Geschichtswettbewerb

Auf Ur-Opas Spuren

Gerade als Elio Bier (15) und Florentin Hildebrandt (16) ganz tief in dem einen Skandal steckten, hielt ihnen die Wirklichkeit den anderen wie einen Spiegel vor. Es war Februar 2011, die deutsche Öffentlichkeit erregte sich über Noch-Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg und sein Plagiat.

Auch wenn die beiden Jungen die Debatte eher nebenbei verfolgten, war ihnen doch klar: Was sich da abspielte, kannten sie bereits aus monatelanger Recherche für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. "Ärgernis, Aufsehen, Empörung: Skandale in der Geschichte" lautete das Oberthema 2010/2011, unter dem sich die Schüler mit dem Aufruhr um eine provokante Zeichnung des Malers George Grosz in den 1930er-Jahren befasst hatten.

Am Donnerstag wurden sie für ihre rund 50 Seiten starke wissenschaftliche Arbeit als eines von vier Landessiegerteams in Berlin ausgezeichnet. Stolz sind die beiden nicht nur auf ihren Preis. Ein Gewinn bestehe darin, dass "wir heute nach einem halben Jahr Arbeit an einer Skandalgeschichte auch in unserem Alltag anders mit Skandalen umgehen können", hatte es Elio im Arbeitsbericht formuliert. Zu verfolgen, wie aus einer Meldung ein Skandal wird, einzelne Äußerungen und die Motive dahinter zu verstehen, das sei für sie heute leicht, meinen Elio und Florentin.

Eltern geben Unterstützung

Bewusst ist den beiden Gymnasiasten freilich, welchen Anteil am Erfolg - neben ihrem Tutor und Lehrer an der Bertha-von-Suttner-Oberschule - auch ihre Familien haben. Von Formulierungsvorschlägen bis zum Übersetzen von Sütterlinschrift, vom Abtippen der Experteninterviews bis zum Retten der Arbeit nach einem Computerabsturz reichten die praktischen Hilfen der Eltern. Manchmal, erinnert sich Florentins Mutter Kerstin Hildebrandt, habe sie ihren Sohn auch ein bisschen genervt - als es anfangs nicht so richtig losgehen wollte, oder als am Ende die Zeit knapp zu werden drohte. Wie wichtig Förderung dennoch ist, das merken auch die Ausrichter des Geschichtswettbewerbs. 80 Prozent der Teilnehmer "sind Schüler von Gymnasien, die meisten mit gutem Bildungshintergrund", sagt Stefan Frindt von der Körber-Stiftung, der den Wettbewerb seit fünf Jahren betreut. Dabei müsse es im Elternhaus gar keine Geschichtsbibliothek geben, so Frindt. "Entscheidend ist vielmehr eine allgemeine Neugier gegenüber Themen und eine Bereitschaft für ernsthaftes Engagement."

Auch Elio und Florentin zehren davon, dass für ihre Eltern Vergangenheit mehr ist als ein längst zugeschlagenes Buch. Wenn Geschichten aus der Familie erzählt wurden, gab es stets Details, die die Kinder fesselten. Da war Florentins Uropa, der als Ingenieur an Junkers-Flugzeugen mitgebaut hatte. Oder Elios angeheiratete Verwandtschaft mit ihren Verbindungen in die italienische Mafia und die Oma, die den Krieg erlebt hat. Auch mancher Besuch von Familie Bier bei den Großeltern in Hessen wurde zu einer Exkursion in die Geschichte. Denn in der Fachwerk-Stadt mit ihrem steinernen "Hexenturm" lässt sich das Mittelalter sprichwörtlich mit Händen greifen. "Das haben wir den Kindern natürlich gezeigt", sagt Elios Vater Marcus Bier.

Florentins Großeltern wurden erst nach 1945 geboren. Das sei wohl auch ein Grund dafür, warum das Leben der Familie während des Krieges nicht so oft Thema sei, meint seine Mutter. Umso häufiger geht es am Essenstisch der Hildebrandts um aktuelle politische Entwicklungen. "Über die Mauer haben wir oft gesprochen", sagt Florentin. Bei Fahrten durch Berlin kommt die Sprache immer wieder auf die Geschichte der Häuser und Plätze rundherum. Hinzu kommt, dass Florentin schon immer gern gelesen hat, vor allem historisierende Romane. Das hat bei ihm Lust auf mehr geweckt und auch darum hat er sich für die Teilnahme am Geschichtswettbewerb entschieden. Und staunend beobachtet die Mutter jetzt, wie ihr Sohn ebenso wie Elio über der Arbeit erwachsener wurde. "Die Recherche in den Archiven und das wissenschaftliche Arbeiten sind ja Dinge, die man sonst erst als Student lernt", so die 46-jährige Hörfunkjournalistin.

Für Elio und Florentin kam die neue Selbstständigkeit weniger überraschend. Während ihrer Themensuche zu Beginn waren Vorschläge der Eltern gleich im halben Dutzend gekommen - und sämtlich verworfen worden. "Wir wollten etwas eigenes machen", sagt Elio. Zwar weiß er es zu schätzen, wenn seine Mutter von ihrer Arbeit als Bibliothekarin Anregungen mitbringt. Oder wenn der Vater, studierter Theaterwissenschafter mit einem Faible für Filmhistorie, den Lernstoff durch passende Filme ergänzt. "Aber manchmal", sagt Marcus Bier, "geht es nach hinten los, wenn ich mich mit den schulischen Themen befasse." Auch deshalb genießt es Elio, "wenn bei unserem Thema auch die Eltern einfach mal zuhören müssen."