Autismuszentrum

Die Ordnung der Welt

Wenn sie kocht, darf sie keiner stören. Alles hat seine Ordnung, auch auf dem Teller. Heute zum Beispiel gibt es Fischstäbchen mit Rotkohl und Kartoffelpüree. Bratenduft zieht durch die Küche des Kindergartens, der sich im Erdgeschoss einer Villa in Steglitz eingerichtet hat, unter dem Dach der neuen Zentrale des Landesverbands Autismus Deutschland.

Es ist 13 Uhr, der Tisch ist schon gedeckt. Gleich werden hier sechs Kinder im Alter zwischen zwei und sechs Jahren zu Mittag essen. Behutsam sortiert Marion Reiser (38) die Zutaten auf die Teller. Der Rotkohl liegt links, das Kartoffelpüree rechts und die Fischstäbchen im 180-Grad-Winkel gegenüber, nebeneinander aufgereiht. So muss es sein. So und nicht anders. Auf gar keinen Fall umgekehrt. Oder schlimmer noch: Alles durcheinander. Marion Reiser weiß, worauf es ankommt, wenn man für Kinder kocht, die in ihrer eigenen Welt gefangen sind, in einem Korsett von Zwängen und Regeln, die sich gesunden Menschen nicht oder nur sehr schwer erschließen. Sie ist selber Autistin.

Wer sieht, wie sicher sie sich an ihrem Arbeitsplatz bewegt, der merkt ihr ihre Behinderung nicht an. Die Küche, das ist ihr Revier. Marion Reiser entwirft die Menü-Pläne. Sie weiß, was die Kinder mögen, der Victor, der Elias, der Lennart und der Atin. Sie redet kaum mit den Jungs. Nur zwei von ihnen sind in der Lage, sich zu artikulieren. Doch sie kennt ihre persönlichen Vorlieben und sie nimmt darauf Rücksicht. Ihre Mutter verblüfft das immer wieder. Ulrike Reiser, 58, ist einen halben Kopf kleiner als ihre Tochter, eine temperamentvolle Frau, die schnell spricht und gern lacht. Es ist jetzt 18 Jahre her, dass sie jenen Anruf bekam, der das Leben ihrer Tochter veränderte. Es war der Landesverband Autismus Deutschland. Gerade hatte wieder eine Köchin gekündigt. Die Mitarbeiter fragten Marion, ob sie nicht Lust habe, einzuspringen. Sie wussten ja, wie gern sie kochte. Sie kannten sie seit ihrem vierten Lebensjahr.

Marion Reiser war eines der ersten Kinder, die eine der beiden Frühfördergruppen des Vereins besuchten. Das war in den 70er-Jahren. "Damals", erinnert sich Ulrike Reiser, "wusste man kaum etwas über Autismus." Ihre Tochter sei eben ein bisschen phlegmatisch, orakelte der Kinderarzt, dem sie das Mädchen vorstellte. Da war Marion schon neun Monate alt. Ein Kind, das sich merkwürdig steif machte, wenn man es auf den Arm nahm. Eines, das nicht reagierte, wenn man es rief. "Ich dachte erst, sie sei taub", erinnert sich Ulrike Reiser. Ein Verdacht, der sich von alleine ausräumte, als Marion zu laufen begann. "Wenn ich sie mit Schokolade gelockt habe, kam sie plötzlich sehr schnell angerannt." Über der Sorge und den Problemen mit der Tochter zerbrach ihre Ehe. Nachts konnte Marion nicht schlafen. Tagsüber schrie sie oft, ohne dass ihre Eltern wussten, weshalb.

Ulrike Reiser sagt, ihren Mann habe der Stress überfordert. Irgendwann habe sie sich entscheiden müssen: Er oder das Kind. Sie entschied sich für die Tochter. Sie zogen aus und in ein Mutter-Kind-Heim - für den Übergang. Vielleicht war es das Beste, was Marion passieren konnte. Einer Sozialpädagogin fiel ihr ungewöhnliches Verhalten auf. Sie riet ihrer Mutter, das Mädchen einem Kinder- und Jugendpsychiater vorzustellen. Der stellte die richtige Diagnose. "Frühkindlicher Autismus - kurz unter der Grenze zur Lernbehinderung."

Ulrike Reiser sagt: "Mir flogen die Worte um die Ohren." Autismus, diesen Begriff hatte sie noch nie gehört. Jemand riet ihr, das Kind ins Heim zu geben. Sie hatte Panik. Sie quälte sich mit Selbstvorwürfen. "Ich habe mich gefragt, was ich falsch gemacht habe. Dabei, weiß man heute, ist Autismus erblich bedingt. Ihre Tochter nehme die Umwelt anders wahr als gesunde Kinder, lernte Ulrike Reiser damals. Ihr Leben funktioniere nur über Rituale. Deshalb singe sie zum Beispiel stundenlang immer wieder dasselbe Lied - "Hoppe-Hoppe-Reiter".

