Eine Woche lang Besuch vom Neffen

Papa auf Probe

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Sören Kittel

Karl steht an der Ecke Unter den Linden/Friedrichsstraße und ist "von Idioten umzingelt". Das zumindest steht auf seinem T-Shirt. Es ist sein Lieblings-Shirt und der Elfjährige trägt es gerade sehr oft. Dafür zappelt er nicht, er läuft nicht einfach so auf die Straße, er in Berlin, das funktioniert alles super bisher. Nur dieses Idioten-T-Shirt macht mich etwas skeptisch. Meint er mich?

An der roten Ampel reagiert ein älterer Mann stellvertretend für alle Berliner: "Du denkst wohl, du bist was besseres, wa?" Karl schaut auf: "Nee, wieso?" - "Na, warum läufst Du sonst mit so einem T-Shirt rum." Mein Neffe muss lachen: "Nee, das ist doch nur von Gregs Tagebuch."

Harry Potter kenne ich noch, aber "Gregs Tagebuch", "Angelo!" oder "Phineas und Ferb", das sind Kulturprodukte, mit denen ich noch nie zu tun hatte. Für eine Woche werde ich das müssen. Am Telefon hatte er sich noch gefreut und oft "Legoland" in seine Sätze eingebaut. Ich hatte einen groben Plan für die Tage: Kletterpark, Legoland, Filmpark, Legoland, ein Museum vielleicht noch, Legoland.

Projekt Klettern

Am ersten Tag scheint zum Glück die Sonne und wir fahren zum Freizeitzentrum FEZ. Dort sehe ich sie zum ersten Mal, diese Eltern mit ihren Schnipselbüchern. Sie trennen umständlich einen Zettel aus einem Buch mit dem Titel "Berlin" und bekommen den Eintritt dann günstiger oder kostenlos. "Berlin für Anfänger", denke ich und bezahle stolz den vollen Eintritt. Erst dann sehe ich die Kinder in vielleicht acht Metern Höhe kreischend auf Seilen balancieren. Passend dazu ist Karls Verhalten auf dem Übungsparcours schon einmal besorgniserregend: Gelangweilt hört er bei den Sicherheitswarnungen zu ("Hab ich schon tausendmal gehört") und vergisst beim Probeklettern prompt, sich richtig einzuhaken. Erwartbar hängt er nach zwei Minuten in den Seilen - zum Glück nur einen halben Meter über der Erde. "Hilfe", ruft er, "ich komm nicht weiter!" Na super, wenn das in zehn Metern Höhe passiert, fahren wir heim.

Doch natürlich klappt alles. Er balanciert sicher auf wackelnden Holzbrettern, segelt von Baum zu Baum und selbst den "Tarzansprung" schafft er ohne Probleme. Karl hält sich überraschend gewissenhaft an die Sicherheitsregeln. Auf dem Rückweg zur S-Bahn der erste Streit: "Ich geh da lang", ruft er und ist weg. Wie im Erziehungs-Lehrbuch: Das ist so ein Test, den Elfjährige probieren. Ich entscheide mich für die Methode "eisern bleiben" und sage: "Wir gehen hier lang und ich warte nicht auf Dich." Er kommt mit. Glück gehabt. Auf der Rückfahrt ist er schon am frühen Nachmittag so müde, dass er nicht protestiert, als ich ihm langsam das "Projekt Museum" näher bringe.

Projekt Museum

Wir beginnen mit dem Guggenheim. Ruhig schaut er sich die Video-Installationen an: 400 Menschen, die mit Schaufeln eine Sanddüne wegschippen, zwei Frauen, die eine Mondlandung an einem Strand simulieren. Karl schüttelt den Kopf: "Das soll Kunst sein?" Ich erkläre ihm, dass Menschen manchmal absurde Dinge tun, damit sie andere Menschen auf gute Ideen bringen. So richtig überzeugt sieht er nicht aus. Zur Belohnung gibt's einen Donut.

Der Nachteil von solchen kleinen Geschenken: Sie halten genau zwei Minuten vor. Die beiden anderen Museen, die ich ihm später zeige, sind desaströse Erfahrungen für uns beide: das Naturkunde- und das Technikmuseum. "Warum soll ich mir tote Tiere anschauen?" oder "Was bringt mir das Wissen um alte Schrott-Eisenbahnen?" Ich sage, dass ein Museum im Prinzip wie Legoland ist, man schaut sich Dinge an und kann auch ein bisschen mit ihnen spielen. "Du kannst alle in meiner Klasse fragen", sagt er, "Museen sind wirklich total langweilig." Im Café des Naturkundemuseum gibt es wieder Donuts.

