Diskussion mit Katharina Saalfrank

Strafe muss sein. Wirklich?

Ein Vater, der seinen fünfjährigen Sohn auf offener Straße anschreit. Er ist rot vor Wut im Gesicht. Er hat die Hand zur Faust geballt. Es sieht aus, als würde er gleich explodieren. Heidemarie Depil erlebt solche Szenen beinahe täglich. Die Psychologin ist Geschäftsführerin des gemeinnützigen Vereins Casablanca. Zusammen mit dem Verein Zukunft bauen e.V. betreibt er das neu eröffnete Familienförderzentrum Panke-Haus im Soldiner Kiez im Wedding.

Im Auftrag des Jugendamtes beraten seine Mitarbeiter Eltern in Erziehungsfragen. Ein Thema steht auf ihrer Agenda ganz oben: "Was Kinder brauchen - muss Strafe sein?"

Ein Fall für die "Super-Nanny". Katharina Saalfrank steht also vor einem vollbesetzten Seminarraum im Panke-Haus, die meisten Zuhörer kennen sie aus dem Fernsehen, aus der gleichnamigen Doku-Soap bei RTL. Die Super-Nanny, das ist die toughe, aber allzeit verständnisvolle Pädagogin, die dahin geht, wohin sich sonst nur Gesandte vom Jugendamt verirren - in Familien, denen die Erziehung ihrer Kinder längst über den Kopf gewachsen ist. Man hat diese Bilder schon oft genug gesehen. Mütter, denen die Hand ausrutscht. Väter, die lauter sprechen als nötig. Kinder, die weder auf die eine noch auf den anderen hören. Sie sind ihren Eltern entglitten. Vor laufender Kamera versucht die Familientherapeutin, zwischen den Parteien zu vermitteln. Viele erleben zum ersten Mal, dass ihnen jemand sagt, was sie falsch und was sie richtig machen.

Erst einmal tief durchatmen

Ob RTL die Familien bloßstellt oder ob aus ihren Fehlern auch die Zuschauer etwas lernen, ist umstritten. Alle Welt redet vom Erziehungsnotstand. Katharina Saalfrank ist angetreten, ihn zu bekämpfen. Wenn sie ihre Familien wieder verlässt, ist die Welt wieder in Ordnung. So jedenfalls erscheint es auf dem Bildschirm. Das richtige Leben ist komplizierter. Das ahnt man schon, wenn man an diesem Abend das Panke-Haus betritt. Heidemarie Depil vom Verein Casanova hat sie für einen Vortrag eingeladen und nutzt die Gelegenheit, an diesem Abend auch den von den SPD-regierten Bundesländern geplanten Rechtsanspruch auf Hilfe zur Erziehung zu thematisieren. Bislang wird er überwiegend durch private Träger wie den Verein Casablanca eingelöst. Im Auftrag der Jugendämter betreuen seine Familienhelfer Eltern, die dringend eine Super-Nanny bräuchten. Diese Einzelfallhilfen seien kostspielig und ihr Erfolg zweifelhaft, behaupten SPD-Politiker. Sie wollen die Verantwortung dafür lieber an öffentliche Träger wie Kitas oder Schulen delegieren. Ein brisantes Thema. An den Fans der Super-Nanny geht es vorbei. Katharina Saalfrank, selbst SPD-Mitglied, kommt als Lebenshelferin, nicht als politische Botschafterin. Ein TV-Star zum Anfassen.

Die Mutter von vier Söhnen hat sich für ein Thema entschieden, von dem sie sagt, dass es jeden betreffe, der mit Kindern und Jugendlichen zu tun habe. Es geht um Strafen und Belohnungen. Es ist vermintes Terrain, das sie betritt. Das wird deutlich, als sie die erste Flipchart an die Wand wirft. Ohrfeigen. Klapse auf den Po. Prügeln mit Gegenständen. Die Spielarten der Strafen kommen RTL-Zuschauern bekannt vor.

