Plädoyer

Lehrer aus Leidenschaft

Burnout, Stress, Frust - der Schulalltag ist nicht immer Vergnügen. Am Tag des Lehrers erzählen zwei Pädagogen, warum sie diesen Beruf trotzdem immer wieder ergreifen würden

Cornelia Flader (47), Schulleiterin Heinrich-Seidel-Grundschule, Mitte:

Ich bin mit Leib und Seele Lehrerin. Kinder sind schließlich das höchste Gut einer Gesellschaft. Ich verstehe mich als jemand, der ihnen Erziehung, Kultur, Wissen und Techniken authentisch weitergeben möchte. Und das macht mir, auch wenn es dabei Schwierigkeiten gibt, enorm viel Spaß.

Natürlich hat sich der Lehrberuf verändert. Zum Beispiel sehe ich mich immer mehr mit Bürokratie konfrontiert. Wir müssen ellenlange Anträge ausfüllen, bevor ein Kind Lernförderung bekommt oder einen Zuschuss für Klassenfahrten. Wir müssen uns mit Ämtern herumschlagen, die unsere Anfragen nicht beantworten und Gelder immer wieder umwidmen, weil wir die nur zweckgebunden bekommen. Das könnte alles so viel einfacher sein, darüber ärgere ich mich oft sehr. Denn es bedeutet mehr Arbeit für meine Kollegen und mich, die dann möglicherweise an anderer Stelle eingespart wird.

Oder die Kollegen arbeiten einfach immer mehr, was auch niemandem guttut. Immer wieder gibt es Lehrer, die ausgebrannt sind, einfach nicht mehr können, gefrustet sind. Natürlich kann das an privaten Problemen liegen und vielleicht auch an der Organisation. Aber es liegt auch am Arbeitsplatz. Zum Beispiel kommen viele schlecht damit zurecht, dass sich in unserem Beruf immer wieder viel verändert. Das jahrgangsübergreifende Lernen war für viele eine große Umstellung, jetzt soll es wieder rückgängig gemacht werden. Aufgabenstellungen und Lehrmethoden verändern sich, der Lehrer muss heute gleichzeitig Sozialarbeiter sein. Das kann sehr schön sein, aber auch extrem anstrengend. Ich versuche diesen Frust von mir fernzuhalten, indem ich die positiven Erlebnisse für mich nutze. Denn die Kinder geben so viel: Sei es nur ein Lächeln oder ein kleines Geschenk. Kinder spiegeln alles zurück. Ein toller Lohn!

Die Kinder selbst haben sich sehr verändert im Laufe meines Lehrer-Daseins. Sie wollen weniger autoritäre Lehrer, wollen auf Augenhöhe behandelt werden. Darauf reagieren wir zum Beispiel, indem wir weniger Frontalunterricht halten. Aber wir müssen auch erkennen, dass Kinder heute leider oft weniger Grundwissen mitbringen. Gerade behandle ich zum Beispiel antike Sagen in einer sechsten Klasse. Früher wussten die Kinder über Odysseus und griechische Götter schon vieles, heute fange ich da bei null an. Dadurch kann ich natürlich auch nicht so tief einsteigen, wie ich gern würde.

Auch der Wortschatz der Schüler ist oft erschreckend klein. Das ist sicher einer der Gründe, warum immer weniger Auseinandersetzungen durch Gespräche gelöst werden, sondern entweder mit den Fäusten oder mit Kraftausdrücken. Das hat eine Intensität erreicht, mit der wir Lehrer mitunter schwer zurechtkommen. Auch das ist etwas, das belasten kann.

Aber trotz all dieser Schwierigkeiten, die eher zuzunehmen scheinen, als abzunehmen, liebe ich meinen Beruf. Oft auch wegen ihnen. Denn gerade, wenn die Kinder weniger von zu Hause mitbekommen und die Voraussetzungen schlechter werden, sind wir Lehrer gefragt, unseren Job gut zu machen. Mein Bestes zu geben - das bin ich den Kindern schuldig.

Jens Schorn, 45, Lehrer für Biologie und Chemie am Lessing-Gymnasium, Mitte:

Nicht immer wollte ich Lehrer werden. Ich habe erst mal begonnen, Biologie zu studieren, um Wissenschaftler zu werden. Aber an der Uni habe ich schnell gemerkt, dass mich die Schule auf mein Studium und auf das Leben besser hätte vorbereiten können. Also habe ich beschlossen, Lehrer zu werden, um es besser zu machen.

Gerade in den Naturwissenschaften ist es wichtig, die jungen Schüler mit gut gestaltetem Unterricht zu motivieren und für das Fach zu begeistern, damit sie auch später das Interesse behalten. Mir gefällt, dass ich als Lehrer großen Spielraum habe, wie ich meinen Beruf ausübe, wie ich meinen Unterricht vorbereite. Zum Beispiel versuche ich so viele Experimente wie möglich einzubauen, bei denen auch die Schüler etwas tun können. Dadurch entsteht eine emotionale Bindung zum Thema und man merkt sich viel mehr. Als Lehrer ist man auch an der Entwicklung von jungen Menschen beteiligt. Wir legen auch den Grundstein für ein ganzes Leben, erziehen Kinder zu mündigen Erwachsenen und ermutigen zu lebenslangem Lernen. Das wäre, wenn ich mich heute noch einmal entscheiden müsste, eine wichtige Motivation für mich. Dieser Aspekt unserer Arbeit hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Mittlerweile würde ich sagen, ist nur die Hälfte unserer Aufgabe, Wissen zu vermitteln.

Dabei könnten wir allerdings auch Unterstützung gebrauchen. Denn Arbeit gibt es immer mehr. Bürokratie zum Beispiel, aber eben auch Beratung und Fürsorge. Wenn ich mich Abends noch lange mit einer Mutter am Telefon über ihr Kind unterhalte und auch tagsüber immer wieder Ansprechpartner für familiäre oder schulische Probleme bin, ist das ein toller Teil meiner Aufgabe. Aber der Tag hat eben nur 24 Stunden. Man würde den Lehrern einen großen Gefallen tun, wenn es für manche Angelegenheiten direkt in jeder Schule Unterstützung von Fachleuten gäbe. Von einem Psychologen, Sozialarbeiter oder dem medizinischen Dienst. Auch einige Rahmenbedingungen würden unsere Arbeit vereinfachen: Mal eine Lehrerstelle mehr schaffen oder einen Arbeitsplatz mit Schreibtisch und Computer für jeden Lehrer an der Schule. Damit wäre vielen Kollegen deutlich mehr geholfen als mit einer Gehaltserhöhung - die Bezahlung ist nämlich eigentlich ganz gut im Vergleich zu anderen Kollegen in Europa.

Die Wertschätzung unserer Arbeit ist es sehr unterschiedlich: Manche Eltern unterstützen uns sehr. Andere haben in den letzten Jahren eine Anspruchshaltung entwickelt. Allerdings weniger, dass wir ihre Kinder gut ausbilden, häufig einfach nur, dass wir sie beschäftigen. Das kann das Arbeiten schwierig machen. Insgesamt könnte aus der Gesellschaft mehr Anerkennung für unsere Arbeit kommen. Schließlich ist der Lehrer einer der wichtigsten Berufe in der Gesellschaft. Und trotz mancher Probleme ist es auch einer der schönsten. Wer sich zwischen Verwaltung und Mehrarbeit immer wieder darauf besinnt, was eigentlich die Aufgabe eines Lehrers ist, nämlich jungen Menschen etwas beizubringen und mitzugeben, der wird auch ein guter Lehrer sein.