Interview

"Man muss aufpassen, dass die Kinder keine Pakete werden"

Was Eltern von Kofferkindern beachten sollen, erklären die Psychologen Susanne Rötschke und Peter Fischer von der Familienberatungsstelle des Bezirksamtes Mitte

Berliner Morgenpost: Die Lufthansa und die Bahn AG bieten Reisebegleiter für Sechs- bis Vierzehnjährige an. Sind das Angebote, die Sie Eltern vorbehaltlos empfehlen könnten?

Peter Fischer: Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wie alt ist das Kind? Haben es die Eltern auf die lange Reise vorbereitet? Ist es eher ängstlich oder selbstbewusst? Und wer begleitet das Kind? Das müssen die Eltern vorher behutsam abwägen.

Berliner Morgenpost: Der Service wird zum Großteil von Trennungskindern genutzt. Was geht in ihnen vor, wenn sie erfahren: Papa/Mama zieht in eine andere Stadt?

Susanne Rötschke: Kinder erleben Trennungen anders als ihre Eltern. Die Welt, zu der Vater und Mutter gehören, bricht auseinander - für Kinder ist das ein existenzieller Verlust. Auch dann, wenn die Trennung das Ende vieler Streitigkeiten bedeutet.

Peter Fischer: Besonders schwer haben es die Kinder, die nach der Trennung mit der Mutter in eine andere Stadt ziehen. Die verlieren auch noch Freunde und Heimat.

Berliner Morgenpost: Sie beraten Eltern, die sich trennen wollen. Wie oft kommt es vor, dass einer der beiden Partner weit wegzieht?

Susanne Rötschke: Das kommt immer häufiger vor - und das nicht nur nach Scheidungen. Die Anforderungen an die berufliche Flexibilität sind in den vergangenen Jahren gestiegen. Immer mehr Familien leben räumlich voneinander getrennt, weil der Papa Arbeit in einer anderen Stadt gefunden hat.

Berliner Morgenpost: Was sollten die Eltern bei einer Trennung generell beachten?

Peter Fischer: Kinder haben das starke Bedürfnis, dass Mama und Papa zusammenbleiben. Die Eltern machen aber genau das Gegenteil. Sie verändern sich, sie verlassen sich. Umso wichtiger ist es, den Kindern die Sicherheit zu vermitteln, dass beide als Eltern weiterhin für sie da sind. Die Kränkung als Partner ist das eine, die Rücksicht auf die Bedürfnisse der Kinder das andere. Wenn der eine Partner den anderen ständig abwertet, geraten die Kinder in einen Loyalitätskonflikt.

Susanne Rötschke: Die Eltern sollten versuchen, es einzurichten, dass die Kinder einen stabilen Kontakt zum anderen Elternteil behalten. Dann können sich auch kleinere Kinder relativ gut auf die neue Situation einlassen.

Berliner Morgenpost: Auch dann, wenn dazwischen hunderte von Kilometern liegen?

Susanne Rötschke: Das erfordert Flexibilität und Toleranz. Wie bekommt man unter diesen erschwerten Bedingungen Nähe hin, ohne die Kinder zu überfordern? Das geht während der Schulzeit über Kontakte per Telefon oder per Skype. Und, indem man eine andere Ferienregelung findet als die übliche Variante: Fifty-fifty. Eine Möglichkeit wäre zu sagen, okay, alltags sind die Kinder bei der Mutter. Also verbringen sie ihren Urlaub mit dem Vater. Oder umgekehrt. Die Eltern sollten nicht auf Gerechtigkeit bestehen. Mechanische Lösungen gehen immer zu Lasten der Kinder.

Berliner Morgenpost: Wie wichtig ist es für Kinder, den Elternteil, der ausgezogen ist, in seinem neuen Lebensumfeld zu besuchen?

Susanne Rötschke: Das hängt immer auch von der neuen Situation ab. Wenn dieser Elternteil nach der Trennung sehr schnell einen neuen Partner gefunden hat, kann eine zu schnelle Konfrontation das Kind total überfordern.

Peter Fischer: Generell ist es aber sehr wichtig, dass die Kinder auch das neue Lebensumfeld des Vaters kennenlernen. Das gehört doch zum Menschen dazu. Das ist ja nicht nur ein Besuchsmensch.

Berliner Morgenpost: Sind solche Kurzbesuche per Bahn überhaupt sinnvoll? Bei längeren Entfernungen sitzen die Kinder ja beinahe das halbe Wochenende im Zug...

Susanne Rötschke: Für Schulkinder ist das ziemlich anstrengend - besonders dann, wenn sie über einen langen Zeitraum jedes zweite Wochenende fliegen oder eine lange Strecke mit dem Zug oder dem Auto fahren müssen. Eine Dauerlösung kann das nicht sein.

Peter Fischer: Man muss aufpassen, dass die Kinder keine Pakete werden, die immer hin- und hergeschickt werden. Auf lange Sicht sind weniger Besuche mit längerer Aufenthaltsdauer sinnvoller.