Ulrike Reiser ist ein optimistischer Mensch. Sie sagt, das habe ihr geholfen, die Tochter mit ihrer Behinderung zu respektieren. Es ist ein Balanceakt, auch heute noch, da Marion selbstständig genug wäre, um in eine betreute WG zu ziehen. Sie wohnt noch immer bei ihrer Mutter. Ulrike Reiser sagt: "Wir sind beinahe wie ein altes Ehepaar." Sie hat lange gebraucht, um sich daran zu gewöhnen, dass sie ihre Tochter um Erlaubnis fragen muss, wenn sie sie in den Arm nehmen will. Sie sagt, sie habe viel von Marion gelernt. Warum sie beim Anblick einer Fliege schrie. Warum sie sich mit Händen und Füßen weigerte, den Teller mit der Hühnersuppe leer zu löffeln. Man muss sich die Welt ihrer Tochter als einen schalldichten Raum vorstellen. Eine Fliege ist so laut wie ein Düsenjäger. In diesem Raum stapeln sich Schubladen bis zur Decke. Jede Schublade enthält einen Gegenstand, ein Gefühl oder eine Erinnerung.

Was zum Beispiel erklärt, warum Marion die Möhren und Erbsen immer erst nachträglich auf den Teller legt, wenn sie Hühnersuppe kocht. Möhren sind orange, Erbsen sind grün. Und jede Farbe gehört in eine eigene Schublade. Werden sie vertauscht, kann es sein, dass die Kinder aus der Frühfördergruppe ärgerlich oder sogar aggressiv werden.

Ulrike Reiser sagt, sie habe sich oft alleine gelassen gefühlt. Erziehung als Spießrutenlauf. Erst der von anderen Eltern gegründete Verein habe ihr die Kraft für das gegeben, was sie als ihre Lebensaufgabe bezeichnet: "Ich bin Marions Krückstock." Er hat die Tochter weit getragen. Das ahnt man, wenn einen Antje Wieser durch den Kindergarten im Erdgeschoss der Villa führt. Es sind große, helle Räume, es gibt eine Hängematte, ein Hochbett und viele Nischen. Auf einen Erzieher kommen zwei Kinder. Antje Wieser sagt, sie reize die Herausforderung, die Kinder aus ihrer eigenen Welt herauszuholen. Es ist eine Arbeit, die unendlich viel Geduld kostet. Das wird deutlich, wenn sie von den Fortschritten des kleinen Jungen erzählt, den sie betreut. Auch nach einem Jahr spricht er noch nicht. Im Morgenkreis fängt er aber an, erste Laute nachzuahmen und Bewegungen mitzumachen. Für seine Erzieherin ist das ein riesiger Fortschritt. Sie sagt, manche Kinder hätten eine Blockade, die sich irgendwann löse. So war es auch bei Marion. Noch mit fünf Jahren konnte sie nur Zwei-Wort-Sätze reden.

Erst vor zwei Wochen ist der Kindergarten samt Küche in die Villa in der ruhigen und grünen Wohngegend um die Arno-Holz-Straße 10 umgezogen. Für die Gründer des Trägervereins ging damit ein lang gehegter Traum in Erfüllung. In den 70er-Jahren waren sie die ersten in Berlin, die sich dafür einsetzten, autistische Kindergarten- und Schulkinder in kleinen Gruppen zu betreuen. Selbstverständlich war das nicht. Die Diplom-Psychologin Bärbel Wohlleben sagt, sie erinnere sich noch gut an einen vierjährigen Jungen, den sie damals betreute. "Er saß den ganzen Tag zu Hause und schrie. Seine Kita hatte ihn vor die Tür gesetzt." Seine Eltern seien völlig überfordert gewesen.

Heute würden sie Hilfe im neuen Autismus-Zentrum in Steglitz finden. Es gibt eine Ambulanz, eine Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche und eine für Erwachsene, alles unter einem Dach. Ulrike Reiser kommt beinahe täglich vorbei, um ihrer Tochter bei der Eingewöhnung zu helfen. Ein neuer Herd musste her. Statt mit Gas kocht Marion jetzt auf einem Induktionskochfeld. "Es ist nicht ganz leicht", sagt sie, während sie Rotkohl, Kartoffelpüree und Fischstäbchen auf sechs Teller verteilt, immer nach demselben Muster. Jetzt ist alles am richtigen Platz. Marion blickt von ihrer Arbeit auf. Sie lächelt.

"Der Junge saß den ganzen Tag zu Hause und schrie"

Bärbel Wohlleben, Psychologin