Arbeit

Mit 84 in den Ruhestand

Wenn Ursula Hartlöhner am Bahnhof Zoo vorbeikommt, trifft sie häufig alte Bekannte. Freut sich mit dem Mann, der endlich einen Satz Zähne im Mund hat und ihr ein breites Grinsen schenkt, oder über die Frage eines älteren Herrn, der wissen will, wann sie denn mal wieder in die Bahnhofsmission kommt.

"Gar nicht", sagt sie dann, "die wollen dann nur, dass ich wieder mitmache." Sie sagt das abwehrend, aber auch mit Wehmut, denn an der Bahnhofsmission am Zoo hängt ihr Herz. Fast 18 Jahre lang war die Witwe aus Zehlendorf ein fester Bestandteil im Team der ehrenamtlichen Helfer, hat mit angepackt, Brote für Bedürftige geschmiert, Wohnungslosen Trost gespendet und auch für sich eine Gemeinschaft und Sinn gefunden. Damit ist nun Schluss - Ursel kann nicht mehr. Mit 84 Jahren erlebt sie, was andere schon sehr viel früher ihren "wohlverdienten Ruhestand" genannt hätten.

Ruhestand - für Ursel Hartlöhner bleibt das ein Fremdwort. "Das klingt furchtbar", sagt sie. "Für mich war das nie ein Thema. Ich war ja selbstständig und krieg' sowieso keine Rente." Eine Zeit nur zu Hause habe sie sich nie herbeigesehnt. Ursel packt gern zu, dirigiert und organisiert, sie will mittendrin sein - da, wo das Leben ist. So, wie sie auch lieber vom Jetzt erzählt und von der jüngeren Vergangenheit als von früher.

"Ich habe so viele Schicksalsschläge einstecken müssen, das habe ich alles tief vergraben", sagt sie. "Der Tod war mein ständiger Begleiter." Bei dem Gedanken daran wollen Tränen kommen. Da ist der Krieg mit seinen Wirren und der geliebte Cousin, der gefallen ist, der Tod der Eltern kurz vor dem Mauerbau, der des 20 Jahre älteren Ehemanns nach der Wende, der Verlust eines geliebten Freundes, der an Aids verstarb, und der Selbstmord ihrer ältesten Tochter, die sich mit 48 Jahren von einem Hochhaus stürzte... Vertiefen möchte die alte Dame das alles lieber nicht. "Das Leben war nicht immer leicht", sagt sie knapp. "Ist es auch jetzt nicht."

Berührungsängste hat die ehemalige Geschäftsfrau, die mit ihrem Mann Mitte der 50er-Jahre von Prenzlauer Berg nach West-Berlin zog und an der Weddinger Müllerstraße zwei Lederwarengeschäfte aufbaute, nicht. Als sie die Firma 1991 aufgaben und ihr Mann 1994 starb, war ihr klar, dass sie nun etwas für die Gemeinschaft tun wollte. Im Geiste von Albert Schweitzer, einem ihrer großen Idole. "Dass er kaum an sich selbst dachte, immer für andere da war, imponiert mir sehr", sagt sie. "Solche Menschen sind selten."

Mit Männern kann sie umgehen

Es sollte aber nicht irgendein Ehrenamt sein, Ursel wollte dorthin, "wo die Männer sind", denn deren Gesellschaft hat sie ihr Leben lang geschätzt. Damit kann sie umgehen, sagt sie und strahlt. Ist sie im Tanzlokal ihrer Eltern in der Senefelder Straße aufgewachsen. Damals lebte man in der Wirtschaft. "Da waren immer viele nette Männer, die haben mir sogar bei den Hausaufgaben geholfen", erzählt sie. Es war eine glückliche, verwöhnte Kindheit. Nachts wurde sie dennoch von ihrer Mutter mit Büchern und Schokolade in eine Kammer eingeschlossen - sicher ist sicher.

Dass sie die letzte aktive Phase ihres Lebens in der Bahnhofsmission verbringen sollte, sei nicht selbstverständlich für jemanden, der mit zehn seinen ersten Pelzmantel bekam, meint sie. Den Weg dorthin fand Ursel Hartlöhner, als sie Kleidung ihres verstorbenen Mannes abgeben wollte und die freundlichen Menschen kennenlernte, die Brote an Bedürftige ausgaben. "Das kann ich auch", sagte sie sich und ging seitdem zweimal in der Woche zum "Dienst" an die Jebensstraße. Ihre beiden Töchter waren erwachsen und es war ihr eine Freude dorthin zu gehen, ein Ziel zu haben, für das sie sich fertig machen konnte. Sie genoss es, erwartet und gebraucht zu werden. Sie liebte die Gemeinschaft dort, die Dienstbesprechungen bei Kaffee und Kuchen und natürlich die Gespräche mit den Gästen, wie die Besucher der Bahnhofsmission genannt werden. Einige davon schloss Ursel so ins Herz, dass sie sie auch im Krankenhaus oder in der Psychiatrie besuchte, wenn es ihnen noch schlechter ging.

