Interview

"Das Loslassen ist ein Grundproblem vieler Eltern"

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Der 18. Geburtstag ist für die meisten ein wichtiges Ereignis. Wenn die Kinder erwachsen werden, müssen Eltern lernen loszulassen. Warum das vielen so schwer fällt, erklärt Arina Kröger. Sie betreibt in Berlin seit zwölf Jahren eine Praxis für Psychotherapie, in der sie schwerpunktmäßig Jugendliche und junge Erwachsene therapiert.

Berliner Morgenpost: Was bedeutet der 18. Geburtstag für die Beziehung zwischen Eltern und Kindern?

Arina Kröger: Es kann sein, dass die Konflikte jetzt richtig aufbrechen, wenn das Kind vorher von den Eltern stark bestimmt wurde und nun sagt: Jetzt darf ich alles. Es kann aber auch sein, dass der 18. Geburtstag gar nichts in der Beziehung verändert. Wenn ein Jugendlicher sagt: Ich freue mich auf den 18. Geburtstag, weil ich dann ohne Begleitung Auto fahren kann, dann hat man gewonnen. Es zeigt, dass das Erwachsenwerden erfolgreich abgeschlossen ist und das Erwachsensein beginnt.

Berliner Morgenpost: Wieso fällt es Eltern so schwer, Kindern die Entscheidungen zu überlassen?

Arina Kröger: Das Loslassen ist ein Grundproblem vieler Eltern. Die heutige Elterngeneration hat die eigenen Eltern stark hinterfragt und hinterfragt sich heute selber auch, ob sie mit den eigenen Kindern alles richtig macht. Und weil Eltern so wenig auf ihr Erziehungsverhalten vertrauen, fällt es ihnen auch schwer, darauf zu vertrauen, dass ihre Kinder schon ihren Weg gehen.

Berliner Morgenpost: Wie wirkt sich die Unsicherheit der Eltern auf die Jugendlichen aus?

Arina Kröger: Viele Kinder entwickeln heutzutage früh ein großes Verantwortungsbewusstsein - weit vor dem 18. Geburtstag. Sie spüren, dass die Eltern sehr hohe Ansprüche an sie haben, dass sie allumfassende, erfolgreiche, zufriedene Menschen werden sollen, und das bringt viel Ernsthaftigkeit hinein. Eltern müssen ertragen, dass Kinder auch mal negative Erfahrungen machen. Wenn Eltern immer versuchen, Kinder davor zu bewahren, sorgt das für Konfliktstoff. Die Kinder nehmen eine rebellische Haltung ein und versuchen, sich dem Einflussbereich der Eltern zu entziehen, dadurch wiederum verstärkt sich das Kontrollbedürfnis der Eltern.

Berliner Morgenpost: Trauen Eltern ihren Kindern zu wenig zu?

Arina Kröger: Die Sorgen der Eltern um ihr Kind sind ja verständlich. Gerade in Berlin gibt es viele Probleme, denen Jugendliche ausgesetzt sind: Kriminelle Jugendbanden, Drogen, Alkohol, Mobbing in der Schule. Weil die Eltern oft gar nicht mehr wissen, was ihre Kinder zum Beispiel am Computer konsumieren, entwickeln sie einen Beschützerwunsch und das Bedürfnis nach Kontrolle. Wenn das Netz schon keine Regeln hat, dann wollen die Eltern sie wenigstens bieten.

Berliner Morgenpost: Funktioniert das?

Arina Kröger: Man hat nicht alles über Kontrolle im Griff. Wichtiger ist es, Kinder zu starken Persönlichkeiten zu erziehen. Eltern müssen vermitteln: Ich vertraue dir, und wenn du etwas ausprobierst, gehe ich mit, auch wenn du danebenschießt.

Arina Kröger: Gefährlich wird es, wenn Kinder Langeweile, Struktur- und Beziehungslosigkeit erleben. Dem sollten Eltern vorbeugen - durch Freizeitangebote, die natürlich nicht in Förderwahn ausarten, durch regelmäßige Mahlzeiten oder andere Ritualisierungen im Familienalltag. Auch wenn bestimmte Rollendefinitionen immer bleiben, müssen sich Eltern und Kinder zunehmend auf Augenhöhe begegnen und sich als Team verstehen. Dann öffnen sich Jugendliche auch eher gegenüber ihren Eltern.

Berliner Morgenpost: Wann sollten Eltern damit anfangen, ihren Kindern Verantwortung zu übertragen?

Arina Kröger: Das muss ein fließender Prozess sein, der schon mit 14 Jahren beginnt. Gut üben lässt sich das zum Beispiel mit Zeiten fürs Nachhausekommen. Eltern sollten ihren Kindern dann eine Zeitspanne geben. In dem gesteckten Rahmen können sich die Jugendlichen selbst ausprobieren. Neben den Freiräumen sollten Eltern auch Pflichten im Familienleben übertragen. Auch die sollten nicht nur von Eltern bestimmt, sondern vor allem gemeinsam mit den Kindern festgelegt werden - dann aber auch nicht verhandelbar sein.

Berliner Morgenpost: Nach dem 18. Geburtstag wird es für beide Seiten zunehmend schwieriger, unter einem Dach zusammen zu leben. Aber sind Jugendliche dann schon reif, allein zu leben?

Arina Kröger: Es ist nicht unüblich, dass Kinder mit 18 Jahren ausziehen. Empfehlenswert ist es, wenn die Wohnung in Fußweite ist und man schnell beieinander seien kann. Mit der schmutzigen Wäsche sollte das Kind nicht zu den Eltern kommen, sondern um zu sprechen oder einfach zusammen zu sein.

( Interview: Annette Kuhn )