Gesundheit

"Erklären, warum Mama nicht da ist"

Die Diagnose Brustkrebs ist ein Schock für die ganze Familie. Wie Kinder damit umgehen, sagt Psychotherapeutin Susan Kaufmann.

Rund 58 000 Frauen erkranken laut Deutscher Krebsgesellschaft in Deutschland jedes Jahr an Brustkrebs. Das sogenannte Mammakarzinom ist die häufigste Krebsart bei Frauen. Es ist zwar mittlerweile erfolgreicher behandelbar als früher, jedes Jahr sterben trotzdem mehr als 17 000 Frauen daran. Die Psychologische Psychotherapeutin Susan Kaufmann arbeitet als Psychoonkologin im Brustzentrum und Gynäkologischen Krebszentrum der DRK Kliniken Berlin in Köpenick und berät Frauen und deren Angehörige zum Umgang mit der Krankheit in der Familie.

Berliner Morgenpost: Wie sage ich meinem Kind, dass ich todkrank bin?

Susan Kaufmann: Es ist wichtig, dem Kind die Situation zu erklären. Ich erlebe oft, dass versucht wird, die Kinder da rauszuhalten, weil man ihnen nicht so viel zumuten möchte. Das ist falsch. Kinder spüren ohnehin, dass etwas im Gange ist, dass da eine Verunsicherung in der Familie ist. Wenn dann nicht mit dem Kind gesprochen wird, hat es viele Möglichkeiten, diese Stimmung zu interpretieren. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt und die Fantasie kann grausam sein. Man sollte also Kinder frühzeitig mit einbeziehen und kindgerecht aufklären.

Berliner Morgenpost: Was bedeutet das konkret, in welchem Alter können Kindern welche Details ertragen?

Susan Kaufmann: Kleinen Kindern, die schon verstehen, sich aber selbst noch nicht so gut äußern können, sollte man erklären, warum die Mama nicht da ist, zum Beispiel weil sie im Krankenhaus liegt. Man kann umschreibende Worte benutzen wie "Mama hat Aua und muss wieder ganz gemacht werden". Schon ganz kleinen Kindern sollte eine Begründung gegeben werden, warum jetzt etwas anders ist als sonst, warum Mama jetzt vielleicht anders aussieht oder nicht so belastbar ist und nicht mit herumtoben kann.

Berliner Morgenpost: Wie erkläre ich einem Dreijährigen, dass ich eine Chemotherapie machen muss und eventuell die Haare verliere?

Susan Kaufmann: Bei Kleinkindern sollte man mit kindgerechten Worten umschreiben, was los ist: Mama hat Aua in der Brust, das weggemacht werden muss. Sollten Haare nach einer Chemotherapie ausfallen, kann man das den Kindern ruhig zeigen. Oder sie dabei sein lassen, wenn Sie sich den Kopf rasieren, was die meisten Frauen dann irgendwann tun. Kinder sollten in solche Schritte ruhig mit einbezogen werden. Ich hatte mal eine Mutter in der Sprechstunde, die sich zusammen mit ihren Kindern, neun und elf Jahre alt, ihre langen Haare zu Zöpfen geflochten und abgeschnitten hat. Jedes Kind durfte einen Zopf behalten, bis die Haare wieder wuchsen. Je älter die Kinder sind, desto mehr Möglichkeiten gibt es, sie aufzuklären. Im Vorschulalter sollte man auf jeden Fall das Wort Krebs benutzen, denn die meisten Kinder haben ohnehin schon davon gehört. Es gibt sehr gute Bilderbücher zu dem Thema. Die Kinder sollten wissen, dass die Krebserkrankung etwas Ernsteres ist als vergleichsweise harmlose Kinderkrankheiten. Auch wichtig für sie zu wissen ist, was das für die nahe Zukunft bedeutet, wie sich der Alltag möglicherweise ändern wird.

Berliner Morgenpost: Was ist denn, wenn ich alles vorsichtig und kindgerecht erkläre, in Schule oder Kita dann aber unüberlegte Kommentare zum Thema Krebs kommen?

