Herbstspaziergang

Ab! In! Den! Wald!

Ich kann das nicht verstehen. Draußen scheint die Sonne, am Himmel kaum Wölkchen, Wald und See nur eine halbe Autostunde entfernt. Schon während des Frühstücks werde ich unruhig, die staubigen Fensterscheiben, ich kann nichts sehen, nichts hören, nichts riechen! Jacken an, Schuhe zumachen, los, raus, wo uns der Wind um die Nase weht!

Merkt ihr das nicht auch, wie es von Minute zu Minute unerträglich wird, hier in der muffigen Bude? Wie es euch hinauszieht in die bunten Wälder, zu den gelben Stoppelfeldern?

Meine Kinder spüren mal wieder nichts. Sie wollen alles Mögliche: malen, essen, lesen, im Bett bleiben. Natürlich, wenn sie dürften, Fernsehen, Nintendo, Computer. Was sie definitiv überhaupt nicht wollen, ist: an die frische Luft. Da kann ich locken und betteln und die Hand flehend gen Himmel heben, schaut doch, das Licht, das Wetter, der schöne Herbst. Es hilft nichts. Sie machen nicht einen Schritt freiwillig in Richtung Garderobe.

Lieber ins Spaßbad

Stattdessen geht das Diskutieren los. Wo fahren wir denn hin? Nirgendwo. Einfach raus. Ins Grüne. Oh nee. Arg. Langweilig. Dann aber - weil meine Kinder gelernt haben, dass man mit Genöle nicht weiterkommt, manchmal aber mit konstruktiven Gegenvorschlägen - wechselt der Nachwuchs blitzschnell die Taktik. Wir wollen zum Turm! (Gemeint ist das Spaßbad in Oranienburg.) Nein. Dann nach Kreuzberg, ins Spreewaldbad! Nein, wir gehen heute nicht schwimmen. Dann Kino, sagt die Älteste. Dann Naturkundemuseum, fordern die Kleinen. Da gibt es wenigstens animierte Dino-Filme.

Ich bin sonst echt eher so der verständnisvolle Typ. Ich versuche mich reinzuversetzen in die Perspektiven und Wünsche und Bedürfnisse meiner Brut. Ich gehe auf Vorschläge ein, ich bin offen für innerfamiliäre Kompromisse. Aber nicht jetzt, und nicht beim Thema Spaziergang. Heute wird es keine kostspielige Freizeit-Event-Bespaßung geben, nicht mal einen Tierpark habe ich im Angebot. Einfach nur Wasser, Wiesen, Brandenburg. Basta. Und: Ihr! Kommt! Mit! Ob! Ihr! Wollt! Oder! Nicht!

Kampflos geben sie natürlich nicht auf. Die Jüngeren maulen weiter halblaut vor sich hin, schleichen aber immerhin mit mürrischen Gesichtern zu ihren Gummistiefeln. In Zeitlupe, versteht sich. Nur die Pubertierende droht mit Totalverweigerung. Ich bleib hier. Nein, bleibst du nicht. Du kannst mich nicht zwingen. Doch ich kann. In der Regel motzen wir uns dann noch eine Weile an, manchmal verlängert sich der Machtkampf bis ins Auto, wo das Kind am Ende schmollend mit seinen Handykopfhörern Musik hört. Seht her, was ihr mir antut. Ihr furchtbaren Eltern.

Den Hass kann ich gut aushalten. Schließlich bin ich eine Kriegerin auf einem heiligen Kreuzzug. Bewegung an der frischen Luft ist nicht verhandelbar. Eher lassen wir abends das Zähneputzen ausfallen. Außerdem: Dass Ausflüge ins Umland mit einem kollektiven Lustlosigkeitsanfall anfangen, bin ich gewohnt. Von früher. Und auch schon von ganz, ganz früher.

Denn die Geschichte wiederholt sich natürlich. Ich war als Kind selbst ein totaler Flaniermuffel. Schlimmer war eigentlich nur noch Wandern - also Spazierengehen, bloß länger und mit Höhenunterschieden. Es gibt etliche Fotos in meinem Fotoalbum, die die kindliche Abneigung gegen diese Art der Fortbewegung deutlich belegen. Die elfjährige Astrid mit hängenden Mundwinkeln auf einer idyllischen Mauer sitzend; die siebenjährige Astrid mit verschränkten Armen und mit Blicken, die töten sollen, auf einem Waldweg stehend. Ich kann mich zwar nicht im Detail erinnern, aber ich vermute stark, dass auch ich sehr ausgiebig mit meinen Eltern darüber gestritten habe, wieso wir denn schon wieder durch irgendeine blöde Landschaft latschen müssen.

