Babypfunde

Mutti kriegt ihr Fett weg

Es gibt Menschen, die sind von Natur aus breit gebaut. Selbst ganz abgemagert sehen sie noch irgendwie speckig aus. Kelly Osbourne zum Beispiel besteht praktisch nur noch aus Haut und Muskeln und wirkt trotzdem rund und kugelig. Dann gibt es mich. Vor kurzem umfasste mein Vater mein Handgelenk. Er sagte: "Eine schlanke Kuh ist zwar noch lange kein Reh. Aber Du bist eher der dünne Typ. Du solltest aufhören, so viel zu essen. Denk an deine Knie."

Das Problem ist, dass sich das Muttersein nicht mit meiner Figur verträgt. Früher war ich eine drahtige Person. Täglich Sport, viel Gemüse und literweise Wasser - kein Problem. Dann wurde ich zum ersten Mal schwanger und dachte: "Ach, so ein Magnum kühlt schön von innen. Das stille ich später wieder weg." Ich dachte das sehr oft, die Sache mit dem Magnum und dem Stillen. Es stimmte aber gar nicht. Das stellte ich nur leider zu spät fest. Eine Frage der Selbstdisziplin, ohne Zweifel. Es gibt Mütter, die nehmen in der Schwangerschaft minimal zu. Ich habe mich um Maximalität bemüht, vielleicht, weil ich immer schon fand, wenn man etwas macht, soll man es richtig machen. Das Kind wuchs. Ich stillte, bis das Baby prall war wie eine gut gefüllte Wasserbombe. Die Ärztin sagte: "Sie müssen nicht immer stillen, wenn er danach verlangt. Er kann auch mal warten." Das Kind fing an zu laufen, wurde dünn wie ein Stock und ist es bis heute. Heute ist es schwer für mich Gemüse zu essen, denn keines der Kinder hat ein großes Faible dafür entwickelt. Was sie mögen, ist reich an Kohlehydraten. Und ich schaffe es selten, mir etwas Leichtes zu machen. Noch seltener schaffe ich es allerdings, die halbleeren Teller nicht leer zu naschen. Eine alte Gewohnheit aus der Brei-Zeit. Man kann sagen, dass das Übel damit begann, dass ich die Brei-Näpfe der Kinder leerkratzte. Ich kaufte sogar extra den Hirsebrei, der mir persönlich am besten schmeckte. Ein Löffelchen für Mami, noch ein Löffelchen für Mami. Und noch eines.

So dünn wie ein Stock will ich gar nicht sein. Aber wie eine zarte Birke oder vielleicht eine halbwüchsige Buche. Nach aufwändiger Recherche musste ich feststellen, dass der Markt für Diät-Equipment ebenso gut bestückt ist wie ich. Die Konsensmeinung lautet: Mehr Bewegung, weniger Kalorienzufuhr und eine Ernährungsumstellung. Ein Klacks, denkt man, das bisschen Sport hat doch früher auch reingepasst.

"Bist du krank?"

An Tag Eins stand ich früh auf. Dann stellte ich fest, dass ich gar keine Zeit hatte, schnell mal Sport zu machen, weil ich ja zwei Kinder in Schule und Kindergarten bringen und zuvor noch mit Essen versorgen musste. Während ich Stullen schmierte, wusch ich nebenher Beeren, schälte einen Apfel und vergaß, Joghurt dazu zu tun. Es war ein mageres Mahl, zudem habe ich morgens sowieso keinen Appetit. "Warum isst du das?", fragte das kleine Kind, "bist du krank?" Ich brachte die Kinder in Schule und Kita, hatte einen Mordshunger und Terminstress wegen eines Textes, den ich abgeben musste. Anschließend sammelte ich alle wieder ein, fuhr sie zum Freund und/oder Fußballtraining, brachte sie heim, kochte Abendessen, machte Salat, grämte mich, aß einen Schokoladenpudding, noch einen, weil es eh schon egal war, wusch eine Ladung Wäsche, las den Kindern vor. Um 20.30 Uhr hatte ich immer noch keinen Sport gemacht und war faul und müde und sah stattdessen irgendeinen Mist im Fernsehen an. So ging es Tage, nein, ehrlicherweise waren es Wochen.