In der Bahnhofsmission hat die kleine alte Dame mit dem locker hochgebundenen Dutt auch den Türdienst gemacht und die Gäste eingelassen, die draußen in der Schlange auf die Essensausgabe warteten. Angst hatte sie nie, obwohl da zuweilen ein rauer Ton herrscht. Sie fühlte sich aufgehoben in der Gemeinschaft und ist einfach freundlich geblieben. "Das hat immer funktioniert. Die stehen ja oft schon Stunden dort und warten. Ganz furchtbar ist es, wenn welche draußen bleiben müssen, weil nur 50 Menschen in den Raum passen. Ich hab' immer versucht, möglichst alle reinzuholen", sagt sie. "Ich stelle mir das schrecklich vor, so mittellos auf der Straße zu leben." Als ihre Kräfte nachließen, hat sie sich zu den Gästen gesetzt und mit ihnen geredet. Aber nicht alle wollten reden, manche seien einfach nur in einer Notsituation und brauchten Hygieneartikel, Schuhe oder Klamotten.

Es schmerzt, nicht mehr dabei zu sein

Ursel breitet Fotos auf dem Tisch aus. Sie zeigen eine energische, freundliche Frau, die Brote ausgibt. "Das war eine sehr, sehr erfüllte Zeit", sagt sie. Ihre hellblaue Arbeitsweste hat sie noch nicht abgegeben. Das will sie bald tun. Leicht wird das nicht. Sie streicht über den leicht ausgeblichenen Stoff. "Die wollen doch dann, dass ich bleibe", sagt sie leise, "aber das schaff' ich nicht mehr. Jetzt muss ich mich erst mal um mich selber kümmern." Es schmerzt, nicht mehr mittun zu können.

Das Alter zwingt sie zum Innehalten. Zuerst machten die Augen Probleme, jetzt wollen die Beine nicht mehr so recht, Operationen an Knie und Hüfte stehen an. Dafür braucht sie alle Kraft. "Ich weiß ja nicht, ob ich das alles überstehe", sagt sie. Noch ist sie ein unabhängiger Geist und kann sich weitgehend selbst versorgen. Doch das Aufstehen fällt schwer und auch ihr Gedächtnis lässt sie manchmal im Stich. Sie ist froh, dass ihre Tochter Petra (53) und Enkelin Anne (22) mit ihr das Holländerhaus teilen, das sie mit ihrem Mann Johann vor mehr als einem halben Jahrhundert gekauft hat. Die drei Frauen unterstützen sich, wo es nötig ist, und lassen sonst jede ihr Leben leben. Hier an der Clayallee ist der Sitz der Familie. Ursel hat immer Wert darauf gelegt, dass er erhalten bleibt, auch wenn der Haussegen mal schief hing. Ihr Herz indes, schlägt bis heute für den Wedding, wo sie arbeitete. Dort waren bis vor kurzem noch ihre Hand- und Fußpflegerin und ihre Reinigung, dort liebt sie die kleinen Läden, die türkischen Familienväter, die sich über Kinderwagen beugen. "Da sind Menschen, da ist Leben", schwärmt sie, "dort ist mein soziales Gefüge, meine Seele, und dort will ich auch beerdigt werden - an der Seestraße." Wenn sie das Leben in "ihrem Kiez" schildert, blitzt die junge Ursel in ihr auf, voller Kraft und Temperament, die gerne viel und herzhaft lacht. "Wann immer ich kann, fahr' ich in den Wedding und krauch' da rum." Das Zehlendorfer Haus scheint dann weit weg, auch wenn das der Ort ist, der sie nun im Alter auffängt. Hier im Hartlöhnerhaus hat sie ihre Bücher, ihre Brecht-Poster, ihre Steinsammlung, ihre Mundharmonika und die Schildkröte Zeus. An der Wand neben dem Esstisch hängt ihre "Ahnengalerie", eine Sammlung Schwarz-Weiß-Fotos - Erinnerungen an ferne Zeiten: Ursel im feinen Kleid am Klavier, der geliebte Cousin in Uniform, die elegante Mutter mit Pelz und Hündchen, die bildschöne Ursel mit ihren Eltern, die Schwiegereltern, die Töchter unbeschwert auf Amrum und ihr Ehemann, den sie mit 19 Jahren heiratete.

"Dass das Familienhaus erhalten bleibt, wenn ich nicht mehr da bin, ist mir wichtig", sagt Ursel Hartlöhner. "Und ich weiß auch schon, was dann hier passiert. Meine Tochter zieht dann nach unten in meine Räume und die Enkelin breitet sich oben aus, vielleicht mit einer Wohngemeinschaft." Ein schöner Gedanke, findet sie.

Doch so lange es ihre Kräfte erlauben, macht Ursel Hartlöhner sich einmal am Tag auf den Weg nach draußen. Zieht mit ihren Krücken los und fährt mit dem Bus in den Wedding. Und einmal noch will sie zur Bahnhofsmission. Die Weste abgeben. So einfach ziehen lassen wollen die Kollegen sie jedoch nicht. Am 15. September soll sie dort würdig verabschiedet werden.