ihm liegen. Große und kleine Töpfe, Metall, Plastik, Holz, alles klingt anders. Langsam stimmt Chris in den Rhythmus des Küchenradios ein. Mutter Yvonne bleibt gelassen: "Mit den Küchengeräten kann Chris sich eine gute halbe Stunde beschäftigen, bevor es langweilig wird. Manchmal auch schon länger." Dann sucht er sich was anderes. Gern auch mal Vater Hakans Handy oder Papiertaschentücher.

Zum Drang der Kleinen nach den Dingen für Große heißt es auch bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung beruhigend: "Kinder unter zwei Jahren brauchen im Grunde genommen überhaupt kein Spielzeug." Dafür, so die Experten, sorgen Verwandte und Freunde noch früh genug: "Mit der Zeit häufen sich gut gemeinte Sachen an: Spielzeug zum Schütteln, Ziehen, Stecken und Stapeln und viele bunte Teile aus Holz oder Plastik, später dann Autos, Puppen und kleine Figuren mit allerlei Zubehör". Sie warnen eher vor dem Zuviel als dem Zuwenig. Steigt die Warenflut im Kinderzimmer, bricht Chaos im Kopf aus. Ergotherapeutin Lienert-Rogge, selbst Mutter zweier Kinder, spricht von einer "Reizüberflutung" durch zu viel Spielzeug: "Kinder erforschen dann eine Sache nicht mehr zu Ende, wie das sein sollte, sondern springen von Objekt zu Objekt. Darunter leidet die Konzentrationsfähigkeit."

Leander ist mit seinen drei Jahren motorisch schon weiter als der kleine Chris. Sein Favorit ist die Salatschleuder. Er packt ein ums andere Mal drei Plastikbälle in das Sieb, schließt den Deckel und müht sich redlich, die Innentrommel mittels Außenknauf kreisen zu lassen. Er lauscht auf den ruhigen Lauf des Salatsiebs im Inneren und reißt den Deckel ab. "Leander hat zwar keine Ahnung von Schwer- und Fliehkraft", meint Vater Tim, "aber er kann einen liegenden in einen fliegenden Ball verwandeln und das findet er klasse. Immer wieder!"

Chris braucht solchen Rummel noch nicht. Ihm reichen noch die einfachen Dinge. Eine Packung Taschentücher zum Beispiel. Außen knisterig, innen weich. Man kann die Packung knautschen, anlutschen und mit den ersten vier Zähnen anknabbern.

Training für die Motorik

Was wie Spiel aussieht, ist in den Augen einer Ergotherapeutin hartes Training: "Hier geht es um Auge-Hand- und Hand-Hand-Koordination. Um Feinmotorik und Kraftdosierung. Und beim Öffnen der Packung und Rauszupfen eines Tuchs um Handlungsplanung." Später werden alle diese Dinge gebraucht, wenn der Nachwuchs mit drei, vier Jahren die ersten Kekse und die erste Pizza in der Küche mit backt.

Bevor die Küche von der Tabuzone zum Spielort wird, sollten ein paar Regeln beachtet werden. Chris' Eltern haben die Küche konsequent kindertauglich ausgestattet. Die Schalter von Herd und Spülmaschine sind versenkt, der Backofen weit oben angebracht, die Haushaltschemie lagert verschlossen 1,80 Meter hoch, die Messer in der obersten Schublade, es ragen keine Stiele über das Herdfeld und manche Schränke, wie der für den Abfall, haben Kindersicherungen. Andere mit Schachteln und Töpfen kann Chris an runden Griffen alleine öffnen. Eine sichere Küche entspannt die Nerven aller und führt Kinder Stück um Stück an weitere Gerätschaften heran. Die meisten Kinder entwickeln durch den Umgang mit kleinen Risiken eine bessere Gefahreneinschätzung. Sie lernen: Mit dem richtigen Kartoffelschäler kann man sich schneiden, aber kaum ernsthaft verletzen. Wenn die Küche als Erlebnisraum so viel bietet, braucht es dann überhaupt noch Spielzeug oder verschenken wir am Ende nur noch Handquirls und Backmischungen? Mutter Yvonne und Therapeutin Lienert-Rogge winken beide ab: "Chris liebt weiter seinen Stoffhasen mit Musik und die Eisenautos vom großen Bruder." Die Ergotherapeutin plädiert für Spielzeug, für das es im Haushalt kein Äquivalent gibt: "Malsachen sind ganz wichtig und Konstruktionsspiele wie Lego sinnvoll. Ab dem vierten Lebensjahr kommen Regelspiele wie Brettspiele hinzu." Nachbauten im Kinderformat wie Puppenküchen, Handys, Bohrmaschinen findet sie wenig sinnvoll. "Diese Dinge haben nur eine Spielidee und sind schnell ausgespielt. Beim Modelllernen ist es viel besser, die Sachen der Eltern zu benutzen." Zudem leben Kinder in einer sicheren magischen Welt, sie können sich alles vorstellen. So werden aus drei unterschiedlichen Kochlöffeln schon mal Vater, Mutter und Kind. Das, da sind sich Experten einig, regt die Fantasie mehr an als fünf Klingeltöne aus einer Plastikschachtel. Also: Rein in die Küche!