Zooreporter

Wasser schlürfen wie Andere eine Auster

Heute schon eine Apfelschnecke vernascht - nein? Nun, der Klaffschnabelstorch im Tierpark auch nicht. Der bekommt Küken und Fisch und durchgedrehtes Fleisch. Aber wären wir in Afrika südlich der Sahara an einem Süßwasserteich, dann würde er auf Apfelschneckenjagd gehen. Mollusken, also Weichtiere, gehören zu seiner Lieblingsspeise.

Apfelschnecken sind grün. Klaffschnabelstörche sind schwarz, deswegen tragen sie gelegentlich den Zusatz "Mohren"- vor ihrem Namen. Wir wollen das ab jetzt nicht mehr erwähnen, weil solche Bezeichnungen nicht politisch korrekt sind. Außerdem ist das Tier nicht nur schwarz. Sein Gefieder glänzt in der Sonne metallisch - Strukturfarbe nennt man das, weil der Aufbau des Gefieders das einfallende Licht unterschiedlich bricht, und so diverse Farben entstehen. An den Spitzen des Halsgefieders hängen kleine Hornplättchen. Sie drücken in etwa folgendes aus: "Hey, schaut her! Ich sehe prächtig aus. Du solltest mich als nehmen und tschaka tschaka." Reproduktion ist alles. Aber so weit seien die vier Klaffschnabelstörche im Tierpark noch nicht, sagt Kurator Martin Kaiser. Die Tiere sind erst seit der Saison 2011 für Besucher zu sehen und jung. Immerhin haben die Älteren - sie sind 2009 geschlüpft -bereits Grashalme und Pflanzenstängel auf ihrer Plattform ausgebreitet. Noch fehlen stabile Äste - Nestbau will gelernt sein. Storchenpaare teilen sich die Aufgabe: Er transportiert das Rohmaterial heran, und sie baut es zum Nest zusammen. Sind die Jungtiere geschlüpft, würgen Mutter wie Vater ihnen das Futter vor, bis sie groß genug sind, Fische und Muscheln im Stück zu verschlingen.

In freier Wildbahn leben diese Störche in Kolonien, von hundert bis zu tausenden von Mitgliedern. Sie stehen gerne auf den Rücken von Nilpferden herum. "Das ist ein Ausguck auf der Jagd nach Beute", sagt Kaiser. Im Tierpark teilen sie sich die Voliere mit Ibissen, Helmperlhühnern und Storchen, die so bildhafte Namen tragen wie Nimmersatt oder Sattelstorch. Etwas abseits von ihnen im Tierpark kommt jährlich die Bundesarbeitsgruppe Weißstorchschutz des Nabu zusammen. Weiß- und Klaffschnabelstorch sind im Tierpark getrennt. Nur wenn die Weißstörche z.B. vom Storchenhof Linum ab September gen Süden fliegen, um in Afrika zu überwintern, treffen die Arten aufeinander - aber nicht auf den Kalifen Storch. Dieser Weißstorch lebt in Bagdad und einem Märchen von Wilhelm Hauff.

Die schwarzen Afrikaner gehören mit 55 bis 60 Zentimetern Höhe zu den kleineren Vertretern ihrer Art. Sie sind Mittelmaß. Nur ihr Schnabel macht sie einzigartig: Er schließt nicht - das Klaff im Namen kommt von klaffen. "Früher dachte man, die Vögel würden damit Schnecken aufbrechen wie ein Nussknacker Nüsse", sagt Kaiser. Aber das stimmt nicht. Die Schnäbel sind tastempfindlich, deswegen können die Störche im Trüben fischen. Haben sie eine Schnecke erspürt, pinnen sie sie mit dem Oberschnabel in den Boden, schieben mit ihrem messerscharfen Unterschnabel den Deckel im Gehäuse der Schnecke beiseite, spießen das Tier auf und schütteln es aus dem Gehäuse. Ähnlich trinkt das Tier: Er schlürft Wasser aus seinem Unterschnabel, wie der amerikanische Produzent Scott Storch Austern aus der Schale. Der Kaffschnabelstorch - ein Feinschmecker.

Als Zooreporterin im Fernsehen: TV.Berlin, Sa. 18.20 Uhr, So. 18.20, 21.20, 23.20 Uhr. Weitere Kolumnen von Tanja Laninger: unter morgenpost.de/kolumne/laninger