Internet

Die Generation Net Mom entlässt ihre Kinder

Beginnen wir am Anfang. Sie möchten doch sicher wissen, wie so etwas anfängt, nicht? Es beginnt, wie viele gravierende Veränderungen, schleichend. Im Kleinen. So, dass man gar nicht merkt, dass man sich verändert, dass sich alles verändert, das Timing, die Bewegungen, die Sprache.

Es fing an mit der Suche nach einer hübschen Schaufel. Hübsche Schaufeln sind schwer zu kriegen, es wirkt fast, als hätten sich die führenden Schaufelhersteller dazu verabredet, alle schönen Schaufeln aus dem Markt zu drängen und nur noch hässliche, klobige Dinger in die Läden zu bringen. Durch die Geschäfte zu rennen brachte also nichts.

Wenn man heutzutage an etwas scheitert, und zwar egal, ob es eine Wimpernverlängerung, ein entzündeter Hals, ein Dampfnudelrezept oder eine Ehe ist, dann sagen die Leute immer genau den gleichen Satz: "Versuchs doch mal im Internet." Bitte sehr, gesagt und getan, schlimmer noch: auf dieser wirklich ansprechenden Seite im Netz eine wahnsinnig herzig gepunktete Kinderschaufel, eine Gartenschürze und eine Gießkanne erwischt. Wie gesagt, so fing es an.

Man kann über das Internet sagen, was man will, aber dass es nicht praktisch ist, wird wohl niemand zu behaupten wagen. Gerade für uns Mütter! Keine Zeit, leicht übernächtigt und trotzdem abends ins Restaurant müssen ("Wir waren schon zehn Monate nicht mehr aus, verstehst du? Da will ich nicht aussehen, als hätte ich drei kleine Kinder zu Hause und keinen Geschmack!" - "Versuchs doch mal im Internet.") - wie soll eine Frau unter diesen Umständen die Zeit finden, shoppen zu gehen oder wenigstens zum Friseur oder mindestens im Drogeriemarkt nach einer Handcreme zu suchen, die auf die Schnelle rissige Nagelhaut repariert? Richtig: Es geht nicht. Oder zumindest geht es mit Internet leichter. Ein Kindergeburtstag steht an, aber der Scharlach ist zu Besuch gekommen? Mal unter uns, gibt es eine praktischere Erfindung als Amazons 1-Click?

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Das Internet scheint so gut zu Müttern zu passen, dass es nun sogar Studien über deren Onlineverhalten gibt. Eine Studie aus Frankreich hat herausgefunden, dass die typische digitale Mutter unter 40 ist, wenigstens ein Kind hat und mindestens drei Mal die Woche in den Abendstunden online ist. Drei Mal die Woche? Aber bitte, das können wir besser! Die vernetzte Mutter ist schließlich eine riesige Zielgruppe. Ein Traum für jede Marketingagentur, latent gelangweilt sobald es dunkel wird, in gewissen Stunden ans Haus gefesselt und vielleicht mit dem vagen Gefühl ausgestattet, dass es bei ihren Freundinnen mit mehr Kohle und ganz ohne Kinder wenn schon nicht glücklicher, so doch ausgeruhter und am Puls der Zeit saugend von statten geht.

Unterschieden werden die "mères numerique", wie es auf Französisch so hübsch heißt, in der Studie übrigens in drei Kategorien. Da wäre erstens die "shopping digital mom", die das Netz hauptsächlich nutzt, um sich Klamotten zu kaufen. Das macht durchaus Sinn, wie jeder weiß, der schon einmal mit einem Säugling in einer vollen Umkleide gestanden hat, und zwar genau in dem Moment, als das Baby der große Hunger überfällt. Dann gibt es die "social digital mom", der keine Wahl bleibt, als ihre Freundschaften über soziale Netzwerke so lange am Leben zu halten, bis sie einen geeigneten Babysitter findet oder ihr Mann einsieht, dass das Gekeife deutlich nachlässt, sobald die Frau des Hauses einmal in der Woche mit ihren Damen auf die Weide gelassen wird. Und schließlich die "social and digital mom", die im Grunde alles über das Internet regelt, sogar die Bestellung einer passenden Kuchendekoration zum Geburtstag ihres Fünfjährigen.

