Bildung

Lernen mit dem Laptop

Lasko ist wieder der Schnellste. Seine Finger fliegen über die Tasten, konzentriert guckt er auf den Bildschirm vor sich. "Ich bin mit der Tastatur viel schneller als mit dem Bleistift", sagt er. Ein Wort nach dem anderen fügt er in den Lückentext ein, den er und seine Mitschüler gerade von Klassenlehrerin Silke Jacoby als Deutschübung bekommen haben.

Schülerin Vanessa liest vor: "Michael langweilt sich und erschreckt seine Mutter. Er reißt aus der Kindergruppe aus und rennt über die Straße." Jetzt müssen alle Verben vom Präsens ins Präteritum gebracht werden. "Ganz schön schwierig. Was wird denn aus 'reißt'?", fragt die Zehnjährige ratlos.

Jedes der 17 Kinder in Frau Jacobys Klasse sitzt vor einem schwarzen Laptop. Dabei werden sie von drei Betreuerinnen unterstützt, außer von ihrer Klassenlehrerin noch von einer Deutschlehrerin und einer Erzieherin. Die fünfte Klasse der Heinrich-Seidel-Grundschule hat Glück, sie gehört zu einer von vier Klassen der Schule, die regelmäßig am Computer unterrichtet werden - in fast allen Fächern. Nur diejenigen Schüler, die den "Bärenstarktest", ein Sprachtest für Schulanfänger, bestanden haben, dürfen in diesen Klassen mitmachen. "Die Kinder, die dabei durch eine besondere Begabung auffallen, wie zum Beispiel durch guten Gebrauch der deutschen Sprache, werden in die Laptop-Klassen aufgenommen", sagt Schulleiterin Cornelia Flader.

Finanzierung durch Fördermittel

Auf die Schule Brunnenviertel gehen zu 98 Prozent Schüler mit Migrationshintergrund. In den vier Klassen, die zurzeit mit den Laptops arbeiten, sitzen jeweils etwa 20 Schüler. Sie haben entweder in der ersten oder in der dritten Klassenstufe mit dem Laptopunterricht begonnen. Je zwei der 80 Schüler teilen sich einen Laptop. Durch die Hilfe von öffentlichen Förderprogrammen und Sponsoren aus der Wirtschaft verfügen die Klassen nicht nur über die Rechner, sondern auch über sogenannte Whiteboards, die wie eine elektronische Tafel funktionieren. Für diese gibt es spezielle PC-Programme, die für den Unterrichtsgebrauch entwickelt wurden.

Im täglichen Laptopunterricht nimmt die Internetrecherche einen großen Teil der Arbeit ein, vor allem in Fächern wie Geschichte. Aber auch in Deutsch arbeiten die Kinder immer wieder mit Texten und Übungen, die zuvor über Suchmaschinen herausgesucht wurden. Dazu fertigen die Lehrerinnen Arbeitsblätter an, die den Rechercheweg erläutern oder anregen. "Mit den Computern arbeiten die Kinder gerne und viel", sagt Silke Jacoby. "Sie können gar nicht genug bekommen davon." Den heutigen Lückentext hat Silke Jacoby selbst bei einer Internetrecherche entdeckt - auf der Homepage eines Bamberger Bürgernetzwerkes. Die PCs sind zudem mit Lernprogrammen für Rechnen, Schreiben, Erdkunde oder Naturwissenschaften ausgestattet, die die Kinder begeistert nutzen.

Doch trotz aller moderner Technik: "Die Grundlagen des Lernens legen wir natürlich nach wie vor mit Büchern", erklärt Silke Jacoby. "Der Laptop ersetzt nicht vollständig diese traditionelle Art zu lernen." Auch handschriftliches Schreiben lernen die Kinder ganz normal, wie früher. Silke Jacoby ist überzeugt: "Ein frustriertes Kind lernt nicht gut. Ich bin sicher: Kinder lernen am besten, wenn sie dabei Spaß haben. Und häufig können wir diese Motivation mitnehmen, wenn wir uns auf die Ebene der Bücher begeben."

Die Schule wird durch staatliche Unterstützung und die der Technischen Jugendfreizeit- und Bildungsgesellschaft getragen. 2007 kamen die ersten Computer, sie wurden aus Senatsmitteln finanziert. Vor zwei Jahren folgte die zweite PC-Generation. Diesmal stammte das Geld vom Quartiersmanagement "Brunnenstraße Nord". Mit 18 000 Euro wurden unter anderem die Anschaffung und die Ausbildung der Lehrer finanziert.

Bildungschancen erhöhen

Vier Klassenzimmer in der ersten Etage sind ausgerüstet für den Laptopunterricht. Über W-Lan gibt es guten Internetempfang. An drei Wänden ist eine weiße Steckdosenleiste angebracht, so dass überall im Raum die Stromversorgung gewährleistet ist. In einem sicheren Schrank, der wie ein Tresor auf Rädern aussieht, werden die Laptops nach Schulschluss gesichert.

Bevor die Kinder sich heute die Laptops nehmen dürfen, haben sie erst einmal ein paar "Trockenübungen" mit Deutschlehrerin Ilona Albert gemacht: In welchem Teil eines Aufsatzes müssen welche Informationen stehen? Wie verwende ich die Ich-Erzählweise? Und warum ist es so wichtig, immer die richtigen Zeiten zu verwenden? Anschließend lässt Silke Jacoby die Schüler Verben in Präsenz und Präteritum deklinieren und schreibt die Ergebnisse auf die Whiteboard. Dann dürfen die Laptops auf die Tische. "Frau Jacoby, hier fehlen noch die Akkus", ruft Lara. Die Kinder gehen vorsichtig mit den Rechnern um, keiner schubst den anderen, die Geräte werden fast lautlos auf die Tische gelegt.

Schulleiterin Cornelia Flader hofft, mit dem Laptopunterricht "die Bildungschancen für die Kinder im Kiez zu erhöhen". Doch sie übt auch Kritik. "Wir bekommen super Laptops, tolle Hardware und Software, lernen, damit zu arbeiten - und werden dann mit Technik und Wartung alleine gelassen", sagt sie etwas verärgert. "Die Schulen, die Computer bekommen haben, müssen schon sehr kreativ sein, um sich dafür Hilfe zu holen." Die Schulträger müssten Stellen für die Unterstützung schaffen. "Die Lehrer haben dafür weder Zeit noch Ausbildung."

Daran denken die Kinder nicht. Sie sind froh, dass sie die PCs haben. "Lasko zum Beispiel fällt es leichter, mit den Tasten zu schreiben, als jeden einzelnen Buchstaben zu malen", sagt Lehrerin Silke Jacoby. Deswegen ist er schneller fertig als die anderen und beginnt mit der zweiten Übung. Am Ende ist er stolz auf seine Ergebnisse. Die meiste Zeit gehört er laut seiner Lehrerin nicht unbedingt zu den Besten. Doch der Laptopunterricht, der ist für ihn eben genau das Richtige.

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