Projekt

So stark wie ein Bär

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Karoline Beyer

Dass sie während ihres Psychologiestudiums in der Arche landen würden, das hätten sich die sechs Studenten der Freien Universität (FU) nicht vorgestellt.

Anstelle von Vorlesungen und Seminaren arbeiteten sie eine Woche lang in dem Haus des Christlichen Kinder- und Jugendwerks Arche e.V. in Reinickendorf. "Bärenstark durch Sport" haben sie ihr Projekt genannt. Und hatten Großes damit vor: Sie wollten Kindern die Prinzipien der Gesundheitspsychologie beibringen. Klingt kompliziert, ist es aber eigentlich nicht. Denn der "Unterricht" dafür besteht nicht aus trockener Theorie, sondern aus Spiel, Bewegung und viel Spaß.

Anne-Christin Andree (24), Stefan Peters (24), Roland Gaber (27), Ann-Kristin Beyer (22), Nadja Bienert (25) und Mirjam Malorny (28) blicken zurück auf eine aufregende Interventionswoche. Im Rahmen ihres Studiums hatten sie sich mit dem Thema vorher intensiv auseinandergesetzt. Jetzt spüren sie hautnah, was es heißt, so eine Theorie in die Praxis umzusetzen. Und werten es rückblickend als Erfolg. "Es war schon toll, dass die Kinder sich jeden Tag mehr gefreut haben uns zu sehen", sagt Roland Gaber, der das Projekt initiiert hat. "Sie sind sichtbar aufgeblüht. Sie haben erzählt, sie hätten freiwillig zu Hause geübt und haben am Ende der Woche gefragt, wann wir wieder kommen."

Kein Bezug zu Bewegung

Viele der Kinder, die die Arche besuchen, stammen aus sozial schwachen Familien. Nur selten wird bei ihnen zu Hause vermittelt, wie wichtig Sport und gute Ernährung für ein gesundes, langes Leben sind - und dass man dazu auch Durchhaltevermögen braucht. Ein Schwerpunkt der Interventionswoche war deshalb das Thema Selbstvertrauen. Denn das sei die Grundlage für Erfolg, erklärten die Studenten den Kindern, die zwischen sechs und zehn Jahren alt sind.

Ein Ziel vor Augen haben, positiv denken, zu sagen "draußen regnet es, aber ich gehe trotzdem laufen." - "Wir sprechen in diesem Zusammenhang von der Selbstwirksamkeit", sagt Roland Gaber. "Wenn ich ein Ziel vor Augen habe und weiß, dass ich es tatsächlich erreichen kann, werde ich eher die Initiative ergreifen. Ich bewirke meinen Erfolg selbst."

Angefangen hatte alles in einem Seminar über Gesundheitspsychologie, das die sechs Studenten besuchten. Im Rahmen des "Wissenschaftsjahres 2011 - Forschung für unsere Gesundheit" war der Wettbewerb "Was macht gesund" ausgeschrieben. Hierfür vergab das Bundesministerium für Bildung und Forschung Fördergelder in Höhe von jeweils 10 000 Euro für die 65 besten Ideen. Das Projekt der FU-Studenten war unter den 65 besten. Auf der Suche nach einer geeigneten Einrichtung für die Projektwoche hätten sie sich gezielt nach Kindern umgesehen, denen besonders geholfen werden müsste. Studien zeigen, dass gerade Kinder aus sozial schwachen Familien besonders wenig körperlich aktiv sind und häufiger Übergewicht haben. Für die sechs Studenten Grund genug, sich in der "Arche" zu engagieren und schlechten Gewohnheiten entgegenzusteuern.

Die von ihnen organisierte Interventionswoche steht nicht auf dem Uni-Lehrplan und ist auch keine Voraussetzung, um einen Schein zu bekommen. Die Arbeit der Studenten ist ehrenamtlich, unterstützt wird sie durch die gewonnenen Fördermittel. Nadja Bienert ist stolz. "Es ist eine tolle Möglichkeit, den kleinen Archebesuchern zu zeigen, dass ich alles schaffen kann, wenn ich es nur wirklich will." Natürlich sei es am besten, wenn man vorher schon positive Erfahrungen gesammelt habe. Darauf basierten auch die Erwartungen, die die Kinder an sich selbst hatten. So sollten sie motiviert werden, Sport zu machen, selbst wenn der in ihrem Elternhaus nicht zum Alltag gehört. "Sie lernen, es einfach anzupacken und nicht aufzugeben", sagt Stefan Peters. "Auch wenn ihre Freunde vielleicht gerade mal keine Lust haben mitzumachen." In diesem Alter sei vielen noch nicht klar, was ihnen Sport bedeute. "Die Kinder, um die wir uns hier gekümmert haben, sind gerade im perfekten Einstiegsalter für Sportvereine."

Laufen, so lange es geht

Letztendlich machten jeden Tag 20 bis 30 Kinder mit. Den meisten von ihnen, erzählen die Studenten stolz, hätten sie Tipps mitgeben können, die sie im Alltag anwenden können. "Wir haben nicht nur Bewegungsübungen gemacht", resümiert Anne-Christin Andree. "Es ging beispielsweise auch darum, zu verstehen, was Entspannung mit dem Körper macht und wie wichtig sie ist."

Viel gelernt haben die Kinder auch beim Basteln. An einer Bewegungspyramide konnten sie zum Beispiel sehen, wie viel Sport am Tag wichtig ist. Oder: Wie kann ich meine Leistung so steigern, dass es noch Spaß macht? Auf selbstgemalten Postern hielten die Kinder fest, was "Risikoverhalten" ist und was "Gesundheitsverhalten": Fettiges Essen, viele Süßigkeiten, Zigaretten und Alkohol beispielsweise stehen auf dem Poster zum Risikoverhalten. "Viele Eltern rauchen", weiß Mirjam Malorny. "Wir erklären den Kindern nicht nur, dass sich damit ihre sportliche Leistung verschlechtert. Sondern auch, wie schädlich das für ihren Körper ist und was sie damit riskieren."

Man wird abwarten müssen, welche der Tipps sich die Kinder tatsächlich zu Herzen nehmen und wie ihr Leben in ein paar Jahren aussehen wird.

Das Laufprogramm der Studenten jedenfalls wurde während der Projektwoche immer beliebter. Die kleinen Sportler sollten laufen, so lange sie konnten. Zur Belohnung durften sie das Projekt-Maskottchen, den "starken Bären Bruno" ausmalen. "Warum schaffen wir es, jeden Tag ein bisschen länger zu laufen? Warum läuft der andere schneller als ich? Die Auseinandersetzung mit dem Thema bewirkt sehr viel", ist Ann-Kristin Beyer der Meinung.

Und wenn die Arche-Kinder, die jetzt bei "Bärenstark" mitgemacht haben, in ein paar Jahren immer noch Sport treiben, hätte das Team schon viel erreicht.