Susan Kaufmann: Wichtig ist, dass Kinder ihre Eltern als erste Ansprechpartner empfinden, dass sie wissen, sie können alles zur Krankheit fragen und sie sollten nicht auf andere hören. Das Thema sollte in der Familie besprochen werden. Zur Krankheit Krebs werden viele erschreckende Dinge berichtet. Das Schlimmste wäre, wenn das Kind unvorbereitet plötzlich in Kita oder Schule erfährt, dass die Mutter krebskrank ist. Das wäre ein absoluter Vertrauensbruch im Verhältnis zu den Eltern.

Berliner Morgenpost: Sollte man Erzieher oder Lehrer also mit einbeziehen?

Susan Kaufmann: Unbedingt. Die sollten von Anfang an wissen, dass es da eine ernste Erkrankung gibt. Dann ist derjenige auch darauf eingestellt, falls es zu Veränderungen bei dem Kind kommt. Manche Kinder werden schlechter in der Schule oder sind plötzlich ganz in sich gekehrt. Wenn Lehrer und Bezugspersonen Bescheid wissen, ist es auf jeden Fall besser für das Kind.

Berliner Morgenpost: Wie verhalte ich mich richtig, wenn ich selbst hoffnungslos bin?

Susan Kaufmann: Manche Erkrankungen führen leider zum Tod. Oberstes Gebot ist: Nichts versprechen, woran man nicht selbst glaubt. Wenn beispielsweise die Frage entsteht: Stirbst du jetzt? Dann sollte man sagen: Ich weiß es nicht. Ich versuche alles, damit dem nicht so sein wird, damit mir geholfen wird. Denn, sollte der Fall wirklich eintreten, sind die Kinder zumindest vorbereitet. Schlimmer wäre es, wenn die Mutter versprochen hätte, wieder gesund zu werden und das nicht passiert. Dann ist das Vertrauen gebrochen.

Susan Kaufmann: Wenn man selbst gerade eher pessimistisch ist, kann man sich zurückhalten und andere Bezugspersonen mit den Kindern sprechen lassen. Es sollte dann die Handlungsebene im Vordergrund stehen: Was kann jetzt rein praktisch getan werden? Welche Aufgaben können die Kinder übernehmen? Gerade Jugendliche sind oft dankbar, wenn sie in solchen Situationen praktisch helfen können. Manche übernehmen sogar gleich zu viele Aufgaben und werden zu schnell erwachsen in so einer Zeit. Da muss man aufpassen.

Berliner Morgenpost: Wann ist Hilfe von außen nötig?

Susan Kaufmann: Hilfe ist immer gut. Besonders in der ersten Zeit, wenn man sich fragt: Wie sage ich es meinem Kind? Wenn langfristig Hilfe nötig ist, weil Eltern beobachten, dass es dem Kind nicht gut geht, es sich zurückzieht, in der Schule abfällt, aggressiv wird, gar nicht darüber spricht, dann sollte auf jeden Fall Hilfe angenommen werden. Es gibt auch spezielle Angebote für Kinder krebskranker Eltern. Es muss nicht immer gleich die Kinder-Psychotherapie sein.

Berliner Morgenpost: Wenn es letztendlich tatsächlich hoffnungslos ist, wie nehme ich dem Kind die Angst?

Susan Kaufmann: Ich habe das Motto: Information gegen Angst. Kinder haben genauso wie Erwachsene Angst vor Sachen, die sie nicht kennen und nicht einschätzen können. Wenn wir es also schaffen, das Sterben und den Tod ein bisschen mehr in die Gesellschaft zu rücken, wird ein großes Stück Angst genommen. Die Kinder sollten nicht ausgeschlossen werden, Abschied nehmen zu können.

Susan Kaufmann: Ich werde oft gefragt, ob Kinder mit zur Beerdigung sollten. Natürlich sollten sie das. Das ist ein wichtiger Schritt zum Abschied. Das ist nichts, was man umgehen kann, denn dann kommt es doppelt und dreifach zurück.