Gesundheit

Wie Muttermilch fremden Babys das Leben rettet

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Es ist ein Bild, das sie nie vergessen wird. Da lagen sie im Brustkasten, zwei Handvoll Mensch, nur 29 Wochen alt. Nackt und zerbrechlich sahen sie aus. Sie hätte die beiden am liebsten herausgenommen und an ihre Brust gelegt. Doch eine gläserne Wand trennte sie von ihren Söhnen. Konstantin und Alexander.

Es ist fünf Monate her, dass Claudia Tsakos ihre Zwillinge zur Welt gebracht hat. Doch wenn sich die vierfache Mutter aus Treptow-Köpenick an jenen Moment erinnert, da sie die Winzlinge zum ersten Mal auf der Frühchen-Station im Rudolf-Virchow-Klinikum besuchte, kommt es ihr vor, als wäre es gestern gewesen. Neun Wochen hätten sie noch gebraucht, um im Mutterleib heranzureifen. Ihr Uterus war jetzt der Brutkasten. Was sie brauchten, war Hilfe beim Atmen, Antibiotika und Milch - nicht irgendeine Milch, sondern Muttermilch, jener wässrige Saft, um den sich Mythen ranken.

Spendenbereitschaft nimmt zu

Muttermilch besteht aus Fetten, Eiweißen und Zucker. Neben Hormonen enthält sie aber auch Abwehrstoffe und Verdauungsenzyme, die sich noch nicht synthetisch herstellen lassen. Claudia Tsakos war in der glücklichen Lage, dass ihr Körper nach der Geburt mehr Milch produzierte, als sie an ihre eigenen Söhne verfüttern konnte. Deshalb tat sie etwas, was immer mehr Säuglingsmütter tun: Sie spendete einen Teil ihrer Muttermilch für andere Frühchen.

Im Keller der Frauenklinik auf dem Rudolf-Virchow-Campus der Charité in Wedding kann man sich davon überzeugen. "Milch-Sammelstelle" steht auf einem Schild. Hier wird das "flüssige Gold", wie Mediziner die Muttermilch nennen, pasteurisiert, in riesigen Kühlschränken gelagert, angereichert und proportioniert.

Gerade haben Gabriele Lehmann und Marlen Rieboldt die nächste Lieferung Fläschchen für die Frühchen in der Charité, im Herzzentrum und im Virchow-Klinikum abgefüllt. Ihre Haare verschwinden unter grünen Häubchen, ihre Hände stecken in Latexhandschuhen. Es gelten strengere Hygiene-Vorschriften als in einer Molkerei. Einmal pro Woche holt ein Fahrer die gefrorene Muttermilch bei den Spenderinnen zu Hause ab. Dass Frühchen-Mütter mehr Milch produzieren als für den Eigenbedarf, ist die Ausnahme. "Angst und Stress hemmen den Milchfluss", sagt die Leiterin der Sammelstelle, Oberärztin Andrea Loui. Die 46-Jährige spricht aus Erfahrung. Vor 21 Monaten ist sie Mutter von Zwillingen geworden. Ihre Kinder kamen in der 30. Woche zur Welt. 1007 und 1074 Gramm wogen sie da, und Loui benötigte selbst Spendermilch.

Als Ärztin weiß sie, wie wichtig die richtige Ernährung ist. Zwar liegt die Quote der Kinder, die eine Frühgeburt nach der 26. Woche überleben, inzwischen bei 96 Prozent. Doch das Risiko, dass sie gesundheitliche Schäden oder eine Behinderung zurückbehalten, ist deutlich höher als bei anderen Säuglingen. Umso wichtiger ist die Ernährung. Sie muss ihren erhöhten Nährstoffbedarf decken. Die reine Muttermilch allein reicht bei Kindern mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm nicht aus. Sie muss angereichert werden mit Eiweißen, Elektrolyten und Mineralien.

Der Mediziner Michael Radke prophezeit, dass der Bedarf an Muttermilch für Frühgeborene in dem Maße steigen wird, wie Erstgebärende älter werden und mit künstlichen Befruchtungen auch die Zahl der Mehrlingsschwangerschaften steigt. Schon heute kommen neun Prozent der Neugeborenen vor der 36. Schwangerschaftswoche zur Welt. Ihr Leben hängt oft wochenlang am seidenen Faden. Radke ist Chefarzt der Potsdamer Kinderklinik Ernst von Bergmann. Die Klinik ist eine der wenigen in Deutschland, die noch eine eigene "Milchbank" unterhält - fast ausschließlich für den eigenen Bedarf. Ein Relikt aus der DDR-Zeit. "Damals", sagt der Professor, "war jeder Landkreis verpflichtet, eine eigene Milchbank einzurichten." Nach der Wiedervereinigung wurden die meisten Einrichtungen geschlossen. Als zu aufwendig und teuer galt die Aufbereitung der Muttermilch. Nur zehn Banken blieben übrig, die größte am Uniklinikum Leipzig. In der Bundesrepublik hatte die letzte Frauenmilchsammelstelle bereits 1972 dicht gemacht. Dem Kind die Brust zu geben empfanden viele damals als Rückschritt. Sogar unter Medizinern galt künstliche Säuglingsnahrung als ausreichende, wenn nicht gar bessere Alternative zum Stillen - im Gegensatz zu heute.

Muttermilch ist eine Wissenschaft für sich. Das bekam Claudia Tsakos zu spüren, als sie sich verpflichtete, ihre überschüssige Milch zu spenden. Bis zu anderthalb Liter täglich pumpte sie ab, fünfmal so viel, wie ihre eigenen Söhne trinken konnten. "Am Ende wusste ich gar nicht mehr, wohin damit. Der ganze Eisschrank war voll." Als Spenderinnen kommen nur gesunde Frauen in Frage, ihr Kind darf nicht älter als vier Monate sein. Sie dürfen weder rauchen noch andere Drogen oder Medikamente nehmen. Ihr Blut wird auf Krankheiten wie HIV, Hepatitis und Toxoplasmose untersucht. Claudia Tsakos sagt, sie habe zwei Wochen auf das Okay gewartet. Ein doppelseitiges DINA4-Blatt mit Vorschriften hätte sie in letzter Sekunde beinahe wieder abgeschreckt. Im Internet recherchierte sie, ob es noch andere Wege gibt, die Milch zu verwerten. In den USA ist der Handel mit Muttermilch längst kommerzialisiert. Auf der Seite www.onlythebreast.com kostet der Liter 90 Dollar.

Auch hierzulande kommt der Handel mit Muttermilch in Schwung. Schon suchen die ersten Mütter via Facebook Abnehmer - vorerst kostenfrei. Claudia Tsakos sagt, es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, ihre Milch zu verkaufen. Sie hat noch immer das Bild von Alexander und Konstantin im Brutkasten vor Augen. Sie sagt: "Ich bin froh, dass sich meine Kinder so gut entwickelt haben. Ich wollte anderen Babys helfen."