Projekt U 18

Auch Kinder haben die Wahl

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Andrea Huber

Für Fabian Wagner (17) ist die Berlin-Wahl gelaufen: "Für Kinder und Jugendliche zählen vor allem die Inhalte von Parteien, das ist super", findet der Schüler des Weißenseer Primo-Levi-Gymnasiums.

Er gehörte zu den 120 Interviewern, die bei der U 18-Abgeordnetenhauswahl Kinder und Jugendliche nach dem Gang in die Wahlkabine befragten. Überrascht hat den Politik-Leistungskurs-Schüler vor allem, wie breit sich die Sympathien verteilen. Die Mentalität der unter 18-Jährigen sei so, dass sie "die ganze Bandbreite des Parteienspektrums ausschöpfen würden", bestätigte gestern Prof. Klaus Hurrelmann, der das U 18-Projekt wissenschaftlich begleitet hat. Während die klassischen Volksparteien SPD und CDU bei den Nachwuchswählern einen schweren Stand hatten, erreichten Parteien wie Grüne, Piraten und Tierschutzpartei bei der Abstimmung am vergangenen Freitag Prozentwerte, die sie bei erwachsenen Wählern kaum erzielen. Fast 27 000 junge Berliner unter 18 beteiligten sich im ganzen Stadtgebiet an der Wahl des Netzwerks U 18, deren Schirmherr Abgeordnetenhauspräsident Walter Momper (SPD) ist.

Die Grünen waren auf Berlin-Ebene mit 23,5 Prozent deutlicher Wahlsieger vor SPD (21,6), CDU (11,5), Piraten (9), Tierschutzpartei (8,9) und Linke (7), hieß es gestern bei der Präsentation und Analyse der U 18-Wahlergebnisse in der Hertie School of Governance. Wie in den jüngsten Umfragen unter erwachsenen Wählern fristet die FDP auch bei den jungen Berlinern ein Schattendasein (2,9 Prozent). "Kinder und Jugendliche treffen ihre Wahlentscheidung überwiegend sachlich und sehr selbstbewusst, sie nehmen die Programme der Parteien ernst. Taktische Überlegungen stellen sie in den Hintergrund", so Jugendforscher Hurrelmann, dessen junge Interviewer nach der Stimmzettelabgabe am Freitag rund 1000 Mädchen und Jungen aus allen Schultypen und allen Stadtbezirken befragten. Wahlwerbung, persönliche Sympathien für bestimmte Politiker oder aber Vorlieben von Freunden oder Eltern fließen in die Wahlentscheidung des Nachwuchses kaum ein.

Piraten vor allem bei Jungen populär

Auffällig ist: Die Grünen erzielen bei den Mädchen besonders hohe Zustimmungswerte, während die Piraten mehrheitlich von Jungen gewählt werden. Die Piraten seien für Jugendliche eine Art Grüne 2.0, denn das Thema Internet spiele für sie natürlich eine große Rolle, analysiert Primo-Levi-Schüler Stephan Schultz (18). Dass die Piraten noch kein komplettes Wahlprogramm haben, schadet der neuen Partei, der auch bei der "richtigen" Abgeordnetenhauswahl am Sonntag gute Chancen eingeräumt werden, in den Augen junger Wähler offenbar nicht, wie Stephan und seine Mitschüler Gereon Fieberg (19) und Brian Wolff (18) glauben. Im Gegenteil: Solche Unzulänglichkeiten wirken ihrer Einschätzung nach "eher sympathisch". Die Partei biete auf ihrer Internet-Plattform zudem viele Mitwirkungsmöglichkeiten, sodass junge Menschen das Gefühl hätten, hier mehr Einfluss nehmen zu können als bei den "etablierten" Parteien.