Meine ersten freiwilligen Spaziergänge dagegen lassen sich wohl grob auf die Zeit der Pubertät datieren, aber da lief man natürlich nicht mehr mit den Erziehungsberechtigten, sondern mit Freunden und Freundinnen. Am liebsten durch irgendwelche leeren Stadtparks. Ich weiß noch, dass wir dabei wahnsinnig tiefgründiges Zeug zu besprechen hatten. Und dann mussten wir irgendwelche Mischlingshündchen Gassi führen. Und heimlich rauchen mussten wir natürlich auch.

Die Bäume und Sträucher, die unsere Wege säumten, waren dabei eher Nebensache. Aber wie leicht Hände ineinander finden können, während man langsam Uferwege entlangschlendert, das habe ich auch mit 16 schon kapiert. Auch, dass Luft und Laufen und Fühlen und Reden scheinbar sehr gut zusammen passen. Und dass Parkbänke vor idyllischer Grünkulisse nicht die schlechtesten Orte sind, um sich zu küssen. Wenn's zu peinlich wurde, ging man halt wieder ein paar Schritte, guckte verlegen nach rechts und links, zu den Blumen und den Bienen. So wächst der Teenager langsam rein in die Spazierfreuden der Erwachsenen.

Die Frage ist also: Mache ich jetzt mit den Kindern alles falsch? Weil ich unbedingt und mit aller Gewalt schon möglichst früh den Samen der Naturliebe in ihre Herzen pflanzen will? Statt einfach zu warten, bis sie freiwillig aus ihren engen Kinderzimmern flüchten, um kiffend in öffentlichen Grünanlagen rumzulungern? Ich hoffe nicht. Denn es gibt so viel, was ich ihnen zeigen will. Dieses unvergleichliche Gefühl, wenn man eine frisch geschlüpfte Kastanie in der Hand hält. Oder den Zauber der Zugvögelschwärme am Himmel. Die Farben am späten Nachmittag, wenn die Sonne schon ganz tief steht. Der See, wie er da liegt, windstill, und sich Himmel und Waldrand in ihm spiegeln. Der Geruch von nassen Wiesen. Und da hinten auf den Feldern, seht doch, da springt ein Reh!

Laut, fröhlich, unberechenbar

Gut, zugegeben, ich neige zu Öko-Kitsch. Wahrscheinlich typisch für Stadtbewohner, die sich schon bei einem herrenlosen Apfelbaum am Straßenrand gar nicht mehr einkriegen vor Begeisterung. Den Kindern gehen diese leisen Freuden der Beobachtung eher ab. Sie wollen Stöcker sammeln. Dann mit den Stöckern kämpfen. Auf abgesägten Baumstämmen balancieren, runterspringen, noch mal. Der Wald ist ein großer Abenteuerspielplatz. Und Papa soll die Geschichte erzählen, wie er als Kind durchs Laub getobt und dabei voll in einen Kackhaufen getreten ist. Tausendmal haben sie die schon gehört, ist aber immer wieder ein Brüller.

Und so sind - muss man das überhaupt dazu sagen? - unsere Familienspaziergänge, wenn der Anfang geschafft ist, meistens fröhlich und ausgelassen. Anders, als ich sie mir vielleicht wünschen würde, lauter, unberechenbarer. Ich habe mich damit abgefunden. Hauptsache, wir sind draußen und zusammen. Allein vor mich hin wandern kann ich noch, wenn die Bande mal ausgezogen ist. Apropos, da fällt mir das schönste aller Herbstgedicht ein: Herr, es ist Zeit. Hab ich den Kindern überhaupt schon die deutschen Naturlyriker nahegebracht? Ich glaube nicht. Höchste Zeit, dass ich damit anfange...

Sekunden später hat sich meine Familie ins Unterholz geflüchtet. Bloß weg von Mutti und ihren überspannten Ambitionen. Und ich? Ich atme tief durch, genieße den Moment der Stille. Geht doch.