Mamas & Papas

Die Nazimauer und andere Irrtümer

Bei uns wird offen über Politik gesprochen. Offensichtlich sind wir mit dieser Einstellung nicht allein. "Mama", begann unsere Tochter, als sie vor wenigen Tagen von der Schule heimkam, im Brustton der Überzeugung: "Wenn Wowereit jetzt mit den Grünen geht, kommen die Hauptschüler aufs Gymnasium."

"Wer sagt das denn?", frage ich irritiert. "Carl", antworte sie.

Carl also. Carls Vater, muss man wissen, arbeitet in einer politischen Stiftung - die Partei ist, dreimal dürfen Sie raten, konservativ. Trotzdem vermute ich, dass Carl die Kommentare seines Vaters zu den Berliner Koalitionsgesprächen nicht ganz korrekt zusammengefasst hat. Was die Kinder nämlich hören, was sie davon verstehen und wie sie das alles am Ende wiedergeben - das hängt nur bedingt zusammen.

"Die Nazis haben die Mauer gebaut", gab unsere Tochter jüngst in großer Runde zum Besten. Man kann den SED-Funktionären ja vieles vorwerfen, aber eines steht nun mal fest: Nazis waren das nicht. An das Thema müssen wir noch mal ran. Sehr schön lief auch der siebte Kindergeburtstag beim Sohn einer Freundin. Sie ging gerade raus, um den Geburtstagskuchen zu holen. Als sie feierlich mit Torte und angezündeten Kerzen zurückkam, merkte sie, wie die ganze Runde einem kleinen Geburtstagsgast andächtig lauschte: "Ich finde, der Sarrazin hat Recht. Die Ministranten müssen sich besser integrieren." Also ehrlich - auch ein Thema für eine fröhliche Geburtstagsrunde.

Richtig peinlich wird es aber, wenn sich das Gespräch ums Geld dreht. Mein Mann hat eine ganz eigene Art, unser Vermögen auszurechnen. Er rechnet laut vor, wie viel wir ans Finanzamt abdrücken mussten - viel zu viel, findet er. Eigentlich, das tut er auch laut kund, gehöre das Geld weiterhin uns. Das verdammte Finanzamt müsse nur endlich die Kohle wieder rausrücken. Unsere Kinder lieben es, wenn ihr Papa richtig loslegt und sich in Rage redet. Sie hängen dann an seinen Lippen.

Einige Tage später stehen die Kinder und ich mit vielen anderen an einer überfüllten Bushaltestelle. Plötzlich fragt unsere Tochter laut: "Mama, stimmt es wirklich, dass wir fast 500 000 Euro auf dem Konto haben?"

"Was?", rufe ich baff. "Wer behauptet das denn?" Unser Konto schlingert nämlich, wie zum Monatsende üblich, um die Null-Euro-Marke herum. Inzwischen haben sich einige Wartende interessiert zu uns umgedreht. Dieses Mutter-Tochter-Gespräch klingt vielversprechend.

"Papa sagt das", erklärt meine Tochter überzeugt. Die Leute an der Bushaltestelle fangen an zu lachen. Und da kapiere ich: Sie hat die finanziellen Tagträume meines Mannes für bare Münze genommen.

Kommende Woche schreibt hier wieder Hajo Schumacher. Das Buch "Mamas & Papas: Wie wir täglich fröhlich scheitern." Diana Verlag, 12,99 Euro, gibt es ab sofort im Handel.