Gefahrenquellen im Alltag

Gepäckträger, Duschgel, Übergewicht

Es muss mal wieder schnell gehen. Vater Martin holt Sohn Lennart mit dem Rad von der Schule ab. Doch der Drittklässler ist morgens nicht wie üblich auch mit dem Rad, sondern zu Fuß losgezogen. Jetzt stehen Vater, Kind und die schwere Schultasche vor nur einem Drahtesel. Also hockt Lennart sich auf den Gepäckträger. Eine Alltagsszene.

Bis der linke Fuß des Kindes in die Speichen gerät und zwischen Felge und Rahmen gequetscht wird. Der zweite Akt des Dramas spielt in der Notaufnahme des Krankenhauses. Unter dem geschwollenen Knöchel zeigt das Röntgenbild einen Splitterbruch

Stefanie Märzheuser kennt solche Kinderunfälle zur Genüge. Sie arbeitet als Oberärztin in der Klinik für Kinderchirurgie am Charité-Standort Virchow-Klinikum. Vergleichbare Fahrradunfälle behandelt die Notfallärztin zwei bis drei Mal pro Woche. Kinderverletzungen sind ein Massenphänomen. Alle 20 Sekunden wird in Deutschland ein Kind wegen eines Unfalls bei einem Arzt vorgestellt. An der Hälfte der Unglücke sind Alltagsgegenstände oder Spielzeuge beteiligt. Oft sind sie gegen die eigentliche Produktidee verwendet worden. "Wir müssen die Kinder schützen, indem wir hinschauen, wie Kinder Gegenstände tatsächlich nutzen und sie kompetent machen im Umgang mit Risiken", sagt die Stefanie Märzheuser. Sie hat dazu als Präsidentin der Bundesarbeitsgemeinschaft "Mehr Sicherheit für Kinder e.V." Konzepte mit entwickelt.

Kinder als Sicherheitsexperten

Das Pilotprojekt "Kinder als Verbraucher" setzt direkt bei jungen Nutzern an und macht sie zu Experten. In drei Grundschulen untersuchten Schüler auf Anregung des Vereins in Zusammenarbeit mit dem Verbraucherschutzministerium Produkte aus Freizeit und Haushalt auf Risiken. Die 5c der Berliner Allegro Grundschule testete Spielzeuge. Nach der Sichtprüfung legen die Kinder Hand an. Manches Stofftier riecht da chemisch oder Haare und Plastikaugen lösen sich. Batteriefächer sind lose montiert und damit potenzielle Fingerquetschen. Die Warntexte und Piktogramme auf den Produkten helfen den Juniorkonsumenten weniger als der handgreifliche Test. "Zu klein" und "zu kompliziert" finden die jungen Verbraucher die Hinweise. Deren Wünsche und Gewohnheiten stärker zu berücksichtigen ist eines der Ziele des Projekts.

Stefanie Märzheuser wünscht sich sichere Ware fürs Taschengeld. Noch sieht die Wirklichkeit anders aus. Das Internet-Schnellwarnsystem Rapex der Europäischen Union listet gefährliche Produkte auf. Die größte Gruppe stellen mit 28 Prozent Spielwaren und Kinderbekleidung. Zudem, so die Expertin, sollten Kinder in die Produktentwicklung eingebunden werden, weil sie viele Dinge ganz anders gebrauchen als Hersteller und Eltern sich das so denken. "Der Klassiker ist doch, dass gerade kleine Kinder erst mal eine ganze Weile mit der Verpackung spielen, wenn Sie ein Geschenk auspacken, bevor sie sich der Sache selbst zuwenden", sagt die Dreifachmutter. Und da kann das Holzauto noch so gut verleimt sein, die berüchtigten "Kleinteile", die "Kinder unter drei Jahren" verschlucken, stecken in der Verpackung: Klammern, Krampen, Drähte oder Trocknungsperlen in Tütchen.

