Ratgeber

Warum lässt sich mein Sohn nichts von mir sagen?

Ich gebe zu, dass es nicht gut war, wie ich meinen Sohn Karsten am Wochenende auf dem Weg vom Park nach Hause angeschrien habe. Aber mit viereinhalb Jahren muss er wissen, dass er nicht einfach über die Straße rennen darf! Meine Frau meint, ich sei viel zu hart mit ihm. Es ist bei uns ein Dauerthema, dass Karsten nicht hören will und sich oft damit in Gefahr bringt. Ich möchte wissen, was ich tun kann, ohne zu brüllen, denn ich fühle mich selbst schlecht damit. Stefan S., per E-Mail

Das ist für die konkrete Situation leider nicht so einfach, denn sie vergessen, dass es immer eine Vorgeschichte gibt. Sie sollten bedenken, dass die "Ich-lass-mir-nix-sagen-Krisen" von Karsten nicht der Beginn des Problems sind, sondern bereits die Spitze (des berühmten Eisbergs...). Sein Verhalten ist Ausdruck eines grundlegenden Missverhältnisses in der Beziehung zu Ihrem Sohn und kann deshalb auch nur grundlegend beeinflusst und verändert werden, alles andere ist Flickwerk. Um das zu verstehen, sollten Sie sich fragen, warum Karsten dafür sorgt, dass Sie provoziert sind und sich gehen lassen? Warum braucht er dieses übertriebene Gefühl von Selbstbestimmung bei falscher Gelegenheit? Vielleicht sind Sie ja mit ihm an anderer Stelle bereits zu beherrscht - oder besser: beherrschend? Das wäre ein typisches Vater-Sohn-Thema, was in Therapien oft Hintergrund für Verhaltensstörungen ist. Am vorläufigen Ende der Entwicklung zum Vorschulkind ist dabei bereits viel passiert, was nicht durch einfache Tipps oder Regeln zu kompensieren ist! Sie müssen sogar damit rechnen, dass dies in der nächsten großen entwicklungspsychologischen Phase, der Pubertät, erneut und mit Sicherheit noch heftiger wieder aufflammt! Sie sollten die nun kommende Phase der "Latenz" bis dahin sorgsam nutzen, um Macht und Kontrolle an anderer Stelle abzugeben, damit Karsten Ihnen in wichtigen Situationen das Ruder überlassen kann und ein Gleichgewicht entsteht. Männliche Forderungen sollten Sie stattdessen an Ihre Frau richten und sich hier fragen, ob Sie sich neben der Elternrolle auch als Mann und Frau wiedergefunden haben? Ein ausgeglichenes Paar bereitet auf natürlichem Weg den Boden dafür, dass das Kind Respekt aufbringt und dann sogar "gerne" auf die Eltern hört.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

Morgen berät Sie Dr. Heidemarie Arnhold zu Erziehungsfragen.