Ratgeber

Unser Sohn schwänzt dauernd die Schule - was können wir tun?

Wir sind völlig verzweifelt: Nachdem im letzten Schuljahr unser Sohn Lukas (16) die neunte Klasse wiederholt hat und immer mehr Fehlzeiten hatte, will er jetzt gar nicht mehr in die Schule gehen. Er hatte uns das hoch und heilig versprochen, nachdem wir seinem Wunsch, in den Ferien mit Freunden zu verreisen, entsprochen haben. Zuvor haben wir es schon vergeblich mit Strafen versucht. Jetzt haben wir ihn zu einer Therapie angemeldet, aber die Wartezeiten sind so lang! Andreas E., per E-Mail

Ja, das stimmt. Und obwohl es eigentlich eine gute Idee ist, reicht das nach meiner Erfahrung aus zwei Gründen nicht aus. Erstens geht viel zu viel Zeit verloren, denn wir wissen, dass diese Problematik sich schnell verfestigt. Zweitens kann man schon vor einer sicherlich nötigen genaueren Diagnostik sagen, dass Lukas ein großes Respekt- und Autoritätsproblem hat. Die Suche nach den familiären Ursachen und Verantwortlichkeiten und auch die Möglichkeiten, Ihnen als Eltern wieder Respekt und Autorität zu verschaffen nehmen jetzt in dieser verfahrenen Situation ebenfalls zu viel Zeit in Anspruch. Es braucht also inhaltlich zusätzlich sozialpädagogische Maßnahmen, die den "rollenden Stein" rasch aufhalten. Formal kann man dies als Krisenintervention auffassen. Dabei gilt es, mithilfe des Jugendamtes zu klären, ob ambulante Unterstützung zum Ausfüllen des Respekt- und Autoritätsvakuum ausreichen, oder ob sogar eine vorübergehende stationäre Hilfsmaßnahme, beispielsweise in einer therapeutischen Wohngruppe, nötig ist. Überdies muss die Schule informiert sein und mitarbeiten, denn: Lukas ist ein gutes Beispiel für die manchmal bestehende Notwendigkeit, zunächst einen gefestigten äußeren Rahmen, der nicht mehr von der Familie bereitgestellt werden kann und professionell gestaltet sein muss, herzustellen, bevor eine Therapie überhaupt fruchten kann. Sie als Eltern sollten dafür sorgen, dass das von den Berliner Senatsstellen geforderte Zusammenwirken von Schul- Gesundheits- und Jugendhilfesystem jetzt kooperiert und schnell mit Lukas arbeitet.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

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