Sprechstunde

Wann kommt mein Sohn (12) endlich in den Stimmbruch?

Katarina W. aus Prenzlauer Berg fragt: Mein Sohn Benjamin ist jetzt zwölf Jahre alt. Schon seit einigen Jahren singt er im Kirchenchor. Viele seiner gleichaltrigen Mitsänger sind schon im Stimmbruch und können die hohen Stimmlagen nicht mehr halten. Benjamin aber singt immer noch Sopran. Das klingt zwar sehr schön, aber trotzdem beginne ich langsam, mir Sorgen zu machen, dass etwas mit seiner Entwicklung nicht stimmt. Müsste er nicht wie seine Mitsänger auch langsam in den Stimmbruch kommen?

Zunächst einmal können Sie sich beruhigen und auf das nächste Konzert mit dem Chor ihres Sohnes freuen. Die Entwicklung Ihres Sohnes verläuft nach jetzige Sachlage ganz normal, und es besteht kein Anlass zur Sorge.

Der Stimmbruch ist ein Zeichen der Pubertätsentwicklung von Jungen, das von den Eltern, Freunden und Verwandten immer sehr intensiv wahrgenommen wird. Denn mit dem Auftreten der tiefen Stimme wirken die Jugendlichen plötzlich viel erwachsener. Die Pubertät ist zum Zeitpunkt des Stimmbruchs meist schon weit fortgeschritten, und der Körper hat sich insgesamt schon ziemlich sehr verändert.

Das erste Zeichen der Pubertätsentwicklung des Jungen ist die Größenzunahme des Hodens. Für diesen wichtigen ersten Schritt bedarf es einer Stimulation der kindlichen Hoden durch zwei Botenstoffe (FSH und LH), die das Gehirn ins Blut abgibt und die dem Hoden mitteilen, zu wachsen und das männliche Hormon Testosteron zu bilden. Das Testosteron ist dann auch für alle anderen noch folgenden und oft sichtbaren Pubertätszeichen verantwortlich.

Zunächst das Wachsen der Schamhaare und des Penis, die Pickelbildung (Akne), die Kräftigung der Muskeln, das beschleunigte Wachstum und dann auch die Veränderung der Größe und Form des Kehlkopfs, die den Stimmbruch verursacht. Diese ganze Entwicklung braucht Zeit, meist sogar ein bis zwei Jahre, und beginnt unterschiedlich früh. Bei manchen Jungen kann das erste Zeichen der Pubertät, also das Wachstum der Hoden, bereits mit dem zehnten Geburtstag auftreten. Bei anderen geht es erst so zum vierzehnten Geburtstag los. Alles was dazwischen ist vollkommen normal.

Wenn die Pubertät allerdings zu früh oder zu spät auftritt, kann eine Störung des "Timings" der Pubertät vorliegen, die durch eine individuelle Besonderheit verursacht ist, ohne dass eine Krankheit vorliegt. Interessant ist, dass wir nicht genau wissen, wie das Gehirn weiß, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt die Pubertät beginnen soll und es die auslösenden Hormone FSH und LH ins Blut ausschütten soll. In seltenen Fällen kann eine Störung des Beginns der Pubertät auch eine schwere Erkrankung anzeigen, zum Beispiel einen Tumor im Gehirn, dort, wo das Startsignal entsteht, oder im Hoden.

Daher sollten Jungen, die zu früh oder zu spät in die Pubertät kommen, einem Kinderarzt vorgestellt werden.

Dies trifft für Ihren Sohn ganz offensichtlich aber nicht zu. Auch wenn seine gleichaltrigen Freunde schon sehr erwachsen wirken, hat Ihr Sohn noch einige Jahre Zeit, bevor sein Stimmbruch ganz normal auftreten wird.

Heiko Krude ist Chefarzt für Kinder- und Jugendmedizin