Berliner helfen

Lesen üben mit Herrn von Ribbeck auf Ribbeck

In der Bibliothek in der Lützowstraße in Tiergarten herrscht nachmittägliche Stille. Wenige Besucher lesen Zeitung oder suchen nach einem Buch. Nur in der hintersten Ecke wird gelacht. Mehrere Kinder haben sich auf Sitzkissen rund um Uta Haacke niedergelassen, um gemeinsam mit ihr ein Dinosaurier-Buch anzuschauen.

"Seht mal, so klein ist ein Pferd und so groß war ein Dinosaurier", sagt die pensionierte Buchhändlerin und zeigt auf die Seite mit dem Größenvergleich. Gihon (10), Ibrahim (9) und Raiyan (8) staunen. Die drei Jungen sind zum ersten Mal bei einer Vorlesestunde von Lesewelt e. V. Der Verein veranstaltet mit 200 ehrenamtlichen Vorlesern kostenlose Lesestunden an 48 öffentlichen Orten wie Bibliotheken, Schulen und Kitas. "Wir wollen die Lesefreude der Kinder wecken und vor allem die Sprachkenntnisse verbessern", sagt Ursula Frommholz, die den Verein vor elf Jahren gegründet hat. Die Vorlesestunden in den Bezirks-Bibliotheken stehen allen Kindern von vier bis zwölf Jahren offen, eine vorherige Anmeldung ist nicht erforderlich. Jedes Kind erhält eine Lesekarte und wer zehnmal dabei war, bekommt ein neues Buch geschenkt. "Für viele der Kinder ist es das erste eigene Buch überhaupt, da besonders in den Migrantenfamilien die Lesekultur nicht sehr ausgeprägt ist", sagt Ursula Frommholz.

Als der Verein anfing mit den Lesestunden, kamen viele deutsche Kinder. Heute kommt der größte Teil aus arabischen, türkischen, pakistanischen und russischen Familien. "Die meisten Kinder wachsen zweisprachig auf und können gut deutsch. Aber das Lesen muss eben geübt werden", betont Uta Haacke. Die 72-jährige ist seit zehn Jahren als ehrenamtliche Vorleserin dabei, einmal in der Woche in der Bibliothek Tiergarten-Süd in ihrem Kiez. "Es macht solchen Spaß, wenn die Kinder bei der Sache sind", sagt sie. Obwohl sie manchmal erst energisch für Ruhe sorgen muss oder auch mal frustriert nach Hause geht, weil die Kinder keine Lust haben. "Vielen fällt es sehr schwer, sich überhaupt auf eine Geschichte zu konzentrieren", hat sie beobachtet. Die Kinder kommen von der gegenüberliegenden Grundschule und dürfen sich die Bücher zum Vorlesen aussuchen. Aber die Fachfrau aus dem Buchhandel wählt auch sorgfältig selbst Texte aus - mit manchmal verblüffenden Ergebnissen. "Eines Tages habe ich Fontanes Gedicht über Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland vorgetragen. Die Kinder hörten aufmerksam zu und am Ende rief der siebenjährige Aykan: Nochmaaal!", erzählt Uta Haacke lachend. Seitdem gehört der gute Herr von Ribbeck mit seinem Birnbaum ihrem festen Repertoire und wird oft verlangt, besonders seit sie den Kindern erzählt hat, dass sie den Ort besucht und ihnen mit dem Prospekt gezeigt hat, dass es dort genau so aussieht wie in dem Bilderbuch zu dem Gedicht. Davon gibt es eine moderne und eine klassische Version - die Kinder lieben die altmodischen Illustrationen. Viele der Kinder begleitet Uta Haacke durch die Schulzeit. Neulich war ihr erstes "Vorlese-Kind" zu Gast in der Lesestunde, eine junge Türkin die gerade Abitur gemacht hat. "Einige Kinder sind einem schon sehr ans Herz gewachsen", sagt Uta Haacke.

Gerade Eltern aus Migrantenfamilien brächten ihre Kinder zu den Vorlese-Stunden, weil sie selbst nicht gut genug deutsch sprechen. "Das ist doch toll, wenn ihnen hier in perfektem Deutsch vorgelesen wird", sagt Patricia aus Nigeria, während sich ihr 10jähriger Sohn Gihon die Dinosaurier-Geschichte anhört.

Für Lesewelt-Kinder, die im August eingeschult werden, gibt es mit Unterstützung von Berliner helfen die Schultüten-Aktion. Wer zehnmal eine Lesestunde besucht hat, erhält eine große Schultüte, gefüllt mit Federmäppchen, Wachsmalstiften und vielen Sachen, damit die Schule Spaß macht. Alle Vorlese-Orte im Internet unter www.lesewelt-berlin.org