Mamas & Papas

Der unheimliche "Ernst des Lebens"

Unseren Sohn plagt ein mulmiges Gefühl. Heute wird er eingeschult. Das findet er eigentlich gut, aber aus sekundären Gründen: die Aussicht auf eine prall gefüllte Schultüte, die Freunde aus dem Kindergarten in der ersten Klasse wiedersehen - und mit der großen Schwester gleichziehen.

Auch fiebert er darauf, bald den Sportteil der Zeitung selber lesen zu können. Das alles geht in Ordnung. Wäre nur nicht die Sache mit dem Ernst.

Seit zwei, drei Monaten führt er eine Art Standarddialog mit Erwachsenen. Egal, ob Nachbarn, nahe oder ferne Verwandte oder Unbekannte im Bus. Der Dialog läuft so:

"Wann kommst du in die Schule?"

"Nach dem Sommer."

"Ahhhh - dann fängt der Ernst des Lebens an."

Der Ernst des Lebens. Den Satz hat er dutzendfach gehört, meistens wird die Stimme des Erwachsenen pathetisch, manchmal senkt sie sich zu wissendem Flüstern. Unheimlich!

In diesem Sommer habe ich ihn mehrmals vor sich hinmurmelnd in seinem Lieblingssessel erwischt: "Jetzt fängt der Ernst des Lebens an." Keine Frage, er rätselt: Wer oder was genau ist der Ernst des Lebens? Fällt er einen auf dem Schulhof von hinten an oder sitzt er drohend am Lehrerpult, drauf und dran, aus Erstklässlern Kleinholz zu machen? Klar ist nur eines: Mit der vertrauten Kindergartenwelt hat der Ernst des Lebens nichts gemein. Der Ernst meint es ernst.

Natürlich könnten wir jetzt typisch moderne, extranette Eltern sein und ihm diese Ängste nehmen wollen. Wir könnten ihm erklären, dass anno Dunnemals die Welt eine andere war. Keine daddelnde Spaßwelt, sondern eine, wo es wie bei "Momo" noch ernste Männer in grauen Mänteln, mit grauen Hüten und schwarzen Brillen gab, die morgens mit Aktentasche ihr Reihenhaus verließen, Mutti einen Kuss gaben und in behäbige Mercedesse stiegen. So etwa sah er aus, der Ernst des Lebens, den mein Sohn ahnt.

Als Grundschulkind erlebte ich noch das Regime der alten Männer, die einen Arm im Krieg verloren hatten und statt eine Prothese zu tragen den Hemdsärmel hochklappten und mit Sicherheitsnadeln feststeckten. Sie stiegen gern nach Schulschluss in den Linienbus und verjagten mit ihren weißen Plastikstöcken die Schulkinder von den Sitzplätzen. Ich kannte Lehrer, die mit dem Schlüsselbund nach uns warfen. Das war er, der Ernst des Lebens. Diese Welt ist verschwunden.

Wenn jetzt mein Sohn ein leises Echo dieser Welt erhascht - ich gönne es ihm. Spätestens nach dem ersten Schultag wird er wissen: Den Ernst des Lebens nehmen wir später durch. Seine Lehrerin wird nett sein, sein Klassenzimmer freundlich und der Unterricht alles andere als frontal. Ernst des Lebens? Nur noch ein Gespenst aus einem Grusel-Märchen.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher. Im September erscheint das Buch "Mamas & Papas: Wie wir täglich fröhlich scheitern." Diana Verlag, 12,99 Euro.