Man sieht wieder die Bilder aus der RTL-Dokusoap über eine imaginäre Mattscheibe flimmern. Auch die von Kindern, die wie Luft behandelt werden, wenn sie nicht spuren. Katharina Saalfrank sagt, psychische Strafen schmerzten nicht weniger als körperliche. "Eine gebrochene Psyche kann man nicht gipsen." Sie sagt, dass Strafen nur die Wut und Aggressionen der Eltern kanalisierten. Kein Lerneffekt, nirgends. Strafen führten nur dazu, dass sich Kinder klein und ohnmächtig fühlten. Beinahe unmerklich huscht da ein Hauch von Röte über einige Gesichter. Das Wort Ohrfeige wird kein einziger Zuhörer laut aussprechen. Doch nicht ohne Scham erinnert sich der eine oder andere daran, wann ihm das letzte Mal der Kragen geplatzt ist, weil das eigene Kind morgens mal wieder eine halbe Stunde lang das Bad blockiert hat.

Ein typischer Anfängerfehler, sagt Deutschlands prominenteste Familientherapeutin. Sinnvoller wäre es gewesen, erst mal tief durchzuatmen, um den Kindern dann in aller Ruhe darzulegen, warum man sich über sie geärgert habe. Es ist eine Lektion wie aus dem Lehrbuch für Entwicklungspsychologie. Jemand hüstelt. Es sind überwiegend Erzieherinnen, Mütter und Väter, die im Publikum sitzen. Alle eigentlich fit genug, um sich selber Hilfe für die Probleme mit ihren Kindern zu holen. Nach dem theoretischen Exkurs werden sie die Super-Nanny mit Fragen löchern, die den Rahmen des Vortrags sprengen. Es geht um beißende Vierjährige und rauchende Teenager, um Wutanfälle vor dem Quengel-Regal im Supermarkt und um Lehrer, die Schüler vor die Tür setzen.

Keine Patentrezepte

Katharina Saalfrank steht vorne, die Hand nachdenklich ans Kinn gelegt. Sie hört geduldig zu, hakt nach und gibt Tipps. Dem Vater des rauchenden Teenagers rät sie, dem Sohn das Qualmen wenigstens in der Wohnung zu verbieten. Der Mutter einer Vierjährigen, die in der Kita keinen Nachtisch bekam, weil sie im Essen herumgerührt hatte, rät sie zum Dialog mit den Erziehern. Sie sagt: "Die sind halt oft auch überlastet." Das klingt beinahe resigniert. Die Super-Nanny, erfahren die Zuschauer, schwebt eben auch nicht über den Dingen. Auch bei ihr zu Hause geht nicht alles glatt. Als Expertin, nein, als Expertin sehe sie sich nicht, sagt sie. "Ich hab vier Kinder, das ist mein Expertentum - und dann habe ich noch viele Bücher gelesen." Mit Patentrezepten wie bei RTL kann sie in der Realität nicht dienen. "Das kommt immer auf den Einzelfall an", sagt sie zum Beispiel auf die Frage, ob es okay sei, ein vierjähriges Kind fest in den Arm zu nehmen, wenn es andere beiße und schlage. Es ist ein Satz, der oft an diesem Abend fällt.

Dabei, so wird Heidemarie Depil nach dem Vortrag sagen, hätten die meisten Teilnehmer der Elternkurse im Panke-Haus ganz andere Sorgen. Sie wirft einen schnellen Blick zu der Super-Nanny herüber, die jetzt vorne an ihrem Tisch ein Autogramm nach dem anderen geben muss. Heidemarie Depil erzählt von der 20-jährigen Hartz IV-Empfängerin, die ihren neugeborenen Säugling den ganzen Tag im Bett liegen lasse, weil sie selber schon genug Probleme mit sich habe. Sie erzählt von der Familie mit den drei Kindern und ungezählten Haustieren, deren Wohnung so verkeimt war, dass sich die Familienhelferin bei ihrem Hausbesuch weigerte, Platz zu nehmen. Sie sagt, sie sei der "Super-Nanny" dankbar dafür, dass sie ein Licht darauf werfe, was hinter den Türen ihrer Klienten passiere. "Die Realität ist mitunter noch extremer als bei RTL."

Die Schlange der Autogrammjäger hat sich jetzt aufgelöst. Thasin Özkan, 22, und Abdul el-Kathib, 20, nehmen Katharina Saalfrank für ein Erinnerungsfoto in ihre Mitte. Beide engagieren sich für Kinder in ihrem Kiez. Es sei eine lehrreiche Veranstaltung gewesen, sagt Informatikstudent Thasin. Ihm sei klar geworden, wie aufreibend die Arbeit der Pädagogin und Familientherapeutin sei. "Ich dachte immer, das wäre eine Schauspielerin."