Ratgeber

Mein Nachbarskind schreit oft - sollen wir einschreiten?

In unserem Nebenhaus hören wir Nachbarn immer wieder einen fünfjährigen Jungen derart heftig schreien und weinen, dass wir uns große Sorgen machen. Wir kennen die Familie als freundlich und hilfsbereit, umso mehr überlegen wir, ob und wie wir da etwas klären oder helfen können, ohne die betreffenden Eltern zu brüskieren und das Verhältnis zu verderben. Pia T. aus Treptow

Zwischen Ihren Zeilen klingt eine große Besonnenheit, die sich dankenswerterweise zwischen den Extremen "einfach Weghören" und "sofort Anzeigen" bewegt. Nun sind aber "gute Verhältnisse" dadurch gekennzeichnet, dass man sie bei gegebenem Anlass auch einmal belasten darf! Das ist hier sicher der Fall, und es gilt nun als Erstes, einen offenen Kontakt zu der betroffenen Familie herzustellen.

Keinesfalls sollten Sie dies dem Zufall überlassen ("wir treffen uns manchmal am Gartenzaun...") oder in einer Situation anbringen, in der es gerade wieder eine Krise gibt und Ihnen der Kragen platzt... Sie sollten außerdem vorher überlegen, welche Person für eine Intervention geeignet ist. Der Kreis der befreundeten Nachbarn sollte jemanden finden, der als "Sprecher" auftreten kann. Das sollte eine Person aus einem dem Problem nahen Berufsbereich sein, also etwa ein Arzt, eine Lehrerin oder jemand aus dem Sozialbereich, der mit der Führung solch schwieriger Gesprächen vertraut ist. Es kann dann in Ruhe ein Gespräch gesucht werden, in dem die Wahrnehmung der Nachbarn in (echter) Sorge um das Kind mitgeteilt und um eine mögliche natürliche Erklärung gebeten wird. Beispielsweise findet sich das beschriebene Verhalten oft bei Kindern mit Behinderungen. Das wäre ein guter Grund für das vermeintlich unmotivierte Schreien, denn viele Behinderungsarten sind äußerlich gar nicht sichtbar (z.B. Autismus), und ich weiß aus meiner Praxis, dass die betreffenden Eltern oft unter falschen Beschuldigungen ihrer Umgebung leiden. Es muss aber auch damit gerechnet werden, dass es keine befriedigende Klärung erfolgt. Es sollte vor dem Gespräch klar sein, welche Konsequenz das dann haben wird. Dazu sollten Sie sich im Kreis der Besorgten vorher klar machen und es bei schlechtem Gesprächsverlauf der Familie mitteilen, dass Sie in diesem Fall das zuständige Jugendamt benachrichtigen müssen.

Dr. Andreas Wiefel ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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