Ruhestörung

Viel Lärm um Nichts

Topfschlagen ist ein beliebtes Spiel für Kindergeburtstage. Doch während oben die Kleinen den Kochlöffel auf die abgezogenen Dielen knallen, werden die Mieter der darunter liegenden Wohnung schier wahnsinnig. Was für die einen Ausdruck von Lebensfreude ist, ist für die anderen ein Albtraum.

Und ob nun Topfschlagen, das tägliche Pensum Geigeüben oder aber ein Wutanfall - welche Geräusche schön sind oder nicht, nerven oder zum normalen Kinderlärm gehören und welche Lautstärke allgemein angemessen ist, daran scheiden sich die Geister.

Dabei gibt es ganz klare Regeln, was Kinderlärm betrifft. Doch wer selbst Nachwuchs hat, weiß, wie schwer es ist, diese auch einzuhalten. Oder Kinder dazu zu bringen, Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer zu nehmen. Grundsätzlich gilt wohl: Hopsen und Springen, Toben und Schreien sind nicht immer zu vermeiden. Es sei denn, man wolle das Kind festbinden und ihm einen Knebel in den Mund stecken (und das will ja niemand).

Hermann-Josef Wüstefeld ist Anwalt beim Deutschen Mieterbund, der bundesweit 330 Mietervereine vertritt. Er weiß, wie schwer es ist, Kinder lärmmäßig in Zaum zu halten: "Das weiß glücklicherweise auch der Gesetzgeber. Für Kinderlärm gibt es deshalb keine Dezibel-Grenzwerte."

Spielen in der Wohnung ist erlaubt

Kinder dürfen demnach vor dem Haus, im Hof, auf dem Spielplatz oder im Garten spielen, und dabei kann und darf es auch bisweilen etwas lauter werden. In der Wohnung ist das Spielen laut Anwalt Wüstefeld ebenfalls erlaubt. Dort dürfen die Kinder auch mal Toben, Weinen oder Schreien, wenn es denn sein muss.

Doch: Nicht alle sehen das so. Einige Zeitgenossen führen bisweilen gewissenhaft Protokoll, wann die Kinder lärmen und sogar, wann sie weinen, berichtet Wüstefeld. "Säuglingen kann man allerdings auch in der Nacht das Schreien nicht verbieten."

Auch älteren Kindern kann man nicht verbieten, mal etwas lauter zu spielen. Umstürzende Bauklötze zum Beispiel seien jedenfalls kein Kündigungsgrund und rechtfertigten auch keine Mietminderung für Nachbarn, die sich gestört fühlen. Wer prozessieren wolle, sollte bedenken, dass die Gerichte relativ kinderfreundlich sind, sagt Anwalt Wüstefeld. Denn Kinderlärm gehört zum sogenannten vertragsgemäßen Gebrauch einer Wohnung. Für den Nachwuchs gilt demnach eine sogenannte "erhöhte Toleranzgrenze".

Seit Februar 2010 gibt es im Landes-Immissionsschutzgesetz Berlin eine spezielle Regelung zum Lärm von Kindern. Darin heißt es: "Störende Geräusche, die von Kindern ausgehen, sind als Ausdruck selbstverständlicher kindlicher Entfaltung und zur Erhaltung kindgerechter Entwicklungsmöglichkeiten grundsätzlich sozialadäquat und damit zumutbar." Der Gesetzgeber setzte damit ein Signal. Wüstefeld geht deshalb davon aus, dass Nachbarn in Zukunft in puncto Kinderlärm toleranter werden müssen.

Diese Regelung kam zumindest für die Friedenauer Kita "Milchzahn" zu spät. Sie mussten vor etwa drei Jahren ihre Räume verlassen. Ein Nachbar zog vor Gericht und bekam recht. In der Begründung des Landgerichts hieß es die Kita in der Ladenwohnung sei eine Fehlnutzung". "Lächerlich", sagte damals eine Erzieherin, Es gehe um Lärm, um nichts anderes. Dauernd habe dieser Nachbar vor der Tür gestanden und sich über die zu lauten Kinder beschwert. "Wir haben versucht, Kompromisse zu finden", sagte Kitaleiterin Renate Kühl. Die hinteren Räume, die direkt an die Souterrain-Wohnung des lärmempfindlichen Nachbarn grenzen, durften die Kinder erst ab 9.30 Uhr nutzen. "Und ab 16 Uhr ist bei uns Ruhe, weil wir schließen", sagt sie. Doch genützt hat es nichts, die "Milchzähne" mussten raus.

Freibrief für Lärm gibt es nicht

Einen Freibrief für uneingeschränktes Lärmen von Kindern und Jugendlichen gibt es aber auch nach Einführung der gesetzlichen Regelung nicht. Auch für Familien mit kleinen Kindern gelten die allgemeinen Ruhezeiten. Die Eltern müssen grundsätzlich dafür Sorge tragen, dass sich die Geräuschbeeinträchtigungen soweit wie möglich im Rahmen halten. Denn: Die Wohnung kann natürlich kein Ersatz für den Sportplatz sein. Und so ist das Springen von Tischen und Stühlen oder zum Beispiel Fußballspielen in der Wohnung nicht erlaubt. Auch stundenlanges Hopsen, Stühle umwerfen und ständiges Türenknallen, sowie Rollschuhfahren in den eigenen vier Wänden sind laut Gesetz nicht gestattet. Das gilt auch in Treppenhaus und Aufzug - die gemeinsamen Räumlichkeiten in Mietshäusern sind eben kein Spielplatz.

Ebenfalls verboten ist "gezielter Lärmterror". Mietrechtsexperten wie Anwalt Wüstefeld berichten von Fällen, in denen Kinder von den Eltern angestiftet wurden, den ungeliebten Nachbarn mit Lärm fertig zu machen. Das geht natürlich nicht.

Für den Erhalt der guten Nachbarschaft bleiben den Eltern andere Möglichkeiten: Sie können im Kinderzimmer den Lärm durch das verlegen von Teppichboden dämpfen, Holzpantinen der Kinder durch Wollsocken austauschen und den Nachwuchs dazu zu erziehen, Ruhezeiten zu respektieren. Sollte es trotzdem zu Streit mit Nachbarn kommen, die sich über Kinderlärm beschweren, sollten Betroffene den Konflikt nicht eskalieren lassen und stattdessen das Gespräch mit den jeweiligen Nachbarn suchen. Können sich die Nachbarn einmal untereinander nicht einigen, sollten sie sich an den Vermieter wenden. Der kann darauf bestehen, dass mehr Rücksicht genommen wird.

Das Zusammenleben von Jung und Alt, kinderlosen und kinderreichen Familien in einem Mietshaus ist ein gutes Barometer darüber, wie es tatsächlich mit der Kinderfreundlichkeit in unserem Land bestellt ist. "Kinder sind für den Fortbestand unserer Gesellschaft das wichtigste. Erwachsene, die sich über den Lärm aufregen, sollten daran denken, dass sie auch mal klein waren", mahnt Mietsrechtsexperte Wüstefeld.