Welche Themen sind für die jungen Wähler besonders spannend? Vor allem solche, die ihre direkte Lebenswelt berühren: Jugend und Familie, Bildung und Ausbildung, Umwelt, Verkehr, Energie, Klima und Verbraucherschutz. Auf dem Gebiet der Parteipolitik für Kinder und Jugendliche messen die U 18-Wähler übrigens der SPD die größte Kompetenz zu. Auch Arbeit und Soziales interessieren stark, wie Gymnasiast Fabian Wagner bestätigt: "Zukunft allgemein und Jobfragen sind in meinem Freundeskreis ein großes Thema." Die Forschungsergebnisse sollten die Parteien unbedingt ernst nehmen und sich um solche Themen kümmern, so Hurrelmann. Und noch etwas gibt U 18-Organisatorin Milena Feingold den Politikern mit auf den Weg: Sie sollten ihre Programme und Forderungen anders formulieren, um Kindern und Jugendlichen einen besseren Zugang zu ermöglichen.

Mit dem politischen Interesse der unter 18-Jährigen allgemein sind die Forscher zufrieden. Das belegt zum einen die Rekordwahlbeteiligung 2011, denn bei der letzten U 18-Abgeordnetenhauswahl-Wahl 2006 hatten sich erst 13 800 junge Menschen beteiligt. Zum anderen zeigen dies auch langfristige Beobachtungen der Wahlforscher von infratest dimap in ganz Deutschland: 40 Prozent der Jugendlichen zwischen 15 und 24 interessieren sich für Politik, beweisen Zahlen von 2010. Seit dem Tiefpunkt im Jahre 2002 - damals fand nur gut ein Drittel der Jugendlichen Politik wichtig - wächst das Interesse nach Angaben von infratest-dimap-Geschäftsführer Richard Hilmer kontinuierlich. Dieser Trend wird anhalten, ist auch Hurrelmann sicher: "Da entwickelt sich etwas."

Doch woher erhalten Kinder und Jugendliche überhaupt politische Infos? Auch bei den Nachwuchswählern ist nicht das Internet, sondern das Fernsehen nach wie vor das Informations-Medium Nummer eins. Bei der zweitwichtigsten Informationsquelle gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede: Für Mädchen sind auch Gespräche mit der Familie sehr wichtig (39 Prozent), während sich die Jungen im Internet über Politik informieren (41). Auch die Schule hat in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung, wie sowohl die Forscher als auch die U 18-Organisatoren um Milena Feingold sagen. Sie erweist sich als ideales Lernumfeld, um Heranwachsende an Politik im Allgemeinen und an Parteiprogramme, Wahlen und politische Partizipation im Besonderen heranzuführen. Und noch eine andere Erkenntnis der Forscher unterstreicht die Bedeutung von Schule als politischem Lernort. Während Gymnasiasten mehrheitlich in Gesprächen mit der Familie politische Infos erhalten, sind es bei den U 18-Wählern, die eine Haupt-, Förder- oder sonstige Schule besuchen, nur 13 Prozent.

Dass die Schule hier mehr tun sollte, ist auch ein Wunsch der U 18-Teilnehmer selbst: Eine große Mehrheit von ihnen plädiert für einen deutlich früheren Beginn des Politikunterrichts in der Schule. Ein knappes Viertel wünscht sich ein Fach Politik sogar schon in der Grundschule.

NPD in Treptow-Köpenick stark

Sehr deutliche Unterschiede gibt es bei den Wahlergebnissen zwischen den einzelnen Bezirken. In Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln und Mitte beispielsweise erzielte die Migrantenpartei BIG Werte zwischen 6,8 und 9,1 Prozent. Und während die rechtsradikale NPD in ganz Berlin keine Chance hatte, die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen, gelangen ihr auf Kiezebene deutliche Erfolge: So kam sie in Marzahn-Hellersdorf und in Treptow-Köpenick auf 5,5 bzw. sogar 9,8 Prozent. Ein solcher Wert ist Anlass zu erhöhter Wachsamkeit, betonen die Wahlforscher.

Aktionen wie die U 18-Wahl mit vielen vorbereitenden Aktionen und Debatten steigern das Interesse an Politik übrigens messbar und deutlich. Für Schüler wie Gereon, Stephan und Brian ist deshalb ganz klar, dass das Wahlalter auf 16 Jahre abgesenkt werden sollte.