Ausbildungsprojekt in Südafrika

Wenn Fremde zu Freunden werden

Gut leben, reich sein und berühmt werden: So würden wohl die meisten Jugendlichen ihre Wünsche für die Zukunft beschreiben. Anders sieht das bei Stephan Dittrich (24) und Henry Webel (23) aus. Das Ziel der beiden jungen Männer lautet: sich selbst überflüssig machen.

Gut gelaunt sitzen Stephan und Henry am Rechner in Henrys Neuköllner Wohnung und erstellen eine To-Do-Liste. "Wir müssen Linda mailen und ihn nach den neuen Fotos fragen", sagt Henry. "Außerdem sollten wir am Entwurf für die Ausbildungsvereinbarung feilen", ergänzt Stephan. Ihre Blicke fallen auf den neu gestalteten Flyer auf dem Schreibtisch, "fosa", ist darauf in sandgelben Lettern auf grünem Grund zu lesen. Der Flyer, finden die Studenten, kann so bleiben. Zufrieden nicken sie sich zu.

"fosa" steht für "Friends of Southern Africa e.V." und ist das ureigene Projekt von Stephan und Henry. Im Mai 2010 haben sie es gemeinsam mit ihrem Freund Yannic Steffan aus der Taufe gehoben. Es hat zum Ziel, jugendlichen Waisen in Südafrika eine Ausbildung zu ermöglichen. "Gerade Waisen haben dort kaum Möglichkeiten, sich beruflich zu qualifizieren, da in Südafrika die staatlichen Ausbildungsplätze begrenzt und die privaten Plätze teuer sind", erklärt Henry. "Dabei erhöht eine Ausbildung die Chancen, sich selbst versorgen zu können, enorm." Über ihren Verein "fosa" wollen die Studenten Spenden sammeln, um verwaisten Schulabsolventen den Einstieg ins Berufsleben zu ermöglichen.

Persönliche Verbundenheit

Stephan und Henry kennen das Problem aus eigener Anschauung. Und nicht nur das: Auch die Empfänger der Spenden sind ihnen persönlich bekannt. Beide verbrachten in ihrer Zivildienstzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr in Südafrika, dort lernten sie sich 2008 auch kennen. "Wir waren für eine Hilfsorganisation in einem Bau-Team, haben Häuser errichtet und renoviert", erzählt Stephan. Als der Organisation die Spendengelder aus Europa ausgingen, suchten sie sich selbst in der Region ein neues Projekt - und fanden das Waisenheim "KwaMzamo" in Amanzimtoti in der Region KwaZulu Natal. Es arbeite ähnlich wie die SOS-Kinderdörfer, sagt Stephan: "24 Kinder, die unter anderem wegen der hohen HIV/Aids-Rate in der Region Waisen geworden sind, leben dort in vier Familien, die von jeweils einer Pflegemutter geführt werden. Sie besuchen wie die anderen Dorfkinder eine Schule und sind durch eine staatliche Waisenrente und die Unterstützung einer niederländischen Hilfsorganisation bis zum 18. Lebensjahr abgesichert."

Stephan und Henry packten auch in KwaMzamo mit an, halfen, die Familien-Appartments umzugestalten. "Ich habe schon häufig auf dem Bau gejobbt", sagt Stephan, der an der TU Berlin jetzt Bauingenieurwesen studiert. "Aber in Südafrika habe ich handwerklich noch einiges dazu gelernt - nämlich wie man mit einfachsten Mitteln gute Ergebnisse erzielen kann." Auch Physikstudent Henry sammelte viele Erfahrungen, die nach der Rückkehr nach Deutschland weiter in ihm wirkten. "Nach dem Abi wollte ich ganz naiv etwas Gutes tun. Doch als mein Projektjahr beendet war, spürte ich, dass es nicht von heute auf morgen vorbei ist. Ich habe viele Freundschaften geknüpft und trage Verantwortung." Vor allem ließ Henry die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen keine Ruhe. So kam er mit seinen Freunden auf die Idee der Anschubfinanzierung. Ein Mädchen, Thoko, profitiert bereits von fosa-Spendengeldern. Thoko wurde mit 13 Jahren zur Vollwaisen. Heute ist sie 19 Jahre alt und macht eine zweijährige Ausbildung zur Krankenpflegerin. Allein das erste Ausbildungsjahr kostet 2800 Euro.

Stephan und Henry ist es wichtig, dass sie in Südafrika keine neuen Abhängigkeiten schaffen. "Daher ist es unser Ziel, uns überflüssig zu machen", betont Stephan. Wenn Thoko ihr eigenes Geld verdient, soll sie die Spendengelder in einen Ausbildungsfonds zurückzahlen, von dem dann ihre jüngeren Brüder und Schwestern und andere Kinder aus KwaMzamo profitieren können. So sollen es alle geförderten Kinder tun, bis irgendwann keine Spenden mehr notwendig sind. Bald wollen Stephan und Henry ihr Engagement auf ein weiteres Waisenheim in der Region ausweiten. "Es wäre toll, wenn unser Projekt Modellcharakter bekäme", schwärmt Henry. "Es soll ein Modell sein, das sich selbst trägt, der Bevölkerung direkt zugute kommt und keine fremden wirtschaftlichen Interessen bedient."

Eine Erfahrung fürs Leben

Einmal pro Jahr reisen die Freunde nach Südafrika, um ihre Kontakte zu pflegen. Doch auch zuhause in Berlin ist das ferne Land immer präsent. "Der Aufenthalt hat mein Leben geprägt", sagt Henry. Der Physikstudent ist mittlerweile zum Bereich Sozialwissenschaften gewechselt, einen späteren Job in der Entwicklungszusammenarbeit schließt er nicht aus. "Jetzt gehe ich für ein Jahr zum Studium nach Toulouse, um Französisch zu lernen", sagt Henry. "Diese Sprache ist international sehr wichtig." Auch Stephan, der außer bei "fosa" auch bei "Ingenieure ohne Grenzen" aktiv ist, profitiert noch immer von seinem Jahr in Südafrika. Ihm hat vor allem der Familienzusammenhalt imponiert. Sein Bauingenieur-Studium wird er in einem Jahr beenden.

Wer weiß, welche Perspektiven sich bis dahin noch eröffnen. Jeden Donnerstag treffen sich Stephan und Henry mit Gleichgesinnten in der Ringvorlesung "Entwicklungspolitik" an der TU. Auch ihr eigenes Modell der Ausbildungsförderung haben sie dort schon vorgestellt und viel Zustimmung geerntet. Nicht nur wegen der Funktionsweise des Fonds, sondern auch wegen ihres Engagements an sich. "Wir sind nicht die Einzigen, die nach ihrem Auslandsaufenthalt weiter etwas gegen Ungleichheit und Armut tun wollen", sagt Stephan. "Aber wir wissen, wie man es anpacken kann - und geben unser Wissen gern weiter."

Mehr Infos zum Projekt: www.fosa-organisation.de