Mobilität

"Eltern tun sich schwer, ihren Kindern zu vertrauen"

Die große Schwester muss ganz schnell von A nach B, die kleine - möglichst zeitgleich - von C nach D. Die Fahrten zu den Freizeitaktivitäten der Kinder können auch den Tagesablauf der Eltern beherrschen.

Wie die Hobbys der Kinder nicht zu Unfrieden in der Familie führen, darüber sprach Nicole Dolif mit Raafat Matar, Sozialpädagoge und Erziehungs- und Familienberater beim Arbeitskreis neue Erziehung (Ane).

Berliner Morgenpost: Die Hobbys der Kinder können für Eltern zu einem Vollzeitjob werden...

Raafat Matar: Ja, das kann tatsächlich passieren. Aber das ist weder für die Kinder noch für die Eltern gut. Ein Hobby soll Spaß machen und nicht für zusätzlichen Stress in der Familie sorgen.

Berliner Morgenpost: Aber wie lässt sich der Freizeitstress verhindern?

Raafat Matar: Eltern sollten einfach den Terminkalender der Kinder nicht so vollpacken. Zu mir in die Beratung kommen manchmal alleinerziehende Mütter, die sind völlig fertig von dem Gehetze von einem Termin zum nächsten. Vor allem kleinere Kinder brauchen das gar nicht.

Raafat Matar: Für Achtjährige, die den ganzen Tag in der Schule sind, reicht es dann beispielsweise völlig aus, wenn sie einmal pro Woche eine Aktivität am Nachmittag haben. Sie brauchen Zeit, um den Tag zu verarbeiten, allein zu spielen oder sich mit Freunden zu treffen. Das ist einfach wichtig für eine gesunde Entwicklung. Zehnjährige Kinder können dann durchaus schon zweimal in der Woche etwas machen.

Berliner Morgenpost: Viele Kinder würden aber am liebsten alles machen. Wie können Eltern das steuern?

Raafat Matar: Diese Entscheidung sollten Eltern nicht ihrem Kind überlassen. Es kann sich nur schwer zwischen zwei Angeboten entscheiden. Lieber Tanzen oder lieber Klavier? Das ist zu viel verlangt. Da müssen sich die Eltern Gedanken machen, was das richtige für ihr Kind ist, und dann eine Auswahl treffen. Wenn eine Sache dem Kind dann besonders viel Spaß macht und im Laufe der Zeit zu einem Hobby wird, kann man ja auch steigern.

Berliner Morgenpost: Und spätestens dann werden die Eltern doch zu Chauffeuren...

Raafat Matar: Nicht unbedingt. Es ist zu einer regelrechten Unsitte geworden, dass die Kinder dauernd von ihren Eltern begleitet werden. Manchmal sehe ich morgens Zwölfjährige, die noch von ihrer Mutter zur Schule gebracht werden und dabei nicht mal ihren Ranzen selber tragen. Wenn Kinder so groß sind, dass sie Hobbys haben können, sind sie auch groß genug, dort allein hinzufahren. Ab acht Jahren sind Kinder dazu eigentlich in der Lage. Wichtig ist aber, dass die Eltern sie darauf vorbereiten. Es kann ein bisschen dauern, bis Grundschüler wirklich verkehrssicher sind. Deshalb sollten Eltern mit ihren Kindern die Strecken mehrfach mit Bus und Bahn abfahren und die Kinder auch immer wieder auf mögliche Gefahren hinweisen. Wenn sie das sicher beherrschen, können Zweitklässler durchaus allein mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule oder auch zu Aktivitäten am Nachmittag fahren. Meistens sind sie auch sehr stolz, wenn sie es das erste Mal geschafft haben.

Berliner Morgenpost: Dann sind die Eltern also selbst schuld, wenn sie für ihre Kinder zum Taxifahrer werden?

Raafat Matar: Ein bisschen schon. Ich habe das Gefühl, die Eltern tun sich heute schwer damit, ihren Kindern zu vertrauen. Ständig ist von Gefahren im Alltag die Rede. Und deshalb tun sie sich dann schwer, ihre Kinder loszulassen. Dabei ist diese Selbstständigkeit ungeheuer wichtig für die Entwicklung.

Raafat Matar: Es gibt im Alltag kaum noch Räume, in denen Kinder mal für sich sind, also nicht unter der Aufsicht von Erwachsenen. Und es ist etwas ganz anderes, sich gemeinsam mit einem Freund oder auch allein in der Stadt zu bewegen und dabei ganz eigene Erfahrungen zu machen, anstatt immer von Mama mit dem Auto bis vor die Tür chauffiert zu werden. Das ist wichtig für Kinder.