Ratgeber

Die Therapeutin unseres Sohnes versteht uns nicht

Wir sind mit unserem Sohn Lukas (9) bei einer Familientherapie in der Erziehungsberatungsstelle. Es geht um sein Verhalten in der Schule, wo er oft nicht macht, was die Lehrer sagen. Er hat immer seinen eigenen Kopf. Wir haben jetzt nach vier Monaten Beratung aber das Gefühl, dass die Therapeutin uns gar nicht versteht und stattdessen immer Themen anspricht, die uns nicht wichtig erscheinen. Matthias F., per E-Mail

Diese Problematik kenne ich aus meiner eigenen Praxis nur zu gut. Ich kann verstehen, dass der Klient sich wundert, wenn etwas angesprochen wird, wonach er gar nicht gefragt hat. Nun ist es aber auch in vielen anderen Lebenssituationen so, dass der "Kunde" zu wissen meint, wo das Problem liegt, der Fachmann oder die Fachfrau aber ganz andere Ursachen finden. In all diesen Situationen ist zwar wichtig, dass professionelle Helfer die Probleme der Hilfesuchenden erkennen und verstehen, aber es ist offensichtlich nicht unbedingt gut, sich als Profi automatisch auf deren Lösungsvorstellungen einzulassen! Stattdessen geht es insbesondere im Beratungsverlauf darum, dass die Klienten anfangen, das Denken des Therapeuten zu verstehen, damit sich in der Situation des Kindes und der Familie auch etwas ändern kann! Mit hausgemachten Strategien werden sie nicht viel weiter kommen. Mir fällt außerdem auf, dass Lukas Probleme ja eine ganz parallele Struktur zu Ihrer Anfrage haben: Er kann sich (als "Kunde") nicht an die Vorgaben der Lehrer (Profis) halten. In solchen Situationen erlebe ich oft, dass gewünscht wird, der Lehrer würde sich ändern. Solche Bemühungen sind aber die Zeit und die Kosten nicht wert. Es kann doch nur darum gehen, mit den Menschen zu arbeiten, die auch anwesend sind. Bleiben Sie also dabei, auch wenn es Ihnen schwer fällt. Denn wenn Sie sich nicht darauf einlassen, die Themen der Therapeutin anzunehmen, wird es für Lukas schwer, ein entsprechendes Vorbild zu finden, das ihm hilft, nicht immer seine eigenen Vorstellungen durchsetzen zu wollen.

Dr. Andreas Wiefel, ehemals Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrie-Klinik der Charité, ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Kreuzberg

Morgen berät Sie Dr. Heidemarie Arnhold zu Erziehungsfragen. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an: familie@morgenpost.de