Ein glatter Erfolg dagegen: Das Computerspielemuseum. Wieder packen Besucher ihre Schnipsel-Bücher aus. Karl verschwindet in der Spielewelt. Er dirigiert einen Frosch durch einen Sumpf, fliegt mit einem Raumschiff durchs All und fährt ein rasantes 3D-Autorennen. Trotzdem: Jedes Spiel, egal wie bunt und aufwendig, ist genau eine Minute lang interessant. Sein Lieblingsgerät: Ein Spiel, das alle zehn Sekunden ein anderes ist - Raumschiff, Jäger, Boot, Super-Mario. Keine störende Geschichte, nur blinde Aktion.

Projekt Alltag

Nach dem Besuch im Filmpark sagt er: "Ich hab Bauchschmerzen." Ich frage: "Zwischen eins und zehn - wie schlimm?" Er sagt "Neun". Sofort suche ich im Mobiltelefon nach den nächstgelegenen Kinderärzten. Praktischerweise werden sie im Internet bewertet, auf einer Skala von eins bis fünf. Niemals würde ich mit "Neuner"-Bauchschmerzen zu einer "Dreier"-Ärztin gehen. Zum Arzt will Karl aber erst einmal nicht. Er sagt: "Wenn wir Tee trinken, reicht das." Wir fahren nach Hause und sitzen rum, reden, schauen eine Stunde fern ("Angelo!", "Phineas und Ferb") dann liest Karl ein Buch, irgendwas mit "Die Legenden von...". Es ist dick und er hat schon zwei davon gelesen. Erst Teil fünf, dann Teil zwei. Jetzt liest er Teil vier, er reimt sich dann immer alles zusammen. "Das macht mehr Spaß so." Die Bauchschmerzen sind inzwischen eine "Drei".

Jeden Morgen lesen wir zusammen Zeitung, während Karl sein Müsli isst. Als ich ihm einen langen Text über den Zigarettenschmuggel in Berlin vorlese, sagt er: "Das sind die, die wir gestern an der S-Bahn-Haltestelle gesehen haben, oder?" Die Geschichte mit dem Prügler aus der U-Bahn findet er furchtbar und fragt, ob man Alkohol nicht einfach verbieten könnte? Als ich ihm erklären will, warum das nicht geht, macht er wieder sein "Von-Idioten-umzingelt"-Gesicht.

Projekt Sehenswürdigkeiten

Die Denkmäler Berlins fallen für Karl in eine ähnliche Kategorie wie Museen: Generell erst einmal langweilig. Trotzdem stellen wir uns an den Rand der Glasplatte am Bebelplatz und ich erzähle ihm von den verbrannten Büchern im Mai 1933. Er schaut nach unten und sagt: "Wow, leere Bücherregale, mehr nicht?" Er läuft um das Denkmal und fragt immer wieder: "Warum haben die Bücher verbrannt?" Auf dem Weg zum Kollwitzdenkmal sagt er: "Eigentlich eine tolle Idee, das mit den Regalen." Dort angekommen steht Karl inmitten von Touristen in der Neuen Wache und liest langsam die Widmung vor der großen Statue: "Den... Op... fern... von... Krieg... und Gewaltherrschaft?" Es regnet durch das Loch im Gebäude genau auf die Statue im Zentrum des Raumes. Die Bronze wirkt noch trauriger und kantiger als sonst. Leise reden wir im Regen über den Krieg.

Projekt Legoland

Wir stehen in der Schlange neben der riesigen Lego-Giraffe am Potsdamer Platz und wieder gibt es Eltern, die Schnipsel auspacken. Ich diesmal auch, im Naturkundemuseum lag ein Rabattzettel. Wir zahlen die Hälfte. Karl ist aufgeregt. Für ihn ist Berlin eine Ansammlung von Häusern, die um Legoland herumstehen. Drinnen - und das ist keine Übertreibung - ist die Hölle los. Ein Bunker ohne Fenster voller hysterischer Kinder, die wie im Computerspielemuseum von Attraktion zu Attraktion laufen und überall der erste sein wollen. Es ist noch enger, noch lauter, noch anstrengender. Doch all der Stress, die Steine auf dem Fußboden und die Eltern, die für ihre Kinder die besten Steine aussuchen und sie mit bösen Blicken gegen andere Erziehungsberechtigte verteidigen - all das lässt Karl ganz konzentriert werden. Er will jetzt nur: ein Auto bauen. Für die rund 30 Euro Eintritt hätte ich ihm wohl drei Autos kaufen können, aber trotzdem werde ich mir wohl auch im nächsten Jahr keinen "Berlin-Pass" kaufen, diese Schnipsel sind nichts für mich. Dafür werde ich mir noch ein paar bessere Begründungen für Museumsbesuche zurechtlegen - und eine Ausgabe von "Gregs Tagebuch", damit ich mitreden kann.