Mamas & Papas

Ergonomie eines Schulranzens

Wir sind eine ergonomisch bewusste Familie. Die weniger durchgesessenen Sektoren unseres Sofas gehören dem Familienoberhaupt. Ich nehme auf den Rückenschmeichlern Platz.

Ja, man kann "Tatort" durchaus von einem Gymnastikball aus schauen, besser jedenfalls als im Stehen auf einer dieser Wackelplatten, die die Kinder gern als Frisbee missbrauchen, weshalb wir kaum noch Blumen im Wohnzimmer stehen haben. Die Vasen sind hin, jedenfalls die wenigen vorzeigbaren.

Da Hans in wenigen Tagen eingeschult wird, hat die Ergonomie gerade wieder Konjunktur, vor allem aber das Repräsentative. Welcher Ranzen für den zarten Kinderrücken? Für unseren kleinen Einstein war die Sache klar: Was mit StarWars. Aber trug Luke Skywalker auch eine Dorsalstütze, gepolsterte Gurte und all die anderen atmenden Zukunftsmaterialien, ohne die ein Kind heute nicht mehr durch den TÜV kommt? Zudem sähe so ein Comic-Ranzen viel zu billig aus. Was sollen denn die Konkurrenzeltern denken? Ich tendiere zu zurückhaltendem Pfauenleder mit Fledermaus-Intarsien. Schließlich musste unser Tornister nicht nur ergonomisch, sondern auch optisch bei der Einschulungs-Gala bestehen.

Früher, als Schule lästiges Übel war und kein lebensentscheidender Event, da fuhr Vati ins Büro, weil ihm der ABC-Schützen-Klimbim egal war. Mutti kam zum Heulen mit, die Klassenlehrerin machte sich mit allerlei militärischen Kommandos sofort unsympathisch, doch am Ende wurde es trotzdem nett, weil endlich die Schultüte überreicht wurde, mit Stiften drin und Anspitzer und Süßkram.

Und heute? Mehrstündiger Festakt in einem Hotel an Premium-Kroketten. Obama wird eine Ansprache halten oder wenigstens Frank Henkel. Dazu die Philharmoniker. Unsere Video-Kamera ist definitiv nicht groß genug und unser Auto schon gar nicht für diese erste entscheidende Schlacht um das Status-Ranking. Was soll ich nur anziehen? Und das Kind erst. Der kleine Racker ist noch nicht mal aus der Tür, da sieht er schon aus wie ein Ferkel. Vielleicht gibt es XXXL-Schultüten. Oben lassen wir eine Violine rauslugen und eine Aufsatzsammlung von Margot Käßmann.

Wenn schon kein Pfauen-Ranzen, dann wenigstens was Italienisches aus den Russenbedarfsläden vom Kudamm. Prada ist wie Pizza - mit teuer liegt auch der Geschmacksverwirrteste richtig. Die Chefin tippt sich an die Stirn. Schweinsleder der alten Schule, hellbeige, mit Natursekreten gegerbt, hat sie im Internet bestellt. Hans protestiert verzweifelt. Ranzen ohne alles, das ist schlimmer als Lilifee. "Du kannst ja Goethes Profil draufmalen", schlage ich vor, "oder e = mc² oder was Lustiges von Wittgenstein." Der Sohn guckt sehr irritiert. Er hatte sich Schule anders vorgestellt.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann.

Im September erscheint das Buch Mamas & Papas: Wie wir täglich fröhlich scheitern. Diana Verlag, 12,99 Euro.