Kinderbekleidung

Spieglein, Spieglein an der Wand...

Die Schleife ist zu fest. Olga zieht an ihr, damit sie aufgeht. "Olga, pass auf, wir wollen doch sehen, ob sie passt!" Die Stimme der Mutter klingt ungeduldig. Sie bindet das breite rosa Band der Kaninchenfelljacke erneut um Olgas Taille, diesmal noch fester. Die Siebenjährige fügt sich in ihr Schicksal.

Einkaufen mit der Mutter kann manchmal anstrengend sein. Regelmäßig geht die Mutter mit der Tochter in eine bestimmte luxuriöse Kinderboutique am Kurfürstendamm. Hier gibt es Kleidungsstücke für Kinder ab dem Kleinkindalter - einige kosten weit mehr als 1000 Euro. Dass auch auf dem Preisschild, das an ihrer Jacke baumelt, eine vierstellige Summe steht, ist Olga egal. Für sie ist wichtig, dass sich die Jacke weich und flauschig anfühlt und dazu auch noch rosa ist.

Ein paar hundert Meter weiter in der Filiale einer großen schwedischen Bekleidungskette ist zwischen Anna und ihrer Mutter eine heftige Diskussion entbrannt. In der Kinderabteilung sitzt die Achtjährige wütend auf dem Boden und schmollt. Vor ihr liegt eine zerknüllte Jeans. "Aber die anderen in der Schule schneiden ihre Jeans auch ab und ziehen dann Ringel-Leggings drunter! Das sieht gut aus", sagt sie weinerlich. Ihre Mutter bleibt hart. "Wir kaufen keine nigelnagelneue Hose, damit du sie abschneiden kannst. Du hast genügend alte, mit denen das geht."

Nicht nur in den Geschäften, auch in den Kinderzimmern toben regelmäßig kleine Kämpfe, vor allem morgens und vor allem zwischen Müttern und Töchtern. Die Trends ändern sich laufend, das ist in der Kindermode nicht anders als bei den Erwachsenen. Laut Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels (BTE) geben Eltern, Verwandte und Freunde im Durchschnitt 275 bis 280 Euro pro Jahr und Kind für Bekleidung aus, das Gesamtvolumen im Handel mit Kinderkonfektion und Babyausstattung lag im vergangenen Jahr bundesweit bei etwa 2,9 Milliarden Euro. Ein riesiger Markt also. Eine repräsentative Umfrage der GfK Textilmarktforschung, die im Auftrag des Fachmagazins "Textilwirtschaft" durchgeführt wurde, macht jedoch auch deutlich, dass bei Kindermode grundsätzlich auf den Preis geachtet wird: Mehr als zwei Drittel der Befragten bevorzugen vergleichsweise preisgünstige Anbieter wie H&M und C&A. Dieses Ergebnis gilt annähernd auch für die Gruppe derjenigen, die monatlich mehr als 2500 Euro zur Verfügung haben.

Geld spielt keine Rolle

Wer abseits der Kaufhäuser das Individuelle aus der eigenen Stadt sucht, wird in Berlin schnell fündig. Die Bandbreite ist groß - sie reicht von Motto-Shirts mit Aufdrucken wie "Kleiner Bruder" von "Batata" über Outdoor-Kleidung der erfolgreichen Marke "Finkid" bis hin zu exklusiver Anlassmode. Letztere ist das Metier von "Elfen Couture" aus Charlottenburg. Das teuerste Stück, das zurzeit im Angebot ist, ist ein schwarzer Ziegenfellmantel für 980 Euro. Blusen gibt es ab 129 Euro. Wer hier einkauft, will keine Massenabfertigung. Besuchen kann man den Showroom nur nach Voranmeldung. Die Kunden kommen aus Berlin, Italien oder den Arabischen Emiraten. "Natürlich sind es überwiegend Mütter und Töchter", sagt Designerin und Geschäftsführerin Selina von Holleben. "Bei vielen von ihnen spielt Geld keine Rolle, auch wenn es manchmal so ist, dass die Mütter schlucken, wenn sich das Kind ausgerechnet in eines der teureren Stücke verliebt hat", sagt die 38-Jährige.

Oft sei es das glitzernde Kleid, auf das das Kind fast schon intuitiv zusteuere. "Manchmal greife ich auch ein, wenn ich merke, ein Kind fühlt sich absolut nicht wohl in dem, was der Mutter gefällt."

Selina von Holleben bietet ihre Kleidung in einem Berliner Altbau mit großen Flügeltüren und knarrendem Parkettboden an. Auf Kleiderständern hängen in gleichmäßigen Abständen kleine Kleidchen, Jacken und Blusen, meist in gedeckten Farben, für Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren. Die Stücke werden aus feinen, teuren Stoffen hier in Berlin genäht, vieles auf Bestellung, manches sogar maßgeschneidert. "Gerade für besondere Anlässe, zum Beispiel Taufe, Bar Mitzwa oder Konfirmation, wünschen sich die Kunden, dass ihre Kinder etwas Besonderes tragen." Um praktische Kleidung, die auch den fünfzigsten Waschgang übersteht, geht es hier nicht. Die Kinder auf den Werbefotos von "Elfen Couture" sehen aus wie kleine Erwachsene. Auch der schwarze Ziegenfellmantel polarisiert, das weiß die Designerin. "Er ist ein emotionales Produkt, kein logisches." Selina von Holleben möchte "Lieblings- und Erinnerungsstücke" verkaufen, die später weitervererbt werden. "Natürlich sind sehr verwöhnte Kinder unter den Elfen-Couture-Kunden, die so überladen mit Geschenken sind, dass sie kein Glück mehr empfinden, wenn sie ein schönes Kleid zum ersten Mal anziehen." Dadurch bekomme aber die Mode etwas Belangloses, findet Selina von Holleben. Ebenso, wenn die Mutter wert darauf lege, dass man dem Kleid ansieht, wie teuer es war.