Ich dachte daran, mir professionelle Hilfe zu holen. Da gab es diesen Mann, der mächtig viele Muskeln hatte und den Ruf, mit den härtesten Fällen fertig zu werden. "Keine Sorge", sagte er und steckte probehalber seinen Zeigefinger in mein weiches Gewebe, "das kriegen wir schon wieder hin." Er kam zu mir nach Hause, brachte ulkige Gerätschaften mit und versprach, er habe einen "Sack voller schmerzhafter Überraschungen". Normalerweise würde ich nach so einem Satz die Polizei rufen. Stattdessen gab ich ihm 80 Euro für seine Mühen. Beim ersten Mal sahen die Kinder zu. "Warum machst Du das?", fragte das kleine Kind. "Bist Du krank?" - "Nein", sagte ich, "ich möchte so aussehen wie dieser Mann." Das kleine Kind betrachtete die Muskelberge des Trainers und warf einen besorgten Blick auf meine unterforderten Angela-Merkel-Arme. Das große Kind lachte und murmelte etwas von einem Fusionsgenerator, den er bauen müsse. Ich machte Kniebeugen und ächzte und kam mir lächerlich vor, dass ich es nicht mal alleine schaffte, meinen Hintern in den Park zu schleppen, um dort ein paar Runden zu drehen.

Der Trainer und ich versuchten es ein paar Wochen miteinander. Bei einem Internetversand bestellte ich Therabänder und eine Yogamatratze. Ich fing ziemlich schnell an, ihn zu betrügen. Hier ein Butterbrot (als ich einmal mächtig gestresst war), dort ein paar Nudeln (es gab nichts anderes, wirklich), kurzum: ich fühlte mich besser, wurde aber nicht schlanker. Der Trainer betrachtete mich traurig und sagte: "Seltsam, sonst hat es immer geklappt." Mein Vater sagte: "Bevor Du dein Geld zum Fenster raus schmeißt, gib es lieber der Wohlfahrt. Du dummes Kind, alles, was Du tun musst, ist auf Kohlehydrate zu verzichten!"

Also machte ich einen Entzug. Ich weiß nur ungefähr, was Zucker im menschlichen Körper anrichtet, aber Jungejunge, so viel ist gewiss: Der Nikotinentzug 1998 ist mir leichter gefallen. Und ich weiß, wovon ich rede. Damals habe ich starke französische Zigaretten geraucht. Gemüse und Eiweiß, ich war nicht glücklich, sondern fahrig, nervös und reizbar. Zugegeben: Auf der Waage zeigte sich das Ergebnis rasch. Dann hatte ich einen Anfall von "So ein Mist, das Alleinsein mit zwei Kindern ist wirklich grässlich anstrengend" und aß zum Trost eine Packung Eis. Das Eis schmolz, mein Wille brach.

Junkie nach Zucker

In der Folge entwickelte ich eine Art Fetisch für Spritzkringel. Ich testete, wie viel Zuckerguss in Kombination mit massenweise ungesättigten Fetten die ideale Kombination ergab. Ich ließ heimlich Bäcker gegeneinander antreten, krönte heimlich meinen Favoriten und naschte einen Ring oder zwei. Es war meine persönliche Vendetta gegen die Schlankmacherei der Welt, gegen das Wohlgefühl eines aktiven Körpers. Und natürlich schämte ich mich schrecklich. Wenn die Jungs am Nachmittag Hunger hatten, besorgte ich mir neuen Stoff. Je gestresster ich wurde von meinem Futterverhalten, desto größer wurde mein Bedürfnis nach billigem Zucker und schnellen Kohlehydraten. Ich war ein Junkie, ein Süß- und Gebäckwarensklave, eine willenlose Raupe.

Ich dachte: "Es ist bestimmt ein psychisches Problem." Man kennt das ja. Frühkindliche Programmierung und so, wahrscheinlich wurde mir immer, wenn ich mir das Knie aufgeschlagen habe, ein Bonbon zum Trost in den Mund gesteckt. Ich fragte ein bisschen herum. Da gab es diesen Psychologen, der schon die neurotischsten Fälle geknackt hatte. Der Psychologe meinte: "Kein Problem. Das kriegen wir wieder hin." Er sagte etwas von einem gestörten Selbstbild. Meinen Speck betrachtete er, als wären die kleinen Rollen Abgesandte des Antichristen selbst. Er sprach darüber, dass ich mich abschotten würde vor den Gemeinheiten der Welt. "Fett hat immer eine Bedeutung!", rief er und zeigte auf mein wogendes Fleisch. Nur wie ich den Speck wieder loswürde, das sagte er mir nicht. Ich fing schnell an, auch ihn zu betrügen. Dort ein kleines Croissant, hier ein paar Cocktails. Nach ein paar Wochen fühlte ich mich besser, schlanker wurde ich nicht. Der Psychologe betrachtete mich traurig und sagte: "Merkwürdig, sonst hat es immer funktioniert." Mein Vater sagte: "Hast Du inzwischen schon Geld gespendet?"

Ich bin nun ratlos. Eine Bekannte hat mir homöopathische Tabletten versprochen, die zuckerindizierte Fresslust und mütterliche Undiszipliniertheit am Abend sowie auch tagsüber verhindern soll. Sie sagte: "Keine Sorge. Die haben schon ganz vielen geholfen." In der Zwischenzeit überweise ich ein schon mal etwas Geld an eine wohltätige Einrichtung. Sicherheitshalber.