Mamas & Papas

Hochverrat im Schuhgeschäft

Wir sind eine wagemutige Familie, jedenfalls die Männer. Stoisch ertragen wir jegliches Grauen. Letztes Wochenende war es wieder soweit: Hans und ich hatten unsere Hirnströme mit Kinder-Fernsehen genullt und uns noch einmal umarmt. Vater und Sohn wussten: Es würde fürchterlich. Mama braucht neue Schuhe.

Wirklich brauchen, im asketischen Sinne von "dringend benötigen", brauchte die Chefin natürlich keine. Es war eher ein gefühltes Brauchen. Frauenschuhe tragen ein geheimnisvolles Verfallsdatum, das nur ihre Besitzerinnen entziffern können. Und weil ich vor Jahren gewagt hatte, eine selbstständige Kaufentscheidung der Chefin nicht sofort zu bejubeln, komme ich seither als Multifunktionswerkzeug zum Einsatz: Ich muss erstens mitdackeln, zweitens ein Urteil abgeben, drittens bezahlen, viertens tragen und fünftens zu Hause beteuern, dass die Wahl richtig war. Nun war der Tag gekommen, unseren Sohn in die Abgründe des Ehelebens einzuweihen. Würde er dem Psychoterror standhalten, wenn die Mutter mit zunehmender Schärfe fragt: "Und? Gefällt Dir der etwa auch nicht?"

Das war der entscheidende Moment. Jetzt nicht schlappmachen. Widerstand halten, gegen die Allianz aus Verkäuferin und Ehefrau. Früher hatten Schuhgeschäfte noch Spielecken, wo die Kleinen sich parken ließen. Heute werden sechsjährige Jungs ermuntert, doch mal die Highheels auszuprobieren. Derweil tönt es aus dem Kartonhaufen gegenüber: "Der passt nicht!" Wie schade. Es war nach drei Stunden das erste Modell, das unsere Familienwerte vereint: Anmut, Haltbarkeit und Preisbewusstsein. Leider aus dem Rennen. Stattdessen hatte sich Mona in einen Stiefel gezwängt, der mir den ganzen Winter über den Job des Schuhausziehers bescheren würde und zudem eine Nebenbeschäftigung, um die ledernen Kostbarkeiten überhaupt zu bezahlen. "Nun, ooch, na ja", sagte ich. In meinem ganzen Leben hatte ich erst zwei Autos erworben, die teurer waren als diese Stiefel. "Die gibt's in Gummi", sagte ich, "stand in der Zeitung, total angesagt." Vernichtende Blicke aus der Kartonbarrikade. Ich umarmte Hans. Es gab kaum noch Rettung. Die Chefin hatte sich in die Stiefel verguckt. "Wie findsten den?", fragte sie zum dritten Mal, als hätte ich zwischendurch im Lotto gewonnen. "Tja, öhm, na ja", sagte ich. "Der ist total toll, Mama", krähte Hans plötzlich, unabgesprochen. Diese kleine Mistkröte. "Ja, wenn er Dir gefällt", frohlockte die Mutter und umarmte den Sohn, "dann muss es wohl der richtige sein." Breit grinste die Verkäuferin. "Und jetzt gehen wir Hamburger essen", jubelte Hans, "wie Mama mir's versprochen hat." Ein Deserteur, dreister Raub und Korruption - ein ganz normaler Einkaufstag.

Kommende Woche schreibt hier wieder Susanne Leinemann. Das Buch "Mamas & Papas: Wie wir täglich fröhlich scheitern." Diana Verlag, 12,99 Euro, gibt es ab sofort im Handel .