Mamas & Papas

Das Leiden im Klassenzimmer

Wir sind eine geduldige Familie. Dennoch gibt es Events, die selbst hart gesottene Eltern für immer hinter sich zu haben hoffen: Darmspiegelungen, Midlife Crisis, vor allem aber Elternabende, vor allem in der ersten Klasse.

Mit allerlei virtuosen Ausreden (Keller aufräumen, Bügeln, plötzliche Schlafkrankheit) hatte ich mich meiner Pflicht zu entziehen versucht. Leider war die Chefin die vergangenen drei Male beim Großen gewesen. Es gab kein Entrinnen. Ich überlegte, mich mit einer Extraportion Valium zu sedieren. Dann würde ich auch den Schmerz nicht spüren, wenn ich mich wieder in das Erstklässler-Gestühl zwängen musste.

Der erste Krampf ereilte mein Bein nach drei Minuten, als ich versuchte, unterm Tisch auf meinem Handy Tetris zu spielen. Während die anderen Eltern empört guckten, traf mich das mitfühlende Lächeln der Klassenlehrerin wie ein Sonnenstrahl. Da verzeiht man einen einstündigen Vortrag zu Pädagogik und Lernzielen gern - nur die Nachfragen nicht. Manchen Eltern geht es, vier Wochen nach Start, nicht schnell genug. Oder es ist zu ruppig für ihre Porzellanzwerge. Pausen, Ausflüge, Konfrontationen ohne Rechtsbeistand üben, dafür immer noch keine Differenzialrechnung, weder Mondraketenkunde noch Hirnchirurgie. Drei der Knirpse können lesen. Unserer natürlich nicht. Der Klassenstar kann L-Worte wie "Laminierfolie". Wir wissen nicht mal, was das ist. Naiverweise dachten wir, Lesen und vielleicht gar der Umgang mit Laminierfolien sei Sache der Schule. Einige Kinder seien etwas hart im Handgelenk, erklärte die Pädagogin. Namen wurden nicht genannt, was der Erzeuger von Nicht-ganz-Hochbegabten sehr taktvoll findet.

Bebend lauschten die Erzeuger, als es um "Pluskurse" ging, kleine Gruppen Hochbegabter, die schon mal Sloterdijk inhalieren. Ich durchwühlte meine Taschen nach Scheinen, die ich der Pädagogin meines Vertrauens in einem unbeobachteten Moment zuzuschieben gedachte. Vielleicht gab es ja Pluskurse in Ethik, Starwars oder Ausmalen; da war Hans wirklich stark, sofern die schwarzen Linien nicht so schmal waren. Da zeitgleich alle Väter in ihren Taschen kramten, war davon auszugehen, dass mit Klimpergeld nichts auszurichten war.

Es folgte die übliche Einstunden-Debatte über Religion, Ethik und die Kombination beider Fächer, ebenso beharrlich wie ergebnislos geführt. Mein vorsichtiger Hinweis, dass in Norwegen alle Besprechungen als missraten gelten, die über 60 Minuten dauern, wurde mit weiterer Empörung quittiert. Immerhin erfolgreich vor der Wahl zum Elternsprecher gedrückt. Bürgerbeteiligung schön und gut, aber frühestens übernächstes Jahr, wenn es echte Noten gibt.

Kommende Woche schreibt hier wieder Susanne Leinemann. Das Buch "Mamas & Papas: Wie wir täglich fröhlich scheitern." Diana Verlag, 12,99 Euro, gibt es ab sofort im Handel.