Anderseits finden Kinder "richtige Sachen" wie Hammer und Nagel viel spannender als die Plastik-Bohrmaschine. Eine Kerze unter Mamas Aufsicht mit dem Streichholz anzuzünden ist riskant, aber befriedigend. Den Schalter fürs Elektrobirnchen zu drücken langweilt bald. Der Kinderfantasie und ihrer Risikobereitschaft sind nur schwer Grenzen zu setzen.

Gefahrenbewusstsein ausbilden

Wie macht man Kinder zu Experten in Umgang mit Alltagsrisiken? Märzheuser rät, Kinder auf den Umgang mit den Wagnissen des Lebens Schritt für Schritt vorzubreiten. Eltern sollten sich immer den nächsten Entwicklungsschritt ihres Kindes vorausdenken. Nach Liegen kommt Drehen, nach Drehen Krabbeln und später die ersten Schritte. Bevor ein Kleinkind im unbeaufsichtigten Augenblick auf die heiße Herdplatte oder Ofenscheibe fasst, sei es sinnvoll am sich langsam erwärmenden Backofen "heiß" zu üben. Irgendwann wird das Gerät so warm, dass die kleinen Finger sich zurückziehen. So wird "Heiß!" zum Synonym für eine unangenehme Erfahrung. Risikoerziehung ist ein Langzeitprojekt. "Erst mit elf Jahren", so die Expertin, "haben Kinder ein gut ausgebildetes Gefahrenbewusstsein, das vorausschauend erkennt, was passieren könnte." Die Vereinsarbeit mit Kindern zeige, dass viele Jüngere ein Spiel- oder Sportgerät so lange für ungefährlich hielten, wie sie es beherrschten. "Kinder halten Räder für sicher, weil die fahren können", sagt Märzheuser. Unabhängig davon, ob Licht und Bremse funktionieren. Auch die Klemmmagneten am Kühlschrank für Urlaubskarte und Stundenplan muten bunt und harmlos an - bis sie verschluckt werden. Gelangen zwei Magnete in den Magen-Darm-Trakt, quetschen sie die feinen Darm und Magenwände zusammen. Das Gewebe stirbt ab. Ein Loch entsteht. Märzheuser hat schon mehrfach Magnetduos aus Kinderbäuchen und ätzende Knopfbatterien aus Speiseröhren operiert.

Sinnvolle Prävention, das sind sich Unfallforscher einig, heißt nicht, Kinder in Watte zu packen, sondern den bewussten Umgang mit Risiken zu üben. Nach einer Meldung der New York Times werden in den Städten der USA vermehrt Rutschen, Schaukeln und Klettergerüste von Spielplätzen demontiert. Grund: Es solle niemand zu Schaden kommen. Kinderpsychologen beobachten in den risikolosen Spielräumen indes den Effekt, dass die Kinder in ihrer emotionalen Entwicklung stagnieren und ängstlich werden. Kinder brauchen offenbar Risiken, die überschaubare Schäden bedeuten können. Haben sie die Situation gemeistert, bauen sie die Erfahrung in die Beurteilung des nächsten Wagnisses ein. Wer den Kletterbaum meistert, wächst innerlich. Wer vor dem PC zockt, wird träge und dick. "Übergewichtige, bewegungsarme Kinder erleiden weniger Unfälle, haben dann aber ein höheres Risiko schwere Verletzungen zu erleiden", beschreibt Chirurgin Märzheuser die Folgen von Risikoarmut. Dass man als Eltern nicht alle Gefahren aus dem Weg räumen kann, erfährt die professionelle Unfallverhüterin in der eigenen Familie. Zwei ihrer Kinder baden zusammen, bis eines die Mutter ruft. Märzheusers Tochter hatte ein Probefläschchen Duschgel getrunken. Beim Giftnotruf wird die Ärztin beruhigt: "Einmal erbrechen und das war es dann."