Ratgeber

Muss man eingreifen, wenn ein Dreijähriger kaum etwas isst?

Ich bin Erzieherin in einem Kindergarten, in dem es eigentlich nie große Probleme gibt. Ein Dreijähriger aber macht mir Sorgen: Er ist spindeldürr und verweigert alle Nahrungsangebote.

Ich weiß, dass die Mutter ihn noch mit der Flasche füttert. Sie ist hochbesorgt um ihren Sohn, aber wenn man sie auf weitergehende Hilfen anspricht, blockt sie total ab. Der Junge hat sonst keine Anzeichen für Vernachlässigung oder Misshandlung - ist das dennoch eine Kindeswohlgefährdung?

Martina P., Zehlendorf

Kindeswohlgefährdung ist juristisch gesehen (leider) ein sogenannter "unbestimmter Rechtsbegriff". Ist das Wohl des Kindes erst gefährdet, wenn ein sichtbarer körperlicher Schaden beim Kind, etwa blaue Flecken, zu sehen sind? Wie erkenne ich seelische Misshandlung? Reicht es schon, wenn schlimmste Vernachlässigung ausgeschlossen ist oder gehört zur Sicherung des Kindeswohls mehr, beispielsweise die emotionale Befindlichkeit, o wie "Gesundheit" nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation mehr ist als nur die Abwesenheit von Krankheit? Insbesondere in komplizierten Situationen wie Ihrem Beispiel ist das schwer festzulegen.

Die Schwelle der Akzeptanz kann bei frühkindlichen Essstörungen nicht allein nach dem Gewicht bemessen werden, weil es bei dieser Störung neben dem körperlich sichtbaren Anteil immer auch eine seelische Komponente gibt, die eigentlich mit dem Essen gar nichts zu tun hat. Bei kleinen Kindern sprechen wir deshalb auch von "Fütter"-Störungen, weil die Beteiligung der Eltern eine sehr große Bedeutung hat! Leider findet sich, wie auch in der von Ihnen geschilderten Familie, häufig eine fehlende Einsicht in den eigenen Beitrag zum Problem. Der Verlauf ist oft chronisch und schleichend ansteigend, so dass man schwerlich einen Punkt fest machen kann, an dem eingegriffen werden sollte. Wie bei jugendlichen Magersüchtigen auch werden Arzt und Therapeut oft als "Reparaturbetrieb" für die mangelhafte Funktion des Kindes beim Essen verstanden. Insgesamt findet sich häufig ein sehr technisches und wenig emotionales Verständnis der Störung innerhalb der Familie. An der Frage, ob es Kindeswohlgefährdung ist, wenn man sein Kind so sieht, verzweifeln auch wir Profis oft.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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