Interview: Namensforschung

Lieber Luca als Kevin

Schon bevor das Kind geboren wird, haben Eltern eine schwierige Aufgabe: die Namenswahl. Sie müssen sich einigen, ihren Beschluss anschließend vor Großeltern, Freunden und Kollegen rechtfertigen - und später auch vor dem Kind, das sein Leben mit dem Ergebnis verbringen wird.

Die Oldenburger Pädagogikprofessorin Astrid Kaiser hat 2009 mit einer Studie nachgewiesen, dass Grundschullehrer Kindern mit Vornamen wie Kevin oder Jacqueline weniger zutrauen als einem Simon und einer Sophie. Anette von Nayhauß sprach mit der früheren Grundschullehrerin über die Vornamenswahl und ihre Folgen.

Berliner Morgenpost: Sie haben festgestellt, dass Menschen anderen Menschen anhand des Vornamens bestimmte Eigenschaften zuordnen. Wie sollte ich mein Kind heute nennen, damit es als intelligent, sympathisch und attraktiv wahrgenommen wird?

Astrid Kaiser: Das ändert sich im Lauf der Zeit. Da entwickeln sich richtiggehende Moden, die sich jahrzehnteweise ändern. Namen, die in den 70er-Jahren als besonders attraktiv gelten, wurden zum Massennamen und dann in der Mittelschicht weniger vergeben. Für die Unterschicht aber blieben sie attraktiv.

Berliner Morgenpost: Welches sind denn im Moment die besonders positiv besetzten Namen?

Astrid Kaiser: Katharina, Anna, Hannah, Sophia waren in unserer Untersuchung besonders positiv besetzt. Allerdings liegt die Studie jetzt schon zwei Jahre zurück, das ändert sich schon wieder. Einige der dort besonders positiv eingeschätzten Namen werden in der Mittelschicht inzwischen seltener vergeben.

Berliner Morgenpost: Kann man denn auch als Kevin Karriere machen?

Astrid Kaiser: Natürlich! Die Einschätzung ist doch nichts Definitives. Es kommt ja vor allem auf die Person an. In den Gesprächen für unsere Studie haben Lehrer beispielsweise gesagt: "Dieser Kevin ist kein Kevin."

Berliner Morgenpost: Trotzdem vermittelt der Vorname einen ersten Eindruck von Alter und Herkunft.

Astrid Kaiser: Für das Alter gilt das auf alle Fälle. Helga, Hans-Dieter oder Irmgard - da denken wir alle an die Generation aus den 30er-Jahren, die Namen vergibt heute niemand mehr. Stefan und Nicole - das sind ganz klar Namen aus den 70er-Jahren.

Berliner Morgenpost: Wie lange wird es denn dauern, bis die Namen Stefan oder Susanne wiederkommen?

Astrid Kaiser: Die werden wir nicht so bald wieder hören, da ist die jetzige Elterngeneration noch viel zu dicht dran. In 50 Jahren vielleicht.

Berliner Morgenpost: Wie entstehen solche Namensmoden?

Astrid Kaiser: Das sind kulturelle und politische Einflüsse. In den 30er-Jahren war Adolf ein beliebter Vorname, das hat sich aber schon Anfang der 40er-Jahre geändert, als die Menschen unter dem Krieg und seinen Folgen zu leiden hatten. Karin dagegen war noch länger beliebt - Görings erste Ehefrau hieß Carin. Bis in die 60er-Jahre hinein wurden deutsche Vornamen gegeben. Mit den Ostverträgen kamen russische Namen in Mode, Tanja, Sascha zum Beispiel. Und mit der Annäherung an Frankreich entschieden sich immer mehr Eltern für französische Vornamen und nannten ihre Kinder Nicole und Oliver. Mit der konservativen Wende kamen in den 80er-Jahren Namen wie Anna zurück.

Berliner Morgenpost: Welchen Trend bei der Namenswahl beobachten Sie jetzt?

Astrid Kaiser: Im Moment sind synthetische Namen angesagt, das heißt, Namen, die die Eltern selbst entwickeln oder verändern. So entstehen Namen wie Jandrick oder Maliva. Wir stellen eine zunehmende Individualisierung fest und gleichzeitig eine Orientierung an der Vergangenheit, an den Namen unserer Großeltern.

Berliner Morgenpost: Was kommt als nächstes?

Astrid Kaiser: Die Individualisierung wird noch weiter zunehmen. Die Eltern wollen für ihr Kind einen ganz besonderen Namen.

Berliner Morgenpost: Gibt es auch schon deutsche Eltern, die sich für arabisch oder chinesisch beeinflusste Namen entscheiden?

Astrid Kaiser: Nein, das gibt es überhaupt nicht. Italienische Namen sind angesagt, arabische oder chinesische nicht. Das hat mit der Wahrnehmung dieser Kulturen in Deutschland zu tun, damit dass die Kulturkreise hier oft als fremd empfunden werden. Deshalb wollen die Eltern nicht, dass ihr Kind diesem Kulturkreis zugeordnet wird.

Berliner Morgenpost: Was würden Sie Eltern raten, die einen individuellen Vornamen suchen, absurde Kombinationen wie Evita-Cheyenne aber vermeiden wollen?

Astrid Kaiser: Ich würde mich da an die Vornamenslisten ab Platz 200 halten. Da findet man Vornamen, die normal klingen, aber nicht so häufig sind.

Berliner Morgenpost: Früher gab es in Familien Traditionen wie: Alle erstgeborenen Söhne heißen Karl. Oder: Die Namen aller Töchter beginnen mit einem A. Gibt es das heute auch noch?

Astrid Kaiser: Ja, das Systematische findet sich durchaus noch. Ich kenne selbst eine Familie, in der alle Kinder friesische Namen haben, und eine andere, in der die Namen aller Kinder mit einem K beginnen. Das ist ein typisches Mittelschichts-Phänomen. Die Familie will so nach außen signalisieren, dass sie zusammengehört.

Berliner Morgenpost: Gerade in der bürgerlichen Mittelschicht werden Namen auch in Abgrenzung nach unten vergeben. Sind das moderne Klassenschranken?

Astrid Kaiser: Eine davon. Wir haben die Klassenschranken ja in vielen Alltagsbereichen, das fängt bei der Kleidung an und geht über das Muster der Gardinen bis zur Wahl des Geschirrs. Der eine nimmt das barock anmutende Geschirr mit Goldrand, der andere ein schlichtes Designergeschirr.

Berliner Morgenpost: Die Schranken werden nur von unten nach oben durchbrochen - oder kann es ein Name auch von unten nach oben schaffen?

Astrid Kaiser: Nein, das kommt nicht vor, bei den Namen nicht und auch sonst nicht. Das Geschirr mit dem Goldrand kam ja auch ursprünglich vom Adel und wurde dann nach unten durchgereicht.

Berliner Morgenpost: Was ist Ihr Lieblingsname?

Astrid Kaiser: Carlotta. So heißt meine Enkeltochter. Ich mag auch nach wie vor die Namen meiner Söhne, Arvid und Gerrit. Ich wusste schon in den 60er-Jahren, viele Jahre vor den Geburten 1977 und 1984, dass ich meine Kinder so nennen will, und habe mit meinem Mann sogar einen Namensvertrag geschlossen.

Berliner Morgenpost: Und wie finden Sie Ihren eigenen Namen?

Astrid Kaiser: Ich bin sehr zufrieden. Ich bin ein Unterschichtskind der Nachkriegszeit und am Namen nicht als solches zu erkennen.