Tatsächlich neigt die digitale Mutter zur Übertreibung. Wer sein Kind aus reiner Langeweile per iPad-App ortet und später aus der tatsächlichen Bewegungsfolge und dem, was zu Hause erzählt wurde ("Wir waren eigentlich nur zum Pizza essen beim Fränkie, dann sind wir wieder skaten gegangen im Park") eine bunte Collage bastelt, damit der Jüngling sich schämen möge, braucht dringend einen weiteren Sinn im Leben.

Sie sagen 'Ach was, so etwas gibt es nicht'? Sie haben ja keine Ahnung. Termine avisieren, fixieren, managen, Preise vergleichen, Fabrikverkäufe berechnen (Trend gegen Preisnachlass - aber ist Rosé dann im Winter wirklich noch in?), die Wettervorhersage mit der bestmöglichen Kleidungskombi für den nächsten Schultag festlegen - Digital Mom macht mit den schönen Möglichkeiten des Netzes auch eine Menge Mist.

Nicht, dass das schlimm wäre. Das Leben ist fraglos einfacher, wenn man die Dinge des täglichen Bedarfs per Mausklick regeln kann. Und außerdem braucht eine Gesellschaft, die ihr Glück allein im Konsum findet, zweifellos eine neue, verlässliche Kaufkundschaft. Die potenten Silver Ager, auf die die Marketing-Spezialisten noch vor ein paar Jahren das große Geld gewettet haben, sind Internet-Shopping-mäßig eine ziemliche Enttäuschung. So berichtete eine betrübte Mutter kürzlich auf dem Spielplatz: "Und ich sage ihr noch, der Jesse wünscht sich unbedingt eine Bay Blade-Arena zum Geburtstag. Und was tut sie? Kauft ihm Murmelbahnverlängerungsstücke aus Holz. Sagt, die Arena hätte es nicht im Spielzeugladen gegeben. Dabei habe ich ihr noch gesagt: 'Versuchs doch mal im Internet!'"

Neue Existenz im Netz

Das Internet bietet eine Menge Möglichkeiten, einer Mutter in den passendem Umständen (Kind, Computer, Zeit, die nicht lesend verbracht wird) den Kopf zu verdrehen. Man soll ja keine Schleichwerbung machen, aber haben Sie schon von diesem Produkt gehört, das einem im Zeitraum von vier bis sechs Wochen die Wimpern um ein Viertel oder gar ein Drittel wachsen lassen soll? Gekauft an einem Abend, an dem die Kinder widernatürlicher Weise bereits um 20 Uhr schliefen, alle Arbeit getan und sämtliche Bücher gelesen waren. Es funktioniert unwahrscheinlicherweise tatsächlich, und zum Glück gibt es Amazon, der fehlenden Bücher wegen. Es war übrigens der Sohn, der kürzlich anmerkte: "Warum gehen wir eigentlich nicht häufiger in die Bibliothek? Da muss man die Bücher gar nicht kaufen, die gibt es doch da schon!" Eine ebenso wahre wie kluge Bemerkung, an der man ganz prima spüren kann, ob man noch lässiger Täter oder schon bemitleidenswertes Opfer ist. Nichts wie ran also ans iPhone, schnell einen Termin eintragen, und dazu eine Liste mit Büchern, die einem von führenden virtuellen Buchhändlern empfohlen worden sind.

Überhaupt, das persönliche! Es wird ja immer behauptet, das Netz betrachte Kunden immer nur als namenlose Geldbeutel. Aber nein, möchte man da ausrufen, es gibt ganz hervorragende, wenn auch sauteure französische Mode-Websites, die einem, sobald man dort auch nur eine Socke gekauft hat, alle paar Tage eine persönliche E-Mail schicken. "Susanne, see what's new for you!" Was es so alles an Neuem gibt, ganz speziell für einen selbst, das will man natürlich wissen. Nicht, dass man etwas verpasst.

Falls es mit dem digitalen Leben nicht so klappt, hat man im Netz natürlich die Möglichkeit, sich ganz nebenbei an gelangweilten Abenden zu Hause eine neue Existenz aufzubauen. Die Wohnung ist Mist und die Nachbarn blöde? Dann sucht man sich schnell eine neue, virtueller Rundgang inklusive. Die Arbeit ist eigentlich auch nicht das wahre? Aber bitte, wofür gibt es denn Jobbörsen, Headhunter und Online-Annoncen? Was sagen Sie? Ihr Partner taugt eigentlich nicht? Nun, auch da habe ich einen Tipp für Sie: Versuchen Sie es doch einfach mal im Internet.

Wimpernverlängerung? Entzündeter Hals? Dampfnudel-Rezept? - Versuchs doch mal im Internet!