Die Welt von Lene König ist eine ganz andere. Schöne Kinderkleidung entwerfen, das will sie ebenfalls. Doch ihr geht es vor allem um eines: Funktionalität. Die 39-Jährige gehört zu der Gruppe von Müttern, die erst für ihr eigenes Kind genäht haben, dann für das der Freundin und schließlich irgendwann ein eigenes Label gegründet haben. Das war allerdings wohl keineswegs so einfach, wie es klingen mag. "Ich habe einen Businessplan geschrieben und mein Geschäftsmodell professionell entwickelt", erzählt Lene König, der es nach der Geburt ihres Sohnes anfangs nur darum gegangen war, von dunkelblauen Shirts mit Traktor wegzukommen. 2004 fiel der Startschuss für ihre Marke "bubble.kid", kein halbes Jahr später wurde das eigene Geschäft in Mitte eröffnet. Mittlerweile findet sich die Marke nicht nur an der Rosa-Luxemburg-Straße, sondern auch in 35 anderen Geschäften in Deutschland und der Schweiz.

Ihr Konzept: "Meine Kleidung soll praktisch sein, schließlich will ein kleines Mädchen in einem Kleid nicht nur sitzen, sondern auch rennen und klettern." Im eigenen Atelier an der Lehrter Straße entstehen die Prototypen für die Kleidungsstücke, die dann später in Serie gehen sollen. "Den Praxistest mache ich oft am Wochenende mit meinen eigenen Kindern", sagt Lene König. "Kinder sind einfach so schön ehrlich." Was dazu führt, dass ein Hosenbündchen auch schon viermal geändert wird, bis es wirklich nicht mehr zwickt und zwackt.

Trend Biobaumwolle oder Internetshop

Wer schon einmal beobachtet hat, wie zielgerichtet kleine Kinder auf bunte Shirts mit noch bunteren Motiven zuspazieren, der ahnt, dass sich die Farbpalette der Marke in erster Linie nach dem Geschmack von Lene König richtet. "Zahnschmerzen-Rosa" hat sie vehement aus den Regalen verbannt, Schwarz, Grau, Gold und Silber genauso wie wilde Aufdrucke, dafür gibt es viel Grün. Und damit die Farben halten, gehören Waschproben ebenfalls zum Praxistest. Da zeigt sich in Lene König dann nicht nur die Unternehmerin, sondern auch die zweifache Mutter.

Junia Keutel wiederum bedient mit ihrem Label "Speak up!" einen anderen Trend, der in der Kindermode ein großes Thema ist - der 36-Jährigen geht es um Nachhaltigkeit. Ihre Entwürfe sind aus Bio-Baumwolle, das Thema Umweltschutz verpackt sie in kindgerechte Aufdrucke: "Save water, don't wash my hair" oder "I will save the world" ist dort zu lesen. "Wenn man genau hinschaut, dann geht es dem Endverbraucher in erster Linie um die Optik. Das ist auch bei Kinderkleidung nicht anders", sagt Junia Keutel. Sie hat in den vergangenen Jahren erfahren, dass es nicht einfach ist, sich mit dem Thema "grüne Mode" durchzusetzen. Natürlich legen Eltern wert darauf, welche Stoffe an die Haut ihrer Kinder kommen, aber am Ende zählt neben dem Aussehen doch der Preis. Und nicht die Frage, ob die Baumwolle fair gehandelt ist oder nicht. "Große Kaufhäuser sind in ihrem Sortiment außerdem sehr festgelegt und nicht offen für neue Marken", sagt sie. Junia Keutel konzentriert sich nun auf ihren Online-Shop.

Ein wichtiger Schritt, schließlich hat sich auch das Einkaufsverhalten von Familien extrem verändert: statt vor Schaufenstern zu bummeln sehen sich "Net-Moms" im Internet nach Schnäppchen um. Inhabergeführte Boutiquen haben es oft schwer. Negative Auswirkungen hat außerdem der Umstand, dass der Anteil der Kinder in Deutschland Prognosen zufolge noch weiter sinken wird. Das schlägt sich auch am Markt nieder: "Die Zahl der Textilgeschäfte und Kaufhäuser, die Kinder- und Babytextilien führen, ist in den letzten fünf Jahren von etwa 2500 auf circa 2150 gesunken", sagt André Klein vom Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels. Immer mehr Designer setzen deshalb vor allem oder gar nur noch auf das Internet.

Ohne eigenen Online-Shop geht es seit August auch bei der Berliner Marke "vincente" nicht mehr. Birgit Tappe freut sich jedoch weiter über jeden Kunden, der in ihr Kreuzberger Atelier an der Dieffenbachstraße kommt, um sich die Strickmode anzuschauen, für die ihr jüngster Sohn Vincent Namenspate ist. Alle Teile entstehen dort an Handstrickmaschinen. "Die Vererbbarkeit meiner Produkte an Geschwisterkinder und das ,Made in Berlin Kreuzberg' begeistern sehr", sagt die diplomierte Modedesignerin. Ihren Bestseller, die Entenmütze, wird man in den kommenden Monaten vermutlich nicht nur bei Kindern auf Kreuzberger Spielplätzen sehen.