Interview

"Wer sein Äußeres pflegt, hält sich am Leben"

Kann man den Friseurbesuch psychologisch betrachten? Antwort gibt Peter Walschburger (65), er ist Professor für Psychologie an der FU Berlin.

Berliner Morgenpost: Ein Haarschnitt gehört zur Schönheits- und Gesundheitspflege, bedeutet vielen aber sehr viel mehr als das. Warum ist das so?

Prof. Peter Walschburger: Das ist durchaus psychologisch erklärbar. Wer ungepflegt und struppig aussieht, lässt sich gehen, dem ist sein Image, seine Außenwirkung egal. Wer sein Äußeres pflegt, hält sich selbst am Leben, will teilnehmen. Solange einem die Frisur, das eigene Äußere wichtig ist, solange gibt man sich nicht auf, möchte man nicht aus dem Leben scheiden.

Berliner Morgenpost: Eigentlich sind Friseur und Kunde fremde Menschen füreinander. Trotzdem erzählen sie sich intime Details aus ihren Leben...

Prof. Peter Walschburger: Ja, das liegt wohl daran, dass man beim Friseur Zeit hat. Dazu kommt, dass Friseure oft ganz pragmatisch denkende Menschen sind. Ähnlich wie Taxifahrer haben sie durch ihren Berufsalltag Erfahrung im Umgang mit unterschiedlichsten Charakteren und deshalb einen geschulten Blick, eine gute Menschenkenntnis. Außerdem ist das Haare waschen und schneiden mit körperlichem Kontakt verbunden, der Menschen einander näher bringt. Haare gehören zur Haut und die bildet ja unsere Grenze zwischen Innen und Außen. Dort zeigen sich Belastungen aller Art, man kann Menschen ansehen, wie es ihnen geht.

Berliner Morgenpost: Trennen wir uns mit einer neuen Frisur auch innerlich von vergangenem?

Prof. Peter Walschburger: Bei vielen, gerade bei Frauen ist das wohl so. Der Neuanfang soll dann auch äußerlich vollzogen werden. Bei Männern beobachtet man oft eher das Gegenteil, da ist der unfreiwillige Haarausfall das Problem. Haare fallen aus, obwohl man sich lieber nicht von ihnen trennen würde. Haare zieren, sie rahmen das Gesicht und stehen für Jugend und Vitalität. Alte Menschen halten gern an der Frisur fest, die sie ihr Leben lang schon hatten. Und die Frisur drückt ja noch viel mehr aus: den Pflegezustand, den Vitalitätszustand. Außerdem gibt es für sie ja auch Anerkennung von anderen. Solche Rückmeldungen sind wichtig für das eigene Wohlbefinden und das Selbstwertgefühl. kle