Alkohol

Erster Vollrausch mit elf

Als Bianca noch klein war, hat sie gedacht, Alkohol schmecke scheußlich. Sehr bitter. Oder vielleicht auch scharf. "Aber es war dann ganz anders", sagt die heute 14-Jährige und klingt dabei ziemlich abgeklärt. Süß war der Wodka Feige nämlich, den Bianka vor drei Jahren bei einer Party probierte. So süß, dass sie gar nicht genug davon bekommen konnte.

Etwa zehn Prozent aller Jugendlichen, die jünger als zwölf Jahre sind, würden regelmäßig Alkohol konsumieren. Das zeigt eine Statistik der Deutschen Angestellten-Krankenkasse. Eine schockierende Zahl, die Arche-Gründer Bernd Siggelkow, Wolfgang Büscher und Markus Mockler dazu angeregt hat, ein weiteres Buch zu schreiben. Nach "Deutschlands vergessene Kinder" und "Deutschlands sexuelle Tragödie: Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist" gibt es nun auch noch "Generation Wodka". Das Buch zeichnet ein beängstigendes Bild einer Generation, die sich exzessiv und hemmungslos betrinkt. "Es geht um ein Saufen, das kein Maß kennt", sagte Ralf Markmeier, Verleger des christlich ausgerichteten Adeo-Verlages bei der gestrigen Buchpräsentation. "Es geht ums Saufen, Erbrechen und Weitersaufen, das längst Teil einer Jugendkultur ist." Veronica Ferres, die das Buchprojekt unterstützt, erklärte, sie sei nach der Lektüre und nachdem sie sich intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt habe, "nicht betroffen, sondern schockiert": "Die Schlagzeilen über jugendliche Komasäufer hatte ich bisher für Einzelfälle gehalten." Viele zerstörten durch den Alkohol schon in jungen Jahren ihre Gesundheit und Berufsfähigkeit, sagte sie. Die nachfolgende Generation müsse für die Kosten aufkommen. Vielleicht sei dies ein "Ansatzpunkt für Politiker, das Thema ernst zu nahmen", sagte Ferres.

Kein Phänomen der Unterschicht

Und so ist der Tonfall des Buches ein sehr düsterer. Die Kapitel haben Überschriften wie "Jugendliche Straftäter unter Alkoholeinfluss" und "Saufen bis der Arzt kommt - und er kommt immer öfter".

Es geht zum Beispiel um Maren, eine 19jährige Schwangere, die ihren Alkohol- und Zigarettenkonsum nicht einschränken mag und nicht genau weiß, wer der Vater ihres ungeborenen Kindes ist. Das Baby wurde gezeugt als sich Maren im Vollrausch befand, wie so oft in den letzten Jahren. Und es geht auch um Max, den Sohn eines Gymnasialdirektors, der, ebenfalls im Vollrausch, ein geistig behindertes Mädchen vergewaltigt hat. Auch er kann sich an das Geschehen nicht erinnern. Filmriss, wie man so sagt. Komasaufen, das sagen die Autoren ganz deutlich, sei beileibe kein ausschließliches Phänomen der "Unterschicht". Es herrsche eine "Wohlstandsverwahrlosung", so Siggelkow. Viele Kinder hätten zwar genügend Geld, aber die Eltern keine Zeit, um sich um die Aufklärung der Kinder zu kümmern. Man müsse das Problem "Jugendliche und Alkohol" gesellschaftlich und politisch angehen, fordern die Autoren. Als erste Maßnahmen wünschen sie sich unter anderem eine Promille-Grenze im öffentlichen Nahverkehr, Alkoholverbot in der Öffentlichkeit und Risikohinweise auf Flaschenetiketten. "Auch das Rauchen war früher gesellschaftsfähig, heute ist es das nicht mehr", sagte Ralf Markmeier. "Beim Thema Alkohol wünschen wir uns genau dieselbe Veränderung der gesellschaftlichen Wahrnehmung."

Bianka weiß nicht, ob das etwas bringen würde. "Saufen gilt einfach als cool", sagt sie, "und es macht Spaß". Sie ist gerade erst elf Jahre alt, als sie das erste Mal auf einer Party richtig betrunken ist. Einige der Kinder und Jugendlichen, die Bianka kennt, haben Alkoholiker als Eltern. "Sie kennen es wahrscheinlich nicht anders." Andere hätten einfach Stress in der Schule. "Vor allem Mädchen trauen sich einfach mehr, wenn sie betrunken sind", sagt Bianka "Sie quatschen dann einen Typen an, obwohl sie normalerweise viel zu schüchtern wären. Die wollen einfach cool sein." Auch bei ihr sei das so gewesen. "Ich habe eben gesehen, dass die anderen trinken und wollte mitmachen." Cool steht für die Jugendlichen ganz oben. Deshalb nennt Bianca sich auch "Hexe", "manche Freunde kennen mich nur unter dem Namen", sagt Bianka.

Sich gegenseitig überbieten

Sozialpädagoge Samuel Kuttler (31) arbeitet seit drei Jahren in der Arche und kennt Bianka gut. Zwischen 200 und 300 Jugendlichen kommen täglich in die Arche, er kümmert sich um die, die älter als 13 sind. Fast die Hälfte von ihnen hat ein Alkoholproblem. "Sie trinken nicht unbedingt regelmäßig, aber viele landen mehr als einmal im Krankenhaus und haben sich ins Koma getrunken. Allein vergangenes Wochenende waren es eine 14-Jährige, eine 15-Jährige und eine, die zwar schon erwachsen ist, sich aber noch auf kindlichem Niveau befindet, vielleicht wegen ihres traumatischen Zuhauses", sagt Kuttler. Er erzählt von den "Rankings", die es gibt unter den Jugendlichen, davon, wie sie gegenseitig versuchen, sich zu überbieten. Wer hat wie viel Wodka geschafft? Wer war am stärksten betrunken? Sie bringen manchmal sogar die Papiere aus dem Krankenhaus mit, die die medizinischen Daten und die Promillezahl enthalten. "Sie erzählen dann mit einer Mischung aus Betroffenheit und sich brüsten", sagt Kuttler. Er und seine Kollegen verurteilen die Jugendlichen nicht, "wir lassen sie erzählen", sagt er. Auch Bianka fand in der Arche Ansprechpartner. Nach ihren ersten Alkohol-Erfahrungen ist sie fast jedes Wochenende betrunken. Ihre Mutter bekommt nichts davon mit, weil sie ihr erzählt, sie schlafe bei einer Freundin. Und der Vater hat sich schon Jahre zuvor für den Alkohol und gegen seine Familie entschieden. "Wenn ich als kleines Mädchen das Wochenende bei ihm verbringen sollte, holte er mich fast nie ab", sagt Bianka, ihre Stimme klingt dabei ganz leise. Ungefähr ein Jahr lang zieht das Mädchen von Party zu Party, genießt das Gefühl des Rausches, will einfach für eine Weile vergessen. Die Probleme zu Hause, in der Schule, mit Freunden. Doch irgendwann - Bianka ist gerade zwölf geworden - ist es dann zu viel. "Die Party war in der gleichen Wohnung wie die, auf der ich meinen ersten Alkohol probiert habe", sagt Bianka. "Ich trank so viel, dass ich mich nur noch übergab. Die ganze Wohnung hab ich vollgekotzt." An diesem Abend schlief Bianka nicht bei einer Freundin, sondern zu Hause. "Als meine Mutter mich torkeln und schwanken sah, sagte sie: 'Wenn Du noch mal so nach Hause kommst, ziehst Du zu deinem Vater.'" Die Drohung saß, denn das wollte Bianka auf gar keinen Fall. "Ich habe seitdem nichts mehr getrunken", sagt das Mädchen mit dem blonden Pferdeschwanz. Auch ihr Freund (18) hat inzwischen aufgehört. "Es hat mir wehgetan, ihn jeden Tag so zu sehen." Sie habe ihm gesagt, dass sie nicht mit einem Alkoholiker zusammen sein will. Bis jetzt habe er sich daran gehalten. Bianka ist das wichtig. Denn sie wünscht sich selbst ein Kind. Und die Vorstellung, dass es mal mit dem Trinken anfangen könnte, tut ihr weh. "Ich werde versuchen, dass zu verhindern", sagt sie. "Ich glaube, man muss ihm nur früh genug erklären, was der Alkohol mit einem macht. Und dass man auch ohne ihn cool sein kann."