Tag der Alphabetisierung

Erstklässler mit 54 Jahren

Gerhard hat gute Laune, als er in einem Kreuzberger Hinterhof die Treppe hochsteigt. Auf der U-Bahn-Fahrt hierher hat er wieder ein paar neue Wörter auf einem Werbebanner entziffern können. Gerhard ist Analphabet. Seinen Nachnamen möchte der 54-Jährige nicht nennen.

Seit einem halben Jahr besucht er einen Alphabetisierungskurs beim Arbeitskreis Orientierungs- und Bildungshilfe, dem ersten Verein in Deutschland, der 1977 mit der Alphabetisierung von Jugendlichen und Erwachsenen begann.

Nach einer aktuellen Studie der Universität Hamburg gibt es 7,5 Millionen Menschen in Deutschland, die nicht ausreichend lesen und schreiben können, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. In Berlin sind es 300 000 Menschen. Damit sind 14 Prozent der Erwerbsfähigen sogenannte funktionale Analphabeten. Vier Prozent sind nicht mal in der Lage, einzelne Sätze oder gar Wörter fehlerfrei aufzuschreiben. Es sind nicht nur Migranten, sondern auch viele Deutsche, die hier zur Schule gegangen sind - und trotzdem nicht lesen oder schreiben können. Für Ute Jaehn-Niesert, die Leiterin des Arbeitskreises, ein unhaltbarer Zustand.

Als die Psychologin vor 30 Jahren zu dem Verein kam, dachte sie, dass sich ihre Arbeit bald erübrigen würde, weil sie nur noch manchen der Nachkriegsgeneration helfen müsste, die durch den Krieg um ihre Schulbildung betrogen wurden. Aber das Phänomen Analphabetismus ist seitdem nicht kleiner geworden. "Zunehmend kommen jüngere Menschen zu uns, die durch das Raster der Schulbildung gefallen sind", sagt Ute Jaehn-Niesert. Die Lese- und Schreibschwächen der Kinder würden zu spät entdeckt, die Förderung würde nicht an der Basis ansetzen. "Dadurch hinken die Kinder immer weiter hinterher und verlieren die Lust am Lernen." Sie melden sich nicht mehr, schwänzen und geben irgendwann ganz auf.

Ohne Bewerbung keine Ausbildung

Bundesweit verlassen 25 Prozent der Hauptschüler heute die Schule mit unzureichenden Schreibfähigkeiten. Weil sie keine Bewerbung schreiben können, finden sie nicht mal einen Ausbildungsplatz. Um diese Perspektivlosigkeit zu verhindern, fordert Ute Jaehn-Niesert eine größere Vielfalt in der Unterrichtsmethodik, eine individuellere Förderung der Schüler und eine stärkere Verzahnung von Kindergarten, Vorschule und Grundschule. Außerdem müssten die Eltern stärker miteinbezogen werden. Oft können auch sie nur schlecht lesen und schreiben.

So entdeckte auch bei Gerhard niemand, dass er in der Schule Analphabet blieb. Elf Jahre ging er zur Schule - mit dem Ergebnis, dass er gerade mal seinen Namen und kaum seine Adresse schreiben kann. "In der Sonderschule fiel das gar nicht auf - fast allen ging es da so", erinnert er sich. Auch viele seiner sechs Geschwister hatten Schwierigkeiten mit Schreiben und Lesen. "Bewusst wurde mir das Problem erst, als ich eine Lehre zum Rohrleger machen wollte: In der Berufsschule kam ich nicht zurecht." Aber ehe jemand das Problem erkannte, hatte er schon die Lehre abgebrochen, suchte sich einen Job als Bügler in der chemischen Reinigung und wurstelte sich so durchs Leben.

Wenn er irgendwo schriftliche Angaben machen musste, hatte er immer eine Ausrede parat: Mal schob er einen dringenden Arzttermin vor, mal war seine rechte Hand verstaucht, oder er hatte seine Brille vergessen. Und wenn ihm gar nichts einfiel, dann redete er einfach drauflos, um vom Thema abzulenken. Zu Hause schmiss er die meisten Briefe ungelesen weg, ansonsten half ihm sein Schwager mit dem Papierkram. "Analphabeten haben immer jemanden, der Bescheid weiß und sie unterstützt", sagt Ute Jaehn-Niesert. Aber das ständige Verstecken war anstrengend für Gerhard und machte ihn nervös. Er erinnert sich an ein Vorstellungsgespräch, vor dem er einfach weggelaufen sei.

Er konnte weglaufen, doch sein Problem blieb. Irgendwann fing er an zu trinken. Zuerst trank Gerhard nur am Wochenende, dann jeden Tag. Irgendwann trank er schon morgens um halb sechs das erste Bier wie andere den Kaffee.

Vor einem Jahr erkannte er, dass er ein Alkoholproblem hat. Eine Ärztin hatte ihn auf seine schlechten Leberwerte angesprochen. Auf einmal bekam Gerhard Angst und hörte von einem auf den anderen Tag auf zu trinken. "14 Tage ohne habe ich mir vorgenommen und dann noch mal 14 Tage." Vier Wochen nüchtern, das war er seit Jahren nicht mehr gewesen. Er hatte endlich einen klaren Kopf, nachzudenken, über sein Leben, auch über seine kleine Tochter, die mit ihren sieben Jahren schon besser lesen und schreiben konnte als er. Nie konnte er ihr ein Buch vorlesen, ihr nie einen Brief schreiben.

Gerhard ging zur Beratungsstelle "Rettungsring" in Hermsdorf. Dort erzählte er alles - von seinem Alkoholproblem und dass er Analphabet ist. Und bekam Hilfe. Über den "Rettungsring" kam er auch zum Arbeitskreis Orientierung- und Bildungshilfe. Zweimal in der Woche fährt er jetzt vom Märkischen Viertel nach Kreuzberg zum Alphabetisierungskurs. Mit jedem Buchstaben, den er hier lernt, fällt ein wenig Last von ihm.

Nicht jeder schafft es, das Problem anzupacken. "Die Angst vor der Entdeckung ist groß", sagt Ute Jaehn-Niesert. Analphabeten fürchten, dass man sie als dumm abstempelt. Sie habe oft erlebt, wie groß der Leidensdruck für Betroffene ist, bis sie sich dazu durchringen, das Problem anzugehen. Anstoß dazu sind oft die Kinder, vor denen sich die Betroffenen keine Blöße geben wollen. Oft ist es auch der Partner oder die Aussicht auf eine bessere berufliche Position.

Analphabeten schämen sich

Als Erwachsener neben Job und Alltag noch in die Schule zu gehen bedeutet harte Arbeit. Etwa drei Jahre dauert es nach Einschätzung von Ute Jaehn-Niesert, bis ein Analphabet ohne Probleme lesen und schreiben kann. Manche unterbrechen den Kurs und steigen später wieder ein. "Manche kommen ja auch, ohne dass der Partner davon etwas weiß." Sie erinnert sich an eine Frau, die ihrem Ehemann gesagt hatte, sie würde einen Nähkurs besuchen: "Sie hatte Angst, dass er sie verlassen könnte, wenn sie lesen und schreiben kann und nicht mehr seine Hilfe bräuchte." Und auch umgekehrt gibt es diese Ängste, daher ist es oft nötig, dass Betroffene nicht nur Hilfe bei der Alphabetisierung, sondern zusätzlich psychologische Beratung bekommen.

Gerhard geht heute offen mit seinem Problem um und hat von seinen Kollegen beim Landschaftsbau, wo er jetzt arbeitet, nur positive Resonanz erfahren. Auch bei der Arbeitsagentur hat er sich "geoutet". Sein Alkoholproblem hatte man dort schon vermutet, aber dass er Analphabet ist, überraschte die Mitarbeiter. Nur seiner Tochter, die in diesem Monat ihren achten Geburtstag feiert, will er nichts erzählen. Vor ihr schämt er sich noch immer.

Seit er trocken ist und seit er zum Unterricht geht, hat Gerhard viel in seinem Leben verändert und gerichtet. Sein nächstes Ziel ist eine neue Brille. Dass er mit der alten alles verschwommen sieht, war bisher egal, aber jetzt, wo er schon ein bisschen lesen kann, geht es nicht mehr. Einen Weg zurück gibt es für Gerhard nicht. Er ist zuversichtlich, dass er es schafft, auch in Zukunft trocken zu bleiben, und dass er schon bald so gut lesen und schreiben kann wie seine Tochter. Das ist wie damals, als er unbedingt in den einen Fußballverein wollte. Dort hatten sie einen Linksaußen gesucht, Gerhard konnte allerdings nur mit rechts gut schießen. "Aber da habe ich auch nicht aufgegeben, sondern so lange geübt, bis ich den Ball mit links genauso gut wie mit rechts schießen konnte."