Interview

"Kinder lernen am meisten, wenn sie selbst etwas erleben"

Am Abend des Martinstags sind die Kirchen voll, Kinderscharen ziehen mit Laternen und Fackeln durch die Straßen, besingen die Legende des Soldaten und späteren Bischofs Martin, der seinen Mantel teilte, um die eine Hälfte einem Bettler zu schenken

. Was Kinder an dem St.-Martins-Umzug fasziniert und welche Bedeutung der Tag für Kinder hat, erklärt Michael Schnabel vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München.

Berliner Morgenpost: Welche Botschaft vermittelt der Martinstag?

Michael Schnabel: Die Grundbotschaft von St. Martin ist, dass Kinder lernen zu teilen. Mit der Geschichte von St. Martin erfahren sie, was Altruismus bedeutet, was es heißt, sich für andere Menschen einzusetzen, ihnen zu helfen.

Berliner Morgenpost: Man könnte Kindern ja auch diese Geschichte einfach vorlesen. Welche Bedeutung haben der St.-Martins-Umzug, die Laternen, die Lieder?

Michael Schnabel: Der Umzug ist deshalb wichtig, weil er die emotionale Seite anspricht. Die Martinsbotschaft wird so viel eindringlicher, wenn Kinder sie auch sinnlich erfahren. Mit Studien ist belegt, dass am allerwenigsten hängen bleibt, wenn man Kindern etwas erläutert, mehr schon, wenn man ihnen etwas erzählt, aber am allermeisten, wenn sie etwas selber erleben. Wenn sie die Laternen halten und Licht in den dunklen Novemberabend tragen, erleben sie gleichsam die Geschichte von St. Martin, dem Jesus erschienen ist, um Licht in die Welt zu bringen. Dieses Zelebrieren des Brauchtums hat insofern eine sehr wichtige Bedeutung, auch wenn die Rituale heute mehr in der Folklore als in der Religion beheimatet sind.

Berliner Morgenpost: Mit St. Martin beginnt ja eine Zeit der Rituale: Advent, Nikolaus, Weihnachten. Kinder wollen diese Feste am liebsten in immer gleicher Weise durchleben. Warum?

Michael Schnabel: Kinder lieben die Wiederholungen. Das lässt sich auch entwicklungspsychologisch begründen. Kinder lernen über unterschiedliche Handlungen. Und dieser Lernprozess festigt sich über die Wiederholung. Die Wiederholung bedeutet Stabilität, Vertrauen und Geborgenheit. Auch bei Erwachsenen, die ja sonst oft nach Abwechslung in ihrem Leben streben, ist seit den 90er-Jahren eine Rückbesinnung auf Rituale zu beobachten.

Berliner Morgenpost: Woran liegt das?

Michael Schnabel: Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden Rituale hochgehalten, in Abkehr dazu wurden Rituale dann ab Ende der 60er-Jahre verteufelt, weil Rituale auch für Autorität stehen. Inzwischen ist die Geschichte aber so weit verarbeitet, und Rituale haben wieder einen anderen Stellenwert.