Mamas & Papas

Mutter im freien Fall

Eltern sein, ich weiß, hat seinen Preis. Aber manchmal gehen die Anforderungen zu weit. Ich habe Todesängste ausgestanden neulich. Übertrieben? Oh nein. Es gibt ein Foto. Panisch aufgerissene Augen, der Mund ein gellender Schrei, die Hände verkrampft. Kennen Sie den Maler Edvard Munch: Der Schrei? So sah ich aus.

Zur Kommunion hatte ich meiner Tochter und meinem Patensohn einen Tag in "Ostdeutschlands größtem Freizeitpark" geschenkt. Liegt bei Leipzig. Letzten Sonntag fuhren wir zu dritt hin. Zwei aufgeregte Achtjährige, die es kaum abwarten konnten. "Wir wollen Achterbahn fahren!" - die erste Achterbahn ihres Lebens. Noch war ich entspannt. Ich hatte mich vorher informiert. Der Park bietet zwei Achterbahnen - und die große kam nicht in Frage. Das Ding überhaupt noch Achterbahn zu nennen ist absurd: ein rotes Ungetüm, der Horror auf Schienen. Es fängt damit an, dass man nach einem senkrechten Aufstieg senkrecht abstürzt, 32 Meter tief. Ich würde ohnmächtig werden. Achtjährige dürfen da gar nicht drauf.

Wenn das die Erwachsenen-Achterbahn ist, dachte ich, muss wohl die andere da drüben die Kinder-Achterbahn sein. Ich hatte sie schon im Netz gesehen: kleine offene Wägelchen mit Bügelchen, darin glücklich lachende Kinder und Erwachsene, sich entspannt in die Kurven legend. Früher bin ich öfter mal Achterbahn gefahren, die "Wilde Maus" halte ich bis heute gut aus - was sollte schon passieren?

In der Schlange wurde mir dann schon mulmig. Meine Höhenangst hat in den letzten Jahren zugenommen. Aber hey, versprochen ist versprochen. Die Kinder konnten schließlich nicht allein fahren. Der Wagen rollte an, zwei Plätze vorn, zwei hinten. Natürlich hätte ich lieber hinten gesessen, wo die schützende Wand einen hält. Aber ich war die Erwachsene an Bord, also setzte ich mich allein nach vorn und verstaute die Kinder hinten. Dann ging's los - erst einmal steil nach oben.

Konzentrier' dich auf deine Füße, murmelte ich. Nur nicht nach unten schauen. Auch nicht nach vorn, dann wird mir nämlich die Höhe klar. Wir kamen oben an, ein Ruck, kurzer Stillstand. Dann ging's richtig los.

Vor meinen Füßen tat sich ein Abgrund auf. Mit 70 Stundenkilometern rasten wir in die Tiefe, um danach wieder hochzuschießen. An den Rest erinnere ich mich nur vage. Wir drehten uns in steilen Spiralen, wurden hoch und runter geschleudert, fuhren in einen pechschwarzen Tunnel. Meine Tochter sagte hinterher, ich habe nur einmal mein Schreien unterbrochen. "Es geht vorüber, Kinder", murmelte ich mantramäßig. Nur ein Bericht, wie gesagt. Ich selbst weiß davon nichts.

Das Erinnerungsfoto an der Kasse haben wir gekauft. Zu komisch: Mein panisches Gesicht und die Kinder hinter mir - so froh, so adrenalinglücklich.

Kommende Woche schreibt hier wieder Hajo Schumacher. Das Buch "Mamas & Papas: Wie wir täglich fröhlich scheitern" (Diana Verlag, 12,99 Euro) gibt es ab sofort im Handel.