Sprechstunde

Sind bei einer Lungenentzündung Antibiotika notwendig?

Marlene G. aus Potsdam fragt: Bei meiner einjährigen Tochter hat die Kinderärztin neulich eine beginnende Lungenentzündung festgestellt und Antibiotika verordnet. Muss das wirklich sein, obwohl sie vollständig geimpft ist?

Ihre Ärztin hat sich genau an die Experten-Empfehlungen für Kinder mit akuten Infektionen der unteren Atemwege gehalten. Dazu gehören Bronchitis und Lungenentzündung, zwischen denen wir nicht immer leicht unterscheiden können. Beide Erkrankungen treten gerade jetzt in der kalten Jahreszeit wieder gehäuft bei jungen Kindern auf. Oft beginnt es mit einer einfachen Erkältung, zu Schnupfen und Husten kommen dann aber Fieber und Atembeschwerden hinzu. Kinder mit Lungenentzündung machen einen kranken Eindruck, fiebern höher, haben wenig Appetit, erbrechen und atmen schneller und angestrengter als solche mit Bronchitis. Dann sollte der Kinderarzt aufgesucht werden und über die weitere Untersuchung und Behandlung entscheiden.

Beim Abhören mit dem Stethoskop können wir oft ein feines Rasseln über dem Brustkorb feststellen - Zeichen für die Entzündung in den Lungenbläschen. Bei den meisten Kindern kann die Diagnose auf diesem Weg gestellt und auf Röntgen oder Bluttests verzichtet werden. In der Klinik behandeln wir die ganz jungen Patienten und solche mit schweren Lungenentzündungen, welche zu Sauerstoff- oder Flüssigkeitsmangel bzw. anderen Komplikationen geführt haben.

Jetzt zu Ihrer Frage nach Antibiotika und Impfschutz: Bislang haben wir keine Routine-Methoden, um bei jedem Kind mit Lungenentzündung den auslösenden Erreger nachzuweisen. Aus Studien wissen wir, dass in etwa zu jeweils einem Drittel Bakterien, Viren und Mischinfektionen verantwortlich sind. Der Anteil bakterieller Infektionen ist also recht hoch, sie lassen sich aber anhand von Beschwerdebild, Blutuntersuchung oder Röntgenbild nicht zuverlässig erkennen. Daher sollte eine Lungenentzündung bei Kindern immer mit Antibiotika aus der Penicillin-Gruppe behandelt werden. Diese haben eine ausgezeichnete Wirksamkeit und Verträglichkeit - unerwünschte Wirkungen wie einen Hautausschlag oder Übelkeit bzw. resistente Stämme beobachten wir zum Glück sehr selten.

Die häufigsten bakteriellen Erreger sind die sogenannten Pneumokokken aus der Streptokokken-Gruppe. Diese Keime schützen sich durch eine je nach Stamm verschiedene Zucker-Kapsel um die Zellen und können sich so im Gewebe rascher vermehren.

Pneumokokken sind nicht nur Erreger der Lungenentzündung, sondern können auch bei Hirnhautentzündungen und schweren Allgemeininfektionen eine Rolle spielen. Für Erwachsene mit chronischen Lungenerkrankungen gibt es schon lange eine Impfempfehlung und einen Impfstoff, der allerdings junge Kinder mit ihrem unreifen Immunsystem nicht zuverlässig schützt. Für sie wurde ein neuer Impfstoff entwickelt, der zur wirksamen Bildung von Antikörpern gegen die Bakterienhülle von sieben wichtigen Pneumokokken-Stämmen führt.

Seit einigen Jahren ist diese Impfung auch in Deutschland für alle Kinder im ersten Lebensjahr allgemein empfohlen. 2010 wurden neue Impfstoffe zugelassen, die zehn bis 13 Bakterien-Subtypen erfassen. Selbst vollständig geimpfte Kinder sind aber trotzdem nicht hundertprozentig gegen eine bakterielle Lungenentzündung geschützt und sollten unbedingt mit Antibiotika behandelt werden. Als Folge konsequenter Therapie- und Impfprogramme ist die Häufigkeit schwerer Lungen- und Hirnhautentzündungen zurückgegangen. Auch im 21. Jahrhundert sind es also Fortschritte in der Kinder- und Infektionsmedizin möglich, die die Grundlage für unser kinderärztliches Handeln bilden.

Michael